Mit Liebe und Hartnäckigkeit

25 Jahre Jugendfolk – Erfahrungen in Schleswig-Holstein

2. Juli 2026

Lesezeit: 6 Minute(n)

Was die nordischen Nachbarn in der Nachwuchsförderung können, das müsste in Schleswig-Holstein doch – zumindest ansatzweise – auch zu schaffen sein! Dieser Impuls, der schon vor 25 Jahren unter den in der Folkszene engagierten Menschen einsetzte, hat tatsächlich erstaunliche Früchte getragen.
Text: Jens-Peter Müller

Bevor ausführlich auf das Wie dieser Entwicklung eingegangen werden soll, möchte ich doch auch einmal die Frage nach dem Warum betrachten. Also: Warum sollen junge Menschen in Deutschland heute an Folkmusik herangeführt werden? Geht es um ein kulturelles Erbe, das bewahrt werden soll, damit zum Beispiel das deutsche Volkslied nicht (ganz) ausstirbt? Geht es um das Alter und die Zahl der Menschen bei Veranstaltungen oder um die Fortführung einer Vereinsarbeit, die im Norden mit der LAG Folk Schleswig-Holstein eine lange Geschichte hat?

Interessant und wesentlich ist dabei das Feedback der Jugendlichen selbst. Vor etwa fünfzehn Jahren saß ich nach einem herrlichen Jugendfolkkonzert der Schrägen Vögel aus Gelting, Sominka aus Kiel und der Landstreicher der Musikschule Flensburg im Bulli mit den mittlerweile unter anderem durch ihre Bands Pabameto und Hepta Polka weit über die Grenzen Schleswig-Holsteins bekannten Zwillingen Pay Bandik und Melf Torge Nonn. In fast urlaubsmäßiger Stimmung vor Balkanbeats von CD erzählten sie von ihren ersten Erfahrungen im Jazz und ihrer Mitgliedschaft im Landesjugendorchester Schleswig-Holstein. Am wohlsten aber, so die beiden damals knapp Sechzehnjährigen, fühlten sie sich in der Folkmusik, weil da die „größte musikalische Freiheit“ herrsche.

Sominka

Foto: Promo

Ihre Liebe zur Folkmusik entdeckten sie durch die Geigerin Christiana Voß, die seit fast zwanzig Jahren die Landstreicher als Musikschullehrerin leitet und das Talent der beiden unter „sanfter Lenkung“ fördern konnte. Sie selbst kam durch ein fast traumatisches Erlebnis bei einem Sommercamp auf der kleinen dänischen Ostseeinsel Lyø zur Folkmusik. Als man dort ihre Geige sah und sie einlud in einer Session mitzuspielen, habe sie, wie sie es gewohnt war, nach Noten gefragt – die es aber nicht gab. „Da habe ich also so lange studiert und konnte kein Stück ohne Noten mitspielen!“, bemerkte sie frustriert und meint rückblickend, dass da in ihrer Ausbildung „doch etwas gehörig schiefgelaufen“ sei.

Schräge Vögel

Foto: Promo

Ein weiterer Ansporn, für sich und ihre Schüler Folkmusik zu erschließen und quasi sessionfähig zu werden, war die Begegnung mit Mauno Järvelä, dem Gründer der legendären Järvelän Pikku Pelimannit (JPP), und seinen jugendlichen Geigerinnen und Geigern vom Ensemble Nääpäripelimannit beim Finnland-Schwerpunkt des folkBALTICA-Festivals 2007 in Flensburg. Im Jahr darauf waren die gerade gegründeten Landstreicher auf Einladung Järveläs dann gleich beim großen Kaustinen-Festival, wo jährlich Hunderte von Kindern und Jugendlichen in besonderen Konzerten gemeinsam auf der Bühne stehen. Weitere Konzertreisen nach Finnland, später auch nach Dänemark, Irland, Schweden und Norwegen folgten.

folkBALTICA-Ensemble

Foto: Pato Soto

„Größte ‚Ansteckungsgefahr‘ geht von Folkmusik spielenden Jugendlichen selbst aus.“

Damit sind bereits zwei wesentliche Aspekte zur Frage berührt, wie es gelingen kann, Jugendliche für Folkmusik zu interessieren und zu fördern. Es braucht, wie überall, Einzelpersonen, die aus Liebe zur Folkmusik und mit ausgeprägten pädagogischen und organisatorischen Fähigkeiten die Initiative ergreifen, wie Christiana Voß oder die früh verstorbene Musikerin Britta Pirr, wie Jörg Geschke oder Harald Haugaard. Größte „Ansteckungsgefahr“ geht aber von Folkmusik spielenden Jugendlichen selbst aus.

1999 rief die LAG Folk unter dem damaligen Vorsitzenden Jörg Geschke die Kampagne „Folk ist jung“ aus und verschickte eine Noten- und CD-Sammlung mit Liedern und Tunes an alle Musikschulen des Landes. Nach Jahren erst gab es Rückmeldungen, dass sich die Folkstücke im „Blauen Notenbuch“ besonders gut für das Ensemblespiel eignen. Zum jährlichen Folktreffen der LAG Folk und des dortigen Jugendhofs auf dem Scheersberg kam zur Jahrtausendwende der schwedische Musikethnologe und Musiker Owe Ronström (Orientexpressen, Gunnfjauns Kapell) von der Insel Gotland für einen Vortrag, hörte von den Bestrebungen der LAG und fuhr im darauffolgenden Jahr mit seinen fünf folkmusikbegeisterten Kindern und deren Freunden unter dem Namen Tiddelipom wieder zum Folktreffen. Das führte zur Gründung einer ähnlichen Formation um die erwähnte Musikerin Britta Pirr mit ihren beiden Töchtern und Freunden als Tønträger. Höhepunkt dieser Arbeit waren die Aufführungen des gotländischen Folkmusicals Volund in Zusammenarbeit mit dem Landesjugendchor und Gästen der Gruppe Gunnfjauns Kapell. Die Kontakte zum Landesjugendchor ergaben sich aus der Mitgliedschaft der LAG Folk im Landesmusikrat und in der Landesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung (LKJ).

