Folk Jamstival Hamburg

Zwischen Jam, Tanz und Gemeinschaft – Junge Festivals in der deutschen Folkszene (5)

15. Juli 2026

Lesezeit: 6 Minute(n)

In allen Himmelsrichtungen gestalten junge Musiker:innen die deutsche Folkszene neu. Mit Festivals, Workshops und Sessions oft jenseits klassischer Festivalstrukturen und fernab reiner Bühnenprogramme. Neue Impulse werden entwicke#lt, Generationen treffen aufeinander und unterschiedliche Teilszenen kommen miteinander in Kontakt. Die folgenden Steckbriefe geben einen Einblick in einige dieser Initiativen, die auf ganz unterschiedliche Weise daran arbeiten, die Szene zu öffnen, zu verjüngen und weiterzudenken.
Interview: Alex Peters
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Melf Torge Nonn

Foto: Jonas Albrecht

Stellt euch doch kurz vor: Wer seid ihr, wo findet euer Festival statt, und wie ist die Idee zu dieser Veranstaltung entstanden?

Das Folk Jamstival findet in der Fabrique im Hamburger Gängeviertel statt. Im Kern sind wir ein sehr kleines Team, ursprünglich vor allem du, Alex, und ich selbst, Melf Torge Nonn. Wir sind beide als Musiker in der Folkszene unterwegs und haben 2024 gemerkt: In Hamburg fehlt eigentlich ein gezielt junges Format, obwohl die Stadt als Ort dafür total naheliegt. Die Grundidee entstand aus dem Wunsch, junge Menschen in der Folkszene gezielt zu vernetzen und gleichzeitig unterschiedliche Teilszenen zusammenzubringen, die häufig nebeneinander existieren, ohne sich wirklich zu kennen. Viele junge Folkbegeisterte sind auf Veranstaltungen zwar da, aber oft verstreut. Uns fiel auf, dass sich erstaunlich viele aus ähnlichen Kontexten noch nie begegnet waren. Also haben wir bewusst Leute aus unterschiedlichen Folkbereichen eingeladen – mit dem Gedanken: Mal schauen, was passiert, wenn man diese jungen Menschen einfach zusammenbringt.

Was macht euer Festival besonders? Gibt es ein Konzept, eine Atmosphäre oder einen Schwerpunkt, der eure Veranstaltung von anderen Festivals unterscheidet?

Wir würden uns selbst gar nicht unbedingt als klassisches Festival bezeichnen. Eher ist das Jamstival ein junges Vernetzungs-, Session- und Austauschwochenende mit Festivalcharakter. Anders ausgedrückt vielleicht: ein Minifestival mit Open-Space-Charakter. Besonders prägend für das Format sind vor allem zwei Aspekte: zum einen die Altersgrenze, die derzeit bei etwa vierzig Jahren liegt. Diese wurde bewusst gesetzt, um den Charakter der Veranstaltung wirklich jung zu halten. Dadurch entsteht eine besondere Atmosphäre, in der junge Menschen ganz selbstverständlich miteinander ins Tun kommen und sich auf Augenhöhe begegnen. Inspiriert ist dieser Ansatz von einem vergleichbaren Format in Dänemark, das sich mit einer klaren Altersbegrenzung über die Jahre zu einer Art Nachwuchsschmiede für die dortige Folkszene entwickelt und diese nachhaltig geprägt sowie vergrößert hat. Zum anderen basiert das Konzept auf dem Open-Space- und Peer-Learning-Prinzip. Es werden keine externen Profis eingeladen, keine Konzertgagen gezahlt und keine Workshops von außen eingekauft. Stattdessen entsteht alles aus der Gruppe der Teilnehmenden selbst: Workshops werden von ihnen angeboten, musikalische Beiträge kommen aus den eigenen Reihen, und Wissen, Repertoire sowie Ideen werden horizontal miteinander geteilt. Gerade dadurch ist das Format besonders niedrigschwellig, lebendig und partizipativ – und bewegt sich irgendwo zwischen Ferienlager, Bootcamp, Netzwerktreffen und Minifestival.

Die Organisation eines Festivals ist viel Arbeit. Wer steckt hinter dem Projekt, was hat euch motiviert und wie organisiert ihr euch als Team?

Hinter dem Projekt steht bisher vor allem ein kleines, enges Kernteam. Wir setzen den Rahmen, organisieren die Grundstruktur und sorgen dafür, dass das Wochenende überhaupt möglich wird. Die Umsetzung vor Ort hat dann einen ziemlichen DIY-Charakter: Alle Teilnehmenden sind zugleich Volunteers und packen bei allen organisatorischen To-dos wie Essenszubereitung, Umräumarbeiten et cetera mit an. Motiviert hat uns vor allem der Wunsch, junge Menschen in der Folkszene zusammenzubringen, neue Verbindungen entstehen zu lassen und einen Ort zu schaffen, an dem eine besonders gute, kreative Energie entsteht. Uns geht es also weniger darum, ein „durchgeplantes Event“ zu produzieren, als eher darum, einen Rahmen zu schaffen, in dem neue Dinge vor Ort entstehen können. Was uns organisatorisch sehr hilft, ist die Zusammenarbeit mit der Fabrique im Gängeviertel. Dadurch müssen wir nicht erst künstlich eine komplette Infrastruktur aufbauen, sondern können auf einen starken, passenden urbanen Ort zurückgreifen.

Wie sieht ein typischer Festivaltag bei euch aus? Was erwartet die Besucher:innen – musikalisch, tänzerisch oder auch im gemeinsamen Miteinander?

