1975 begann im Libanon der militärische Konflikt mit dem Bürgerkrieg, in dem ab 1978 Israel und ab Mitte der Achtzigerjahre auch die libanesisch-schiitische Hisbollah eine Rolle spielen. 1982 griff Israel den Libanon an und besetzte fast zwei Jahrzehnte lang Gebiete. 1990 endete zwar der Bürgerkrieg und von Zeit zu Zeit gab es ruhigere Phasen, es kam jedoch nie zu einem Friedensschluss Israels mit dem Libanon. Zwischen Ende 2024 und Anfang März 2026 war wieder einmal ein etwas ruhigeres Zeitfenster, bevor der Krieg erneut eskalierte, der bis heute andauert. Seitdem wurden weit über 4.000 Menschen getötet sowie fast 1,2 Millionen, etwa 20 Prozent der Bevölkerung des Landes, vertrieben.
Reportage: Birgit Ellinghaus, Juli 2026
Der Libanon hat schon lange keine funktionierende Staatlichkeit mehr. Große Teile des öffentlichen Dienstes wie Armee, Polizei und Justiz werden kaum entlohnt. Das Bankensystem ist zusammengebrochen, sodass die Menschen nicht mehr an ihr Erspartes kommen. Alle Guthaben sind seit 2019 eingefroren, und im Alltag wird in drei Währungen in bar gezahlt: US-Dollar, libanesisches Pfund und Euro. Selbst in der Hauptstadt Beirut steht staatlicher Strom täglich nur für rund zwei Stunden zur Verfügung – die restliche Zeit werden private Solar- und Dieselgeneratoren genutzt. Die Spuren des Bürgerkriegs sind in den Ruinen und verlassenen Häusern im ganzen Land sichtbar. Zudem ist Beirut weiterhin gezeichnet von der schweren Explosion im Hafen im August 2020. Daher wundert es nicht, dass – insbesondere aus Deutschland – kaum Touristen in den Libanon reisen, jedoch viele Menschen aus der großen deutsch-libanesischen Community in Berlin und im Ruhrgebiet. Trotz der militärischen Konflikte gibt es täglich Flüge ins Land, das nur über den Luftweg erreichbar ist.
Musikrecherche zwischen Großereignissen
Ich bin Ende November 2025 für eine Musikrecherche in den Libanon gereist, die mich in die Städte Beirut, Aintoura, Byblos und Tripoli geführt hat, jedoch wegen der Sicherheitslage nicht in den Süden des Landes. Ich konnte zahlreiche Kulturinitiativen, historische Kulturstätten, Musikorganisationen, Bands, Ensembles, Kulturaktivist:innen, Produzent:innen, Medienmenschen und Musikwissenschaftler:innen des Landes und aus anderen Regionen der Levante treffen sowie das Beirut and Beyond International Music Festival 2025 mit vielen Showcasekonzerten und Konferenzen besuchen.
Ungeplant wurde meine Reise von zwei besondere Großereignissen gerahmt: der ersten Auslandsreise Papst Leos XIV., die in den Libanon führte, und dem ersten Jahrestag des Sturzes des syrischen Diktators Baschar al-Assad im Nachbarland, was von den etwa 1,5 Millionen syrischen Geflüchteten im Libanon gefeiert wurde. Beide Ereignisse waren für das kleine Land mit seiner Bevölkerung von knapp sechs Millionen Menschen sehr prägend. So wurde der Papst nicht nur von den Angehörigen der achtzehn verschiedenen Religions- und Konfessionsgemeinschaften gefeiert, die sich gestärkt und anerkannt fühlten. Das ganze Land war mit Fahnen geschmückt, und es herrschte eine festliche Stimmung bei interreligiösen Begegnungen auch mit hohen Vertretern der muslimischen Gemeinschaften auf öffentlichen Plätzen in Beirut, bei denen die Libanes:innen mit Stolz ihre kulturelle und religiöse Vielfalt feierten. In dieser Zeit des Advent fand auch zum achtzehnten Mal das Beirut Chants Festival statt. Es ist eine gute Gelegenheit, in den zahlreichen Kirchen der Stadt kostenlos die vielen exzellenten Chöre der diversen Religionsgemeinschaften bei Auftritten live zu erleben.
Einst wurde die libanesische Hauptstadt „Paris des Nahen Ostens“ genannt. Und von der kreativen Schönheit der Stadt bekommt man – trotz aller Misere – durch die Resilienz der Menschen immer wieder eine Ahnung: Es gibt eine sehr lebendige, multireligiöse, diverse Kulturszene, und eine starke Zivilgesellschaft trägt Verantwortung für das tägliche Leben. Es gibt freie, pluralistische Medien (anders als in allen anderen arabischen Ländern der Region), Sprachenvielfalt, von Stiftungen, gemeinnützigen oder internationalen Organisationen getragene Bildungseinrichtungen sowie angesagte Clubs, die gut besucht sind.
Vielstimmig – Chöre im Libanon
Nordöstlich von Beirut liegt in den Bergen die Kleinstadt Aintoura und das Philokalia Institut mit einer Musik- und Kunstschule der maronitischen Gemeinschaft. Der eindrucksvolle Schulkomplex mit seinen verschiedenen Gebäuden ist in einem ehemaligen Kloster untergebracht, das für die Nutzung als Schule restauriert und ausgebaut wurde. Neben dem Konservatorium mit praktisch-künstlerischer Ausbildung und zahlreichen Ensembles (Chöre und Instrumentalensembles) gibt es auch Abteilungen für Sprache, Literatur, Theater sowie für bildende Kunst und Kulturwissenschaften. Das Philokalia Institut ist weit über die Grenzen hinaus bekannt für fundierte technische und künstlerische Ausbildung in arabischer und klassischer westlicher Musik, Weltmusik und geistlicher Musik (Schola Cantorum).
Der Fayha-Chor tritt im ganzen Land und bei Festivals weltweit auf und wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet – unter anderem 2016 mit dem Music Rights Award des International Music Council (IMC) als Anerkennung für das Engagement bei der sozialen und moralischen Unterstützung Geflüchteter durch Chorgesangstraining. Mit „With Fayha“ hat der Chor sogar eine eigene wöchentlich Radiosendung, in der Musik und Chorgesang präsentiert wird. In der AUB konnte ich die Abschlussproben für ein Konzert beim Beirut Chants Festival hören mit beeindruckenden Solist:innen für spirituellen Sufigesang, polyfone beziehungsweise vierstimmige griechisch-orthodoxe und armenische Gesänge in arabischer Sprache bis hin zu modaler Musik in der Tradition des andalusischen Flamenco.
Aktuelle hybride Klänge der Levante
Das Beirut and Beyond International Music Festival (BBIMF) unter der Leitung der charismatischen Gründerin Amani Semaan und der bestens vernetzten, mutigen künstlerischen Leiterin Yara Mrad ist heute der wichtigste Treffpunkt für die agile internationale Szene hybrider Klänge zwischen der Levante, Europa und Nordafrika. Die Konzerte der Festivalausgabe 2025 fanden im technisch exzellent ausgestatteten Konzertsaal Metro Al Madina im Stadtteil Hamra statt, der im Gebäude der Arab Image Foundation liegt. Dort gehen die Konzerte auch weiter, wenn mal wieder Stromausfall herrscht und die Generatoren für Licht und Sound sorgen müssen. Eine besondere Entdeckung war das Konzert des Projekts „Bethlehem“, einer Zusammenarbeit zwischen der Initiative Wonder Cabinet, Radio alHara, dem über achtzig Jahre alten Chorleiter der Geburtskirche in Bethlehem, Lawrence Sammour, sowie den in Beirut ansässigen Musikern Sary Moussa und Abed Kobeissy, das sakrale liturgische Tradition mit experimentellem elektronischem Klang verband. Darüber hinaus waren sowohl große Namen der innovativen elektroakustischen Musikszene der Levante wie auch die junge Szene des Libanon in verschiedenen Formationen zu erleben: Wet Silhouette, Charbel Haber, Farah Kaddour & Marwan Tohme, Bonne Chose sowie verschiedenen DJs.