Der Möllner Gemeinschaftsschullehrer Jörg Geschke, lange Zeit Mitglied im Präsidium des Landesmusikrates, ist im Vorstand der Kulturstiftung seines Kreises und war sechs Jahre lang Kreisfachberater für kulturelle Bildung an den Schulen im Herzogtum Lauenburg. Neben dem Programm des Möllner Folksfestes zeichnet er verantwortlich für die überaus erfolgreiche Arbeit des interkulturellen Schulmusikprogramms „Share my Music“ des Vereins Miteinander leben. Top Acts der europäischen und außereuropäischen Folk- und Weltmusikszene können Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte dadurch live erleben.

Jugend Herbst Folk 2025

Foto: Christiana Voß 1

Für langfristige Wirksamkeit in der Nachwuchsförderung scheint also als dritter Faktor die beharrliche und oftmals mühsame Vereins- und Verbandsarbeit außerhalb der eigenen, kleinen Nische fast unabdingbar. So konnte die LAG Folk durch ihre Möglichkeiten alle Konzertreisen der Landstreicher finanziell unterstützen. Für die ehemalige Tønträger-Flötistin Annmarie Grams gab es Mittel für ein Ausbildungsjahr an einer dänischen Folkehøjskole als Vorbereitung für die Aufnahmeprüfungen zum Volksmusikstudium an der Carl-Nielsen-Akademie in Odense, das sie als erste deutsche Musikerin mit einem Bachelor abschloss. Dieser Studiengang musste von dänischen Musikschaffenden wie Kristine Heebøll (Trio Mio) und Harald Haugaard Anfang der Nullerjahre ebenfalls erkämpft werden – unter Verweis allerdings auf die schon sehr erfolgreich existierenden Vorbilder in den nordischen Nachbarländern.

Mir Harald Haugaard als künstlerischem Leiter des folkBALTICA-Festivals ist seit 2012 Jugendfolk mit dem zurzeit 45-köpfigen deutsch-dänischen folkBALTICA Ensemble sogar Aushängeschild und Arbeitsschwerpunkt. Derzeit fast 100.000 Euro aus Mitteln des Landes Schleswig-Holstein, des dänischen Statens Kunstfond und der deutsch-dänischen Kulturvereinbarung sind die Basis für eine enge Zusammenarbeit mit den sieben deutschen und dänischen Musikschulen des Festivalgebietes Sønderjylland-Schleswig. Aktuelle Projekte sind die Bildung einer ganzjährigen Folkakademie sowie Workshops von Dozentinnen, Dozenten und Mitgliedern des Ensembles in der studienvorbereitenden Ausbildung des Landesverbands der Musikschulen. Bisher haben etwa 240 Mitglieder im Ensemble mitgewirkt, von denen etwa ein Viertel anschließend Musik zu ihrem Beruf gemacht haben und zumeist der Folkmusik treu bleiben. Darunter sind Mitglieder der dänischen Gruppen Guldimund, Mads Hansens Kapel, Carol Supreme, Mallemuk und Sihav. Einige deutsche Ensemblemitglieder sind auf einem so hohen musikalischen Niveau, dass sie ihre Folkkenntnisse durch Studien im Ausland, in Irland, Schottland, Skandinavien oder Österreich vertiefen können.

Hepta Polka

Foto: Johann Jasper Graetsch

„Es braucht heutzutage auch die richtige Ansprache in den richtigen Medien.“

Auch Christiana Voß sieht, wie sich ehemalige Landstreicher heute verabreden, um „mal kurz“ zu Folkmusikveranstaltungen und Tanzabenden nach Dänemark oder Malmö zu fahren und sich dort mit schwedischen und dänischen Musikfreunden zu treffen. Vom 9. bis 11. Oktober 2026 findet unter ihrer und Melf Torge Nonns Leitung die achte Ausgabe des internationalen Jugend Herbst Folk auf dem Jugendhof Scheersberg statt – eine Veranstaltung der LAG Folk als Ergänzung zum traditionellen Pfingstfolktreffen. Die fünfzig reservierten Plätze werden in diesem Jahr schnell ausgebucht sein, denn die Mitglieder von Hepta Polka sind als Workshopleiter absolute Zugpferde. Das liegt nicht nur daran, meint Christiana Voß, dass sie in der jungen Szene bekannt sind, sondern auch die richtige Ansprache in den richtigen Medien finden, die es heutzutage braucht.

Unter dem Kürzel JuFI will die LAG Folk, die als Träger kultureller Jugendbildung in Schleswig-Holstein gefördert wird, zudem im zweiten Halbjahr 2026 eine neue Jugendfolkinitiative starten als weiteren Schritt, regional und mithilfe einer schon als Adresse gesicherten Website (jugendfolk.de) auch überregional grundlegende Strukturen zu schaffen. In den Regionen des Landes sollen von erfahrenen Folkmusikschaffenden regelmäßige Angebote für Jugendliche organisiert werden. Ein Logo und eine Notensammlung sind ebenfalls in Vorbereitung.

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Aufmacher:
Die Landstreicher 2025 beim Nord Folk Festival

Foto: Shendl Copitman

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