Ein typischer Tag – besonders der Samstag – ist ziemlich offen aufgebaut. Ein wichtiger Bestandteil ist erst einmal das gemeinsame Sich-Versorgen. Wir kochen im Regelfall in der Küfa, der Küche für alle, gemeinsam, essen zusammen und verbringen viel Zeit auch jenseits des eigentlichen Programms miteinander. Inhaltlich gestaltet sich das Format in der Regel so, dass tagsüber offene Workshops stattfinden, während parallel fast durchgehend Sessions in verschiedenen Ecken laufen oder sich andere spontane musikalische und tänzerische Aktivitäten entwickeln, die viel Raum für Begegnung und neue Ideen bieten. Zwar gibt es eine zeitliche Rahmung, doch auf ein festgelegtes Programm „von oben“ wird bewusst verzichtet – die inhaltliche Gestaltung liegt größtenteils in den Händen der Teilnehmenden selbst. Am Abend öffnen sich dann zwei Formate auch für die Öffentlichkeit: Am Freitag gibt es einen Einstiegsworkshop mit anschließendem Tanzabend, begleitet von einer zuvor ausgewählten Band. Am Samstag folgt eine Open Stage, bei der Teilnehmende – und, wenn es der Platz erlaubt, auch externe Gäste – die Bühne nutzen können, um ihre musikalischen Beiträge zu präsentieren. Für die Teilnehmenden heißt das: Man kann auf sehr unterschiedliche Weise andocken. Manche kommen vor allem für Sessions, andere fürs Tanzen, andere für Workshops oder fürs Miteinander. Insgesamt ist das Format sehr einstiegsfreundlich. Dadurch, dass es junge Leute sind, entsteht oft eine Atmosphäre, in der unserer Erfahrung nach Rücksicht, Offenheit und Mitmachen leichter fallen als in stärker tradierten Kontexten.

Wie finanziert ihr euer Festival? Und welche Strategien habt ihr, um die Veranstaltung auch langfristig wirtschaftlich tragfähig zu machen?

Bisher läuft das ganze Wochenende auf Pay-what-you-want-Basis – sowohl für Teilnehmende als auch für externe Gäste bei den Abendveranstaltungen. Das hat bislang tatsächlich funktioniert: In den letzten Jahren ging die Rechnung ungefähr Null auf Null auf, was uns natürlich sehr freut. Trotzdem ist das finanziell immer eine kleine Wackelpartie. Wirklich abgesichert ist das Format damit nicht. Vor allem Verpflegung und laufende Grundkosten müssen am Ende irgendwie getragen werden. Langfristig wäre es deshalb auf jeden Fall sinnvoll, zusätzliche Fördermittel einzuwerben. Bisher ging es ohne, aber auf Dauer würden wir uns natürlich wünschen, nicht nur auf Sicht fahren zu müssen.

Gab es einen Moment oder ein Erlebnis bei eurem Festival, bei dem ihr dachtet: Genau dafür machen wir das?

Ja, allerdings. Zunächst mal war es gleich zu Beginn beim ersten Mal einfach toll zu merken, wie viele junge Leute mit so ähnlichen Interessen aus den unterschiedlichen Folkkontexten und Szenen sich hier überhaupt erst kennengelernt und super verstanden haben – das war schon sehr beflügelnd. Und ein besonders starkes Beispiel dafür, dass hier auch wirklich Neues entstehen kann und sich neue Perspektiven entfalten können, war im letzten Jahr die FLINTA-Session, die von einer Teilnehmerin initiiert wurde. Das hat nicht nur musikalisch etwas hervorgebracht, sondern auch inhaltlich: Es gab Austausch über Erfahrungen, Wünsche, neue Ideen und Unsicherheiten innerhalb der Szene. Später wurden auf der Open Stage sowohl Musikstücke als auch einige der Gedanken daraus sichtbar gemacht – das war total bereichernd. Genau dafür machen wir das.

Wie blickt ihr in die Zukunft? Was wünscht ihr euch für euer Festival – und vielleicht auch für die junge Folkszene in Deutschland insgesamt?

Für das Jamstival selbst wünschen wir uns vor allem, dass es weitergeht, sich als Format herumspricht und weiterhin guten Zulauf bekommt. Wir hatten beim ersten Mal etwa vierzig Anmeldungen, beim zweiten Mal dann knapp siebzig. Das zeigt uns, dass die Nachfrage offenbar wirklich da ist. Langfristig müssen wir natürlich schauen, wie weit die jetzigen Räume mitwachsen können – aber grundsätzlich ist das Wachstum eher etwas, worüber wir uns freuen. Inhaltlich wünschen wir uns, dass mehr junge Menschen den Zugang zur Folkszene finden, sich über bestehende Szenegrenzen hinaus vernetzen und dabei neue Impulse für Sessions, Tanz- und musikalische Formate entstehen. Langfristig soll dies dazu beitragen, dass auch andere Veranstaltungen von diesen Entwicklungen profitieren und die Szene insgesamt gestärkt wird.

Wenn das Jamstival dazu beitragen kann, junge Menschen für Folk zu begeistern, sie miteinander in Kontakt zu bringen und sie vielleicht sogar zu motivieren, selbst Dinge wie Sessions oder Tanzabende zu starten, dann wäre für uns schon sehr viel gewonnen.

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Wann: April 2027

Wo: Fabrique im Gängeviertel, Hamburg

Wer: Junge Aktive der Folkszene

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Aufmacher:
Session beim Folk Jamstival Hamburg

Foto: Nikolas Baumgartner

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