Von Ceilidhs und Kitchen Parties

Die lebendige Musikszene Nova Scotias

14. Januar 2026

Lesezeit: 8 Minute(n)

Die Ostküste Kanadas ist bekannt dafür, eine gute Zeit haben zu können, und für großartige Musik. Da die Hauptstadt, Halifax, das größte Ballungsgebiet der atlantischen Provinzen ist, liegt es nahe, dass Nova Scotia eine zentrale Rolle bei der Entwicklung dieses Rufs spielt. Musikschaffende aus der ganzen Provinz und der gesamten Region scheinen irgendwann ihren Weg in die Stadt zu finden.

Text: Dave Mahalik; Übersetzung: Mike Kamp (with a little help from DeepL)

Die legendäre Band The Rankin Family von der zu Nova Scotia gehörenden Insel Cape Breton hatte in den Neunzigern ihren Sitz in Halifax. Ihre Mischung aus traditionellen Liedern mit lokalen, schottischen und gälischen Melodien und zeitgenössischen Pop- und Countryeinflüssen hatte großen Erfolg auf Festivals, Konzerten und im Radio. Es dauerte nicht lange, bis sie mit der Nachfrage nach ihren ersten beiden unabhängig veröffentlichten Alben kaum noch Schritt halten konnten. Die Leute kauften ihre Alben in Scharen bei Konzerten, in Souvenirläden, Tankstellen, Restaurants und aus dem Kofferraum von Autos – im Grunde genommen überall, wo die Band sie verkaufen konnte.

„Das Herz und die Seele der hiesigen Musik kommen von Cape Breton.“

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Die Rankins eröffneten schließlich ein Geschäft in der Stadt, um selbst den Vertrieb zu übernehmen, und trugen so weiter zum Wachstum der Branche bei, während sie gleichzeitig den Do-it-yourself-Ansatz unterstrichen, der die gesamte Szene prägte. Die Rankin Family, die etwa zur selben Zeit wie die damals extrem angesagte Indiepop-Alt-Rock-Band Sloan bei einem Majorlabel unter Vertrag genommen wurde, verkaufte weltweit Millionen von Platten und trug damit dazu bei, die große Popularität der Musik aus Nova Scotia und die Lebensfähigkeit einer Musikindustrie in Halifax zu beweisen.

Session mit Kimberley Fraser im Old Triangle Irish Alehouse, Syndey

Foto: Aaron C. Lewis

Während die Hauptstadt mit dem Indierocksound à la Sloan explodierte, der sie auf die musikalische Landkarte brachte, braute sich anderswo in der Provinz etwas anderes zusammen. Wenn Halifax das Zentrum der Musikindustrie war, könnte man argumentieren, dass das Herz und die Seele der Musik von Cape Breton kamen.

In den Neunzigern wuchs eine Generation von überwiegend ländlich geprägten Menschen auf Cape Breton in einer Welt auf, die an der Schwelle zur Reizüberflutung durch die Massenmedien stand. Sie waren mit dem musikalischen Geschehen in Halifax und anderswo auf der Welt vertraut, aber das war nicht der einzige Faktor, der zum weltweiten Erfolg von den Rankins, Natalie MacMaster, Ashley MacIsaac, The Barra MacNeils und Bruce Guthro führte.

Old Man Luedecke bei den Celtic Colours 2020

Foto: Corey Katz

Diese Generation war im Schatten von The Vanishing Cape Breton Fiddler aufgewachsen, einer Dokumentation, die 1972 bei CBC im öffentlich-rechtlichen kanadischen Fernsehen ausgestrahlt worden war. Die Sendung berichtet von der Sorge, dass die traditionelle Fiddlemusik Cape Bretons, die im neunzehnten Jahrhundert im Zuge der Migration aus Schottland auf die Insel gekommen war, im Aussterben begriffen sei. Diese Vorstellung löste eine Welle gemeinschaftlicher Anstrengungen aus, dies zu verhindern, und die musikalische Tradition gewann durch eine Vielzahl von Maßnahmen wieder an Boden – darunter die Gründung einer Fiddlers’ Association und eines Fiddlefestivals – sowie durch die Tatsache, dass von den Menschen zu Hause schon immer Musik gespielt wurde.

