Lobgesang auf die Migration
Dieses Album ist ein Lichtblick. In Zeiten, in denen es immer selbstverständlicher wird, gegen Geflüchtete, für ihre schnelle Abschiebung und das Schließen der Grenzen einzutreten, erhebt dieses Duo mit Nachdruck seine Stimme für ein Umdenken. Die beiden Ausnahmemusiker haben ein Album vorgelegt, in dem sie die Migration in allen ihren Formen feiern. Ob es die vom Wind getragenen Samen, die Vögel, die zwischen den Kontinenten Afrika und Europa in den Jahreszeiten hin- und herziehen oder die Menschen sind, die seit Jahrhunderten über die Erde ziehen, schon immer wurde die Entwicklung des Lebens durch die Migration geprägt. Vor allem die Menschen befruchten sich dabei durch einen Austausch der Kulturen sowie der verschieden musikalischen Stile und Rhythmen. Welche Schönheit dabei entstehen kann, demonstrieren der englisch-italienische Poet und Songwriter Faccini und der malische Meister auf der Kora Sissoko unnachahmlich. Bereits vor über zwei Jahrzehnten sind sich die beiden Künstler über das Label Bleu begegnet und Freunde geworden. Immer wieder haben sie als Gastmusiker auf den Alben des jeweils anderen mitgewirkt. Nun legen sie ihr erstes gemeinsames Projekt vor, das ein Dialog zwischen den Kulturen, der Musik und der Instrumente ist. Minimal akustisch arrangiert, kommunizieren hier Faccinis markanter Gesang sowie sein rhythmisches Fingerpicking mit der filigranen und einfühlsamen Technik Sissokos an der Kora. Die unterschiedlichen Kulturen verlieren sich nie, sondern finden zu einem neuen Ganzen zusammen, das alle musikalischen Grenzen überwindet. So klingt das Album einerseits wie ein klassisches Werk aus Mali. Andererseits ist es vorzügliches Folksongwriting. So beginnen und enden alle Stücke mit den malischen Mandé-Traditionen und -Modi. Der in Frankreich lebende Faccini wiederum singt neun ihrer zehn Kompositionen ausschließlich auf Englisch. Allein das traditionelle italienische Lied „Ninna Nanna“ ist eine Reminiszenz an seine italienische Herkunft. Die beiden Musiker zeichnen sich durch eine intensive Harmonie aus, in der Stimme und Instrumente zu verschmelzen scheinen und dabei doch immer unterscheidbar bleiben. Wunderschöne Klänge, die wie der Gesang der Nachtigall, der das Duo zu ihrem Album inspiriert hat, noch lange nachhallen.
Erik Prochnow
Foto: Sandra Mehl






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