Ein Buchhändler, der eigentlich gerne Musiker geworden wäre. Weil das nicht klappte, hat er seine Buchhandlung kurzerhand in eine Topadresse für Celtic Folk und Artverwandtes verwandelt.
Text: Erik Prochnow; Fotos: Hans Grünthaler
„Schon in meiner Jugend habe ich oft von einer Kleinkunstbühne geträumt“, erinnert sich Hans Grünthaler. Tatsächlich hat der heute Sechzigjährige seinen Traum 2012 verwirklicht. Doch seine Kleinkunstbühne im bayerischen Schwabmünchen zählt sicherlich zu einem der ungewöhnlichsten Veranstaltungsorte seiner Art. Denn Grünthaler ist eigentlich Inhaber und Geschäftsführer der Buchhandlung Schmid in der rund 16.000 Menschen zählenden Stadt im Landkreis Augsburg.
„Als ich das Geschäft 2012 von dem damaligen Inhaber übernahm, habe ich gleich mit einem neuen Veranstaltungskonzept begonnen“, sagt der studierte Wirtschaftswissenschaftler mit Schwerpunkt Personalwesen. Weil die wenigen üblichen Lesungen in einer Buchhandlung aus seiner Sicht mehr Entertainment brauchten, begann er, dazu Livemusik lokaler Acts anzubieten. Schon bald machte der musikalische Teil zwei Drittel der Veranstaltungen aus. „Dann habe ich das erste komplette Konzert in unserer Buchhandlung gewagt, und es wurde sehr gut angenommen“, so Grünthaler.
Doch der Unternehmer wollte mehr. Nach zwei Jahren hatte er bereits das Niveau erreicht, das er auch heute anbietet. Zwischen 35 und 40 Veranstaltungen jährlich finden im Rahmen seiner Buchhandlung statt. Neben den gewohnten Lesungen bietet er inzwischen auch Kabarett und Comedy an. Zentraler Bestandteil seines Konzepts sind aber vor allem Konzerte in den Genres Folk, Blues und Weltmusik mit besonderem Schwerpunkt auf keltischer Musik. Im Programm seit Anfang September 2026 treten eine Reihe herausragender Acts der Szene auf wie der schottische Fiddler Ryan Young, die irische Band Goitse, das deutsche Celtic-Folk-Ensemble Cara oder die aus Solingen stammende Harfenvirtuosin und Sängerin Nadia Birkenstock.
„Musik war schon immer eine Leidenschaft von mir“, sagt Grünthaler, der in seiner Jugend klassische Gitarre lernte und während des Studiums in einer Soul-Jazz-Blues-Band Bass spielte. „Ich musste allerdings anerkennen, dass Musizieren doch viel schwieriger ist, als ich dachte, und deshalb bin ich wunschlos glücklich, dass ich heute ohne Profitgedanken exzellenten Musikschaffenden und auch Newcomern eine Bühne bieten kann“, resümiert der Veranstalter. Die Liste an hervorragenden Künstlerinnen und Künstlern, die bei ihm auf der Bühne standen, ist lang. So gastierten etwa die Liedermacherin und Oboistin Miriam Hanika, der isländische Singer-Songwriter Svavar Knutur, die irische Band The Jeremiahs oder der bayerische Mundartsänger Weiherer bei ihm. Für Grünthaler, der 1996 zum Team der Buchhandlung stieß, ist seine Bühne inzwischen ein zweiter Vollzeitjob. „Eigentlich habe ich in der Buchhandlung nur zur Überbrückung angefangen, weil ich im Personalbereich keine andere Stelle gefunden hatte. Kaum zu glauben, dass ich das Geschäft heute führe und auch noch eine Kleinkunstbühne leite“, ist der Musikliebhaber immer noch erstaunt.
Die Organisation der Veranstaltungen verlangt ihm neben seiner eigentlichen Tätigkeit als Buchhändler sehr viel Einsatz ab. Nicht nur muss er die Künstler engagieren sowie deren Betreuung organisieren. Grünthaler übernimmt oft auch die Licht- und Tontechnik an den Abenden und muss sicherstellen, dass die Kleinkunstbühne kein Verlustgeschäft ist. „Ich bin zum Glück kein klassischer Veranstalter und muss davon nicht leben. Durch meine Buchhandlung kann ich eine Mischkalkulation anstellen“, erläutert der Geschäftsmann, der sich in puncto Kleinkunstangebot eher als Ehrenämtler sieht, seine Strategie. Dennoch muss er genau rechnen. Da seine Buchhandlung nur Platz für eine kleine Bühne und 65 Sitzplätze bietet, weicht er für größere Ensembles und Veranstaltungen inzwischen auf Räumlichkeiten aus, die bis zu zweihundert Gäste fassen. Dazu zählen neben einer Behindertenwerkstatt oder einem Kunstverein vor allem Gemeindezentren in der Umgebung, deren Bürgermeister von Anfang an eine große Kooperationsbereitschaft für seine Veranstaltungen zeigten. Die Resonanz auf sein familiäres Konzept mit großer Nähe zu den Auftretenden, für das er bereits 2016 zu Bayerns Buchhandlung des Jahres gewählt wurde, ist groß. „Viele Besucher freuen sich, dass sie hier in unserem kleinen Ort Konzerte mit dem Fahrrad erreichen können, die oft nur in großen Städten wie Hamburg oder Augsburg erlebbar wären“, sagt Grünthaler. Sogar aus München oder der Schweiz kommen Folkfans zu seinen Veranstaltungen. Die Anziehungskraft seiner Buchhandlung hat sich auch bei den Künstler:innen herumgesprochen, was den Veranstalter aber auch etwas betrübt. „Ich bekomme so viele Anfragen von tollen Leuten, die ich frühzeitig buche, dass kaum Raum für spontane Engagements bleibt, wenn ich mal etwas zufällig entdecke.“
Was Veranstaltungsumfang und Arbeitseinsatz betrifft, sieht Grünthaler sein Limit erreicht. „Spätestens mit siebzig will ich bei den Konzerten nicht mehr um Mitternacht der Letzte sein, der dann die Kabel aufrollt“, sagt er mit einem Lächeln. Seit drei Jahren erzählt er überall, dass er kürzertreten will. „Doch dann ist das Konzert wieder überwältigend, und ich buche die Künstler erneut für einen Termin in zwei Jahren“, beschreibt er seine Schwierigkeit, sich von seiner Leidenschaft zu lösen. Doch ihm ist klar, dass er nicht ewig so weitermachen kann. In absehbarer Zeit wird er sich damit beschäftigen müssen, wer die Schwabmünchener Kleinkunstbühne eines Tages weiterführen könnte. Denn so Grünthaler: „Das Ende meiner Programmreihe würde ein riesiges Loch in die Kulturlandschaft unserer Region reißen.“
„Schon in meiner Jugend habe ich oft von einer Kleinkunstbühne geträumt.“












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