Wer kennt nicht den Shantychor, der bei Inas Nacht vor dem Fenster steht und immer, wenn Ina Müller oder ihr Gast einen Gag bringt, den „Drunken Sailor“ anstimmt? Das ist allerdings nur ein Abklatsch von dem, was Shantys eigentlich sind, nämlich Arbeitslieder der Seeleute, als diese noch auf Windjammern über die sieben Weltmeere segelten und beim Hieven des Ankers oder Hissen der Segel in diesen rhythmischen Gesang verfielen, mit einem Vorsänger, dessen Strophe von der Mannschaft wiederholt wurde. Heutzutage ist diese Epoche der Seefahrt Geschichte, aber der Gesang erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. So sehr, dass ein 1986 in Rostock gegründeter Shantychor nun sein vierzigjähriges Jubiläum feiern kann: die Breitlings.
Gründungsmitglied und künstlerischer Leiter Siegfried Weber sang damals in zwei Bands namens Sanddorn in Heiligendamm und Nach der Arbeit in Rostock Folksongs aus vielen Ländern, wollte es aber mal mit typischer Küstenmusik versuchen und bewarb sich auf die Leitung eines neu zu gründenden Shantychores der Deutschen Seereederei. Weber erzählt: „Ich musste erst mal mein Konzept vorstellen und den Leuten die Unterschiede erklären zwischen Volksmusik und Folkmusik. Ich wollte mit meinem Geschmack und meiner folkloristischen Prägung keinesfalls einen ‚gewöhnlichen Shantychor‘ gründen.“ Statt sentimentale Seemannslieder oder Schlager, wie andere Chöre sie sangen, wollte er echte Sea Shantys auf die Bühne bringen. Mithilfe je einer LP von Hannes Wader und des Bremer Chors Hart Backbord erklärte er den ersten zehn Mitgliedern sein Konzept.
Über die Jahre bestand der Chor aus 10 bis 18 Leuten zwischen 23 und 89 Jahren. Derzeit hat er sogar 21 Mitglieder, darunter echte Seeleute. Neben – unter anderem mehrstimmigem – Gesang, kommen auch Gitarre, Akkordeon, Violine, Banjo, Mandoline, Bass sowie teilweise Posaune, Sackpfeife und Trommel zum Einsatz. Zunächst traten die Breitlings DDR-weit auf, bekamen dafür sogar bezahlten Urlaub, seit der Wende erweiterte sich der Radius auf England, Belgien, die Niederlande, Dänemark, Schweden, Estland, Tschechien und darüber hinaus. Weber: „Weitere Höhepunkte waren ein Konzert gemeinsam mit der Norddeutschen Philharmonie Rostock Mitte der Neunziger im Grand Hotel Heiligendamm mit Spezialarrangements für Shantychor und großes Orchester sowie 2019 eines mit dem Freien Studentenorchester Rostock in der dortigen Nicolaikirche.“
Schatzmeister Mirko Dobermann strahlt: „Ich finde es immer toll, wenn man irgendwo nach Europa oder auch Kanada kommt und man singt die gleichen Lieder, gelegentlich allerdings in verschiedenen Sprachen.“ Grenzüberschreitend Folkmusik eben – wie die Seefahrt.
Michael A. Schmiedel






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