In Kooperation mit dem BBIMF 2025 fanden zahlreiche Diskussionsrunden und Präsentationen statt. So wurde der Mottamar-Kongress für elektronische und innovative arabische Musik vorgestellt, eine Initiative inspiriert vom legendären Kairo-Kongress für arabische Musik des Jahres 1932. Der Mottamar fand im November 2025 in Tilal Utique in Tunesien statt mit dem Ziel, Künstler:innen, Denker:innen und Kulturschaffenden der Elektronikszene aus der gesamten arabischen Welt eine Art Safe Space – ohne Einflussnahme westlicher/europäischer Länder – für Austausch, Reflexion, gemeinsame Ideenfindung und strukturierten Dialog zu bieten sowie, um über Visionen und mögliche Zukunftsperspektiven der Musik in der panarabischen Region nachzudenken und Grundlagen gemeinsam neu zu gestalten.
Einen lohnenden Abstecher des BBIMF 2025 gab es zu den One Hertz Studios im legendären Piccadilly Building in Beirut, das seinen Namen dem ikonischen Londoner Piccadilly Theatre entlehnt hat. Es wurde 1965 vom libanesischen Architekten William Sednaoui entworfen und in den Sechziger- und Siebzigerjahren zum wichtigsten Veranstaltungsort für Konzerte, Musicals und Theater im Libanon. Es schloss Mitte der Achtziger infolge des libanesischen Bürgerkriegs, wurde teilweise durch Bomben beschädigt und stand Jahrzehnte lang leer. Zu den bedeutenden Künstler:innen, die dort auftraten, gehörte die berühmteste libanesische Sängerin Fairuz, die von 1967 bis 1978 alle ihre Premieren dort aufführte. 2019 bekam der Musikproduzent Jawad Chaaban die Erlaubnis, in diesem Gebäude einige Räume selbst instand zu setzen und als professionelles Studio einzurichten. Seitdem sind dort mit hervorragender Akustik und modernster Ausstattung zahlreiche Produktionen libanesischer und internationaler Acts entstanden. 2022 wurden von einem privaten Investor die Restaurierung und Wiedereröffnung des Lost Place Piccadilly Theatre nach vierzig Jahren Schließung angekündigt, was sich durch die militärische Auseinandersetzung zwischen Israel und der Hisbollah im Herbst 2024 jedoch wieder auf unabsehbare Zeit verzögert hat.
Vergessene Bühnen und mystische Kulissen: Lost Places in Tripoli
Auch in Tripoli gibt es Orte, die von der Welt fast vergessen, aber nun von der heutigen kulturaktivistischen Generation mit Musik neu zum Leben erweckt werden. Tripoli ist die zweitgrößte Stadt des Libanon, eine der ältesten im gesamten westlichen Asien, deren Gründung auf die Phönizier im 9. Jahrhundert vor Christus zurückgeht. Sie liegt rund 85 Kilometer nördlich von Beirut, nah an der syrischen Grenze. Dort haben die verschiedenen Epochen ihre Spuren hinterlassen.
1962 wurde der brasilianische Stararchitekt Oscar Niemeyer von der damaligen libanesischen Regierung mit einem Vorzeigeprojekt ihrer Modernisierungspolitik beauftragt, um in Tripoli eine zentrale Messe für die arabische Welt mit dazugehöriger sozialer Wohnbebauung und Gestaltung eines 70 Hektar großen Geländes zwischen Altstadt und Hafen zu konzipieren. Die Entwürfe Niemeyers für die Pavillons der Messe wurden zwischen 1967 und 1975 gebaut und zählen zu den bedeutendsten repräsentativen Werken moderner Architektur des 20. Jahrhunderts im arabischen Teil Westasiens. Durch den Beginn des Bürgerkrieges 1975 wurde die Arbeit an den Pavillons unterbrochen – sie wurden nicht von innen ausgestattet und die Messe nie eröffnet. 2023 wurde der beeindruckende Komplex des Rachid Karami International Fair als UNESCO-Welterbestätte unter Schutz gestellt. Über fünfzig Jahre war dies eine Art Lost Place, der punktuell für größere Open-Air-Konzerte genutzt wurde. Auch das BBIMF hat einzelne Gebäude wie die fensterlose Kuppelhalle für zweitausend Gäste mit neun Sekunden Nachhall für besondere Musikprojekte bespielt. Jetzt ist wegen dringend notwendiger Restaurierung jedoch nur noch begrenzter Zugang möglich.