Das Zusammenkommen mit Familie, Freunden und Nachbarschaft, um Lieder zu singen und Instrumente zu spielen, ist ein Markenzeichen der Musik Nova Scotias, insbesondere auf Cape Breton, wo Generation um Generation ihr musikalisches Erbe und ihre kulturelle Identität auf diese Weise bewahrt hat. Als Ceilidhs bekannte informelle Zusammenkünfte, bei denen alle gemeinsam musizierten, tanzten und Geschichten erzählten, waren seit jeher fester Bestandteil des sozialen Lebens der schottisch-gälischen Eingewanderten, schon bevor sie sich vor rund 250 Jahren auf der Insel niederließen. Diese Tradition wurde im neuen Land fortgeführt, und bevor das Fernsehen selbst in den entlegensten ländlichen Gebieten Einzug hielt, waren Ceilidhs und Gemeinschaftstänze die wichtigsten Formen des Zeitvertreibs.

Rose Morrison bei den Celtic Colours 2022

Foto: Corey Katz

Manche würden sagen, dass das Wort cèilidh inzwischen für Marketingzwecke vereinnahmt wurde, aber das mindert nicht seine Authentizität. Und es bedeutet nicht, dass sich die Menschen auf Cape Breton nicht mehr in der Küche versammeln, um bei einer Party Musik zu machen! Die Kitchen Party, bei der Instrumente herumgereicht und Lieder gesungen werden, ist die moderne Version des traditionellen Ceilidh. Und das Musizieren ist nach wie vor das Herzstück dieser beliebten gesellschaftlichen Anlässe.

Diese Idee, dass sich eine Gruppe von Musikschaffenden trifft, um Musik zu machen, einfach nur zum Spaß, ohne formelle Absichten, um miteinander zu spielen und nicht für ein Publikum, hat sich in letzter Zeit von der Küche auf die lokalen Bars ausgeweitet. Traditionelle Musiksessions in schottischen und irischen Pubs gibt es schon seit den 1940er-Jahren, aber in Nova Scotia, wo solche Veranstaltungen normalerweise bei den Leuten zu Hause stattfanden, sind sie relativ neu. In Cape Breton finden diese Sessions mittlerweile überall auf der Insel statt.

Ashley MacIsaac bei den Celtic Colours 2024

Foto: Corey Katz

In Inverness County veranstaltet die Geigerin Gillian Head sonntagnachmittags im Doryman Pub in Chéticamp eine Tradsession, und unter der Woche gibt es eine Session in der Admiral Lounge in Port Hood, die von bekannten lokalen Musikschaffenden wie Kinnon und Betty Lou Beaton, Brian MacDonald und Iain MacQuarrie geleitet wird. Ryan und Boyd MacNeil von der Familienband der Barra MacNeils veranstalten jeden Monat eine gut besuchte Celtic Session im Island Folk Cider House in Sydney. Und auf der anderen Seite der Stadt, im Old Triangle Irish Alehouse, leitet die renommierte Geigerin und Pianistin Kimberley Fraser eine beliebte wöchentliche Session, an der schon viele prominente Gäste teilgenommen haben wie Howie MacDonald, Mac Morin, Shelly Campbell oder Joel Chiasson. Im Anschluss findet eine offene Session statt, an der alle teilnehmen können.

The Gilberts

Foto: Corey Katz

Im gesamten postindustriellen Cape Breton sind Open-Mic-Nächte ein Anziehungspunkt für Sänger und Songwriterinnen, und in Sydney gibt es praktisch jeden Abend eine solche Veranstaltung. Die drei wichtigsten – im Governors Pub, in der Black Diamond Bar und in Daniels Alehouse – werden von Mitgliedern der beliebten Bands Slowcoaster/Hauler, Tom Fun Orchestra und Pretty Archie moderiert. Das Loose Cannon in Halifax, Staggers Pub in Dartmouth, Freeman’s Little New York in Sackville und The Commune in Truro veranstalten ebenfalls regelmäßig Open-Mic-Nächte.

„Das Zusammenkommen, um Lieder zu singen und Instrumente zu spielen, ist ein Markenzeichen der Musik Nova Scotias.“

Die Musikszene Nova Scotias bietet eine riesige Auswahl und zahlreiche Gelegenheiten, Folkmusik in ihrer natürlichen Umgebung zu erleben. Und nirgendwo kommt das Genre mehr zur Geltung als bei einem mehrtägigen Musikfestival. Zwei der bekanntesten Folkfestivals der Provinz sind das Stan Rogers Folk Festival und das Celtic Colours International Festival. Das nach dem legendären Sänger benannte „StanFest“ findet im ehemaligen Fischerdorf Canso statt, wo Rogers’ Familie ihre Wurzeln hat. