Der unscheinbare Impulsgeber

Royston Wood

30. September 2026

Lesezeit: 5 Minute(n)

Der englische Musiker Royston Wood (1935–1990) war Grenzgänger zwischen traditionellem Folk, klassischer Musik und Popmusik. Obwohl er einige Jahre lang Profimusiker war, blieb er – dem schlechten Ruf des Wortes zum Trotz – bewusst Amateur (von lateinisch amo, „ich liebe“) in gleich drei zeitlichen Dimensionen: Er liebte die Beschäftigung mit längst vergangenen Epochen der Musikgeschichte, genoss das Singen im Hier und Jetzt, doch steckte ebenso viel Herzblut in seine Vision einer „neuen Musik“, die elektrische Instrumente integrierte und Genregrenzen zerfließen ließ.
Text: Maximilian Bolch

„Ich kenne die Melodie aus Händels Arie ‚O Lovely Peace‘“, sagte Royston Wood 1978 im US-Radio über das irische „Planxty O’Carolan“. „Händel und O’Carolan waren Zeitgenossen, und es ist verbrieft, dass Händel wie ein Kippensammler Melodien anderer Musiker aufklaubte. Ich finde das großartig!“ Wood hatte es ein Jahr zuvor nach New York verschlagen, nachdem er zwölf Jahre das britische Folkrevival mitgeprägt hatte – kaum aus der ersten Reihe, sondern eher als „unscheinbarer Impulsgeber“. Grund dafür, dass Wood nur selten in einem Atemzug mit bekannteren Namen wie Martin Carthy oder Dick Gaughan genannt wird, ist, dass Wood zwar als hervorragender Musiker galt – der Folkavantgardist Ashley Hutchings frohlockte über seine „herrliche, warme Baritonstimme“ –, jedoch nicht sehr zielstrebig in der Umsetzung seiner eigenen Ideen war. Auch aufgrund unglücklicher Umstände hat Wood nur wenige seiner Projekte vollenden können, dafür aber unzählige Denkansätze großflächig über die englische Musiklandschaft verteilt.

Royston Wood an der englischen Konzertina, ca. 1978

Foto: Toni Mendell

Woods Lebenswerk liegt die Kernerfahrung zugrunde, dass zwischen klassischer Musik und Folk ein wechselseitiger Durchmischungsbereich besteht. Schon als Kind hatte er sich in die klassische Musik verliebt, der Krieg ihm aber jedwede Instrumentalausbildung vereitelt, sodass er sich erst als Industriewerbetexter verdingte. Deprimiert von seinem drögen Job floh Wood 1962 in die Londoner Folkclubs, wo er erstmals als Sänger in Erscheinung trat und bemerkte, dass er einige Elemente von Folksongs aus der Klassik kannte. 1965 gründete er mit Peter Bellamy und Heather Wood (nicht verwandt) das A-cappella-Trio The Young Tradition, dem es mit Stimmgewalt, einem Beatnik-Lebensstil und historisierenden Kleidern gelang, streng am traditionellen englischen Volkslied zu bleiben, jedoch zugleich ideelle Brücken in die britische und amerikanische Hippie- und Undergroundszene zu schlagen. Die Architektur seiner Bassstimmen entlehnte Wood vorwiegend der sinfonischen Musik. Ausgiebig studierte er auch die Renaissance und setzte 1968 für das entzückende Album Galleries die Erweiterung des Trios um ein kleines Alte-Musik-Konsortium durch. 1969 zerbrachen The Young Tradition: Der Folkpurist Bellamy fand Woods Träume von einer solchen „neuen Musik“ abstrus.

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„Ich hatte keinen Schimmer, wie man zu einer elektrischen Band singt.“

The Albion Country Band im April 1972; vorne, v. l.: Royston Wood, Sue Draheim, Dave Mattacks; hinten, v. l.: Steve Ashley, Simon Nicol, Ashley Hutchings

Foto: Keith Morris

Der aber hielt an seiner Vision fest und stellte sich darin bald auch elektrische Instrumente vor – nicht um hip zu sein, sondern schlicht daher, weil er das etablierte Instrumentarium um neue Klangfarben und Kräfte erweitern wollte. Es waren nicht die Vertreter der Rock-’n’-Roll-Ära, die ihn hierzu inspiriert hatten – diese hatten ihn nämlich gelangweilt –, sondern eher Paul Hindemith und vor allem die elektrischen Volksliedarrangements der Undergroundband Fairport Convention. Deren Bandleader, Ashley Hutchings, und Wood waren im Herbst 1971 die Keimzelle der Albion Country Band, die vorwiegend alte Balladen sowie instrumentale Morris-Melodien elektrifizierte und rasch unter Hutchings Alleinherrschaft geriet. „Ich hatte keinen Schimmer, wie man zu einer elektrischen Band singt“, stöhnte Wood, „und kann auch keine Rockmusiker händeln.“ Er meinte damit vor allem, dass sein subtiles „klassisches“ Timing vom metronomischen Zeitgefühl seiner Rockbandkollegen gern zerdrückt wurde. Die Gruppe zerfiel in dieser Konstellation rasch, doch zeigen Konzertmitschnitte, dass Woods Mühen Früchte trugen: Die Musik ist beachtlich, strotzt vor Selbstkontrolle und erinnert trotz Schlagzeug und Verstärkern mehr an Vaughan Williams als an Led Zeppelin. Fünf Jahre später trommelte Wood Teile der Band ein letztes Mal zusammen für eine feierliche Vertonung des altkirchlichen Gebetes „St. Patrick’s Breastplate“ mit ernstem E-Bass und wuseligen E-Gitarren sowie ein irrwitziges Arrangement einer Orgel-Chaconne von François Couperin für eine elektroakustische Landkapelle (auf No Relation von 1977).