Im Stadtviertel von Tripoli El Mina liegt auf felsiger Höhe über dem Hafen wie ein vergessenes Kleinod der Club Stereo Kawalis in einem alten Kino aus den Fünfzigerjahren. Ebenfalls mehr als fünfzig Jahre lang ein „verlassener Ort“, der 2021 von jungen Musikschaffenden und Kulturaktivist:innen der Stadt liebevoll renoviert wurde. Heute ist es ein angesagter Treffpunkt für die dortige junge, migrantische Musikszene mit Wurzeln in Syrien, Libyen, Palästina oder Ägypten, die dort kleine Festivals und Jamsessions zwischen Singer-Songwriter, Rap und traditioneller Musik zelebriert.
Wer nun angefixt ist, aber nicht bis in den Libanon für musikalische Entdeckungen reisen will oder kann, der hat Ende Oktober, Anfang November 2026 die Möglichkeit, beim Libanon-Festival der Hamburger Elbphilharmonie einige interessante Stimmen dieser Region live zu erleben. Mit dabei sein werden so verschiedene Acts wie Sanam, Tania Saleh, Farah Kaddour & Tilt Trio, Charbel Rouhana oder auch Abeer Nehme (das komplette Programm findet sich hier: www.elbphilharmonie.de/de/festivals/libanon/2653). Der dazugehörige Artikel von Thomas Burkhalter zur Szene im Libanon für das Magazin der Elbphilharmonie beleuchtet zudem noch einmal andere Facetten, als sie in diesem Artikel nachgezeichnet wurden: www.elbphilharmonie.de/de/mediathek/die-musik-des-libanon/1222.
Zwei Nachträge zum Schluss: Die diesjährige Ausgabe des BBIMF findet vom 3. Bis 6. Dezember 2026 statt. Und die Gründer und Protagonisten des Wonder Cabinet, Elias und Yousef Anastas, wurden gerade mit dem Kunstpreis Berlin 2026 ausgezeichnet sowie mit einer Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste geehrt, siehe https://adk.de/programm/veranstaltungskalender/2026/10/elias-und-yousef-anastas/596525 und www.museumsportal-berlin.de/de/veranstaltungen/elias-und-yousef-anastas.
Linktipps:
www.antoineticketing.com/venues/35/metro-al-madina
www.beirutandbeyond.net/bbimf-2025
www.facebook.com/OneHertzStudio
www.instagram.com/rummantripoli (Stereo Kawalis)
www.kamellazaarfoundation.org/project/tilal-utique (Tilal Utique)
www.the961.com/lebanese-iconic-piccadilly-theatre-set-to-be-restored
https://whc.unesco.org/en/list/1702 (Welterbestätte Rachid Karami International Fair)
https://whc.unesco.org/en/list/295 (Welterbestätte Byblos)
Zum Schauen und Hören:
„Bethlehem“, live in Beirut @ BBIMF 2025:
www.facebook.com/61551081903427/videos/pcb.122297928242036063/1167966978870384
www.facebook.com/61551081903427/videos/pcb.122297928242036063/1598797031288638
www.facebook.com/61551081903427/videos/pcb.122297928242036063/1519713122581344
„Kontinental-Platten“ – BR2-Podcast für Weltmusik und globale Sounds, Sendung vom 7.7.2026 von Dagmar Golle: „Libanon: Musik als Überlebensstrategie im Krieg“














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