Lido Pimienta

Kolumbianischer Gegenentwurf zum Latin Pop

16. September 2026

Lesezeit: 4 Minute(n)

Die in Kanada lebende kolumbianische Sängerin Lido Pimienta entwirft mit ihrer Klangarchitektur eine Alternative zum Latin- und Reggaeton-Hype. Mit dem Namen ihres Albums Caribenya ehrt sie zudem einen ihrer Einflüsse: die irische New-Age-Musikerin Enya.
Text: Hans-Jürgen Lenhart

Nun hat Enya schon Anfang der Neunziger mit Titeln wie „Carribean Blue“ eine solche Verbindung projiziert. Da war Lido Pimienta zwar noch ein Kind, aber sie sagt: „Ich habe Enyas Musik damals schon so in mich aufgesogen, wie es früher üblich war, bevor Social Media alles dominierte und echte Kunst aufhörte, Teil des Mainstreams zu sein.“

Pimienta bewundert Enya, weil diese sich über Jahrzehnte mit ihrem keltischen Sound unabhängig von Moden behauptet hat. Und ähnlich wie die Irin nimmt sie ihre Produktion gerne selbst in die Hand. Während Enya oft ins Mystische abdriftet, sorgt Pimienta mit kolumbianischen Rhythmen und selbstbewussten Texten über ihre Wurzeln jedoch für mehr Bodenhaftung. Die Inspiration durch Enya spürt man im beseelten, oft verhallten Gesang, den geschichteten Stimmen, den Chören und Klangflächen aus schwebenden Synthesizersounds. Das Karibische findet sich in den pulsierenden Beats und akustischen Rhythmen wie Cumbia, Cumbia Rebajada oder der weichen kolumbianischen Variante des Dembow.

Lido Pimienta bezeichnet ihre Musik selbst als „experimentellen, verspielten Pop und keine traditionelle Folklore aus Kolumbien“. Insofern gibt sie dem Begriff „Latin Pop“ eine eigene Variante, die in ihrer Wahlheimat Kanada bereits 2017 mit dem begehrten Musikpreis Polaris gewürdigt wurde. Pimienta ist somit als Popmusikerin anerkannt und wird nicht in die Weltmusik- oder Folkloreecke gesteckt. Dennoch sagt sie über die wachsende lateinamerikanische Musikszene Kanadas: „Wir unterscheiden uns von der kanadischen Musikszene dadurch, dass wir meist nicht in unserer Muttersprache Spanisch singen können, wenn wir ein breiteres Publikum erreichen wollen, und auch dadurch, dass wir selbst als vollwertige Staatsbürger:innen immer als ‚anders‘ wahrgenommen werden. Ich mache mir darüber aber nicht allzu viele Gedanken – ich gehöre der Welt an.“

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Caribenya ist eine rhythmusbetontere und offenere Fortsetzung ihres Albums La Belleza von 2025, welches mit seinen orchestralen Klängen und Anklängen von Minimal Music die Grenzen lateinamerikanischer Musik neu definierte und zur selben Zeit entstand wie das Folgewerk. Beide Alben werden deshalb als Tonträger zusammen auf goldfarbenem Vinyl veröffentlicht. Die Musik weckt zudem Erinnerungen an das australische Duo Dead Can Dance mit seinem ätherischen Ethnopop. Laut Pimienta gibt es aber noch ganz andere Einflüsse: „Der tschechische Filmkomponist Luboš Fišer und Vangelis waren große Inspirationsquellen, ebenso die unter die Haut gehenden Aufnahmen italienischer Kastratenchöre und der Frauenchor des bulgarischen Staatsfernsehens.“

Die Presse sieht Lido Pimienta als antikoloniale Ikone, die sich nicht vorschreiben lässt, wie Kolumbianerinnen zu klingen haben. Damit und als zudem queere Person of Color ist sie eine Art Gegenentwurf zu Kolumbiens kommerziellstem Star Shakira – beide stammen aus der Barranquilla, der viertgrößten Stadt des Landes. Kanada gilt international im Umgang mit Queerness und fremden Ethnien als relativ liberal, doch Pimienta meint hierzu: „Ich bin mit einem heterosexuellen Mann verheiratet, und wir haben drei Kinder. Aufgrund meiner gleichzeitigen Queerness erfahre ich keine Diskriminierung. Was jedoch meine ethnische Zugehörigkeit betrifft, hört Kanadas Ruf als liberaler Traum auf. Kanada macht einfach sehr gute PR. Das Land ist extrem rassistisch, versteckt das aber gut.“

In Kolumbien ist Pimienta eine gefeierte Kultfigur der alternativen Szene und zugleich Stachel im Fleisch des kolumbianischen Establishments. Das macht sich auch an ihrem Album Miss Colombia von 2020 fest. Damit bezog sie sich auf die Wahl der Miss Universum im Jahr 2015, bei der der kolumbianischen Kandidatin versehentlich die Krone aufgesetzt und wieder abgenommen wurde. In Kolumbien fasste man dies als Beleidigung eines ganzen Volkes auf. Pimienta veranlasste der Skandal, sich künstlerisch mit ihrem kolumbianischen Erbe und ihrem Stolz auseinanderzusetzen. 2022 setzte sie dies in ihrer Fernsehsendung Lido TV fort, einer Art Politsatireshow über Feminismus, Kolonialismus, Privilegien, Schönheit, Erfolg und Hass. Bei ihren Konzerten fordert sie zudem das Publikum auf, Women of Color nach vorne durchzulassen, was schon zu Kontroversen führte.

Auch auf Caribenya fordert Lido Pimienta „ein Ende des Kolonialismus. Ich sehne mich nach einer Rückkehr unserer Diaspora in die Heimat und danach, dass wir uns dort sicher fühlen können – frei von der Bedrohung durch fremde Eingriffe. Caribenya ist ein Plädoyer für Frieden in Zeiten absoluter Unruhen und einer Straflosigkeit, die an Völkermord grenzt.“ Sie bezieht sich hierbei auf ihre Abstammung vom Volk der Wayúu auf der Guajira-Halbinsel, die zum größten Teil zu Kolumbien gehört, zu einem kleineren Teil zu Venezuela. Aus diesem Gebiet werden die Wayúu von Drogenhändlerbanden mit Morden, Todesdrohungen und Erpressung vertrieben. In einem Reservat widersetzen sich zudem Wayúu dem größten Kohlekonzern Kolumbiens, Cerrejón.

Lido Pimienta wurde 1986 in Kolumbien geboren und wanderte 2005 aus, um zu ihrer Familie zu ziehen, die bereits zuvor nach Kanada geflüchtet war. Ihr erstes Album, Color, erschien 2010, für ihr zweites Album, La Papessa, erhielt sie 2017 dann bereits den Polaris-Preis. Gleichzeitig verfolgte die studierte Kunstkritikerin eine Karriere als feministische Künstlerin und Kuratorin. Seit ihrer Ballettkomposition Lux Aeterna im Jahr 2016, durch die sie zur ersten Woman of Color wurde, die für das New York City Ballet komponierte, bemüht sie sich um die Dekolonisierung des europäisch besetzten Bereichs der klassischen Musik durch eigene Werke.

Aktuelles Album

Caribenya (Anti-, 2026)

Caribenya ist ein Plädoyer für Frieden in Zeiten absoluter Unruhen und einer Straflosigkeit, die an Völkermord grenzt.“

Lido Pimienta

Foto: Sebastian Comba

Lido Pimienta

Foto: Sebastian Comba

Caribenya – Cover
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Aufmacher:
Lido Pimienta

Foto: Sebastian Comba

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