Trotz aller Innovationsfreude liebte Royston Wood aber auch das Urtümliche. Schon seine äußere Erscheinung wurde mit der eines „viktorianischen Unternehmers“ verglichen. Ab 1971 erlernte er mit der englischen Konzertina ein Modeinstrument des 19. Jahrhunderts und arrangierte hierauf Michael Praetorius und Turlough O’Carolan – beiden Komponisten attestierte er eine besondere Wesensnähe zum Folk. Doch auch Woods Haltung zum Gesang wies in ferne Zeiten zurück. In England, wie auch anderswo in Europa, fand Volksgesang – vor dem Siegeszug der Gitarre – seit jeher solo und unbegleitet statt. Wood hatte keine ideologischen Vorbehalte gegen instrumentale Liedbegleitung, fühlte sich beim Singen aber dann von ihr gestört, wenn sie ihn in einen starren Rhythmus zwängte. Er bevorzugte die metrisch freie Liedgestaltung im Rubatostil und orientierte sich hierbei an den Forschungen des Musikologen Percy Grainger, der die Singweise der ältesten Sänger:innen Englands erforscht hatte. Vor allem nach seiner Emigration nach Amerika schmiedete Wood, den historischen Beispielen folgend, sein Bühnenprogramm als musizierender Raconteur: mit unbegleitetem Sologesang (von Folk- sowie Popsongs), Konzertinastücken, Poesie, Kurzreferaten und vielschichtigem Witz.

Nicht zuletzt ging es Wood um das gemeinsame Singen. Seine erste Gruppe, The Young Tradition, bezeichnete er selbstironisch als „stachlige Angelegenheit“ und hielt sie für überbewertet. Wärmere Worte fand er 1973 für sein kurzes Intermezzo mit Swan Arcade, einem A-cappella-Trio, das das Ehepaar Dave und Heather Brady 1971 nach dem Vorbild von The Young Tradition gebildet hatte. Ein Auftritt der Besetzung mit Wood aus einem schottischen Folkclub wurde mitgeschnitten und zeigt – trotz mäßiger Klangqualität – eine Gruppe an ihrer gesanglichen Spitze.

Royston Wood mit Natasha Wood, ca. 1980

Foto: Archiv Natasha Wood

Royston Woods Nachlass regt zum Nachdenken an. Er zeigt, wie sich mit kleinstem Gepäck ein Solobühnenprogramm konzipieren lässt, das unterhält, bildet und berührt und neben Folksongs auch Popsongs stimmig integrieren kann. Auch könnte nach seiner Denkart eine Stubenmusik eine Reduktion eines Mozartstücks erarbeiten – vielleicht sogar mit einem Synthesizer-Generalbass. Die Ideen sind endlos und die Beschäftigung mit diesem faszinierenden Musikdenker ein lohnenswertes Unterfangen.

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Aufmacher:
The Young Tradition und ihre Mentoren der Copper-Familiein Peacehaven, Oktober 1969

Foto: Brian Shuel

Info:

Royston Wood verstarb im April 1990 55-jährig an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Unser Autor Maximilian Bolch (* 1994) archiviert und systematisiert seinen künstlerischen Nachlass und schreibt seine Biografie (Projektwebsite: www.aboutroystonwood.com). In Zusammenarbeit mit Woods Tochter, Hannah Wood, wird zudem im laufenden Jahr 2026 das Archivalbum Love Remains entstehen, das Woods 1971 erarbeitetes, unrealisiertes Konzept einer „Minianthologie von Liebesliedern“ aufgreift (www.roystonwood.bandcamp.com). Außerdem erarbeitet Bolch mit Davoc Bradley, dem Sohn des Gründerehepaars von Swan Arcade, eine Website über Swan Arcade (www.swanarcade.com) mit verschiedene Archivaufnahmen der Band, teils mit Royston Wood. Die zuletzt im Text erwähnte Aufnahme erscheint auf der im Herbst 2026 anstehenden Archivveröffentlichung Live In St. Andrews Folk Club 1972-73 (www.swanarcade.bandcamp.com). Erinnerungen an The Young Tradition, The Albion Country Band oder Swan Arcade sind willkommen:maximilian.bolch@gmail.com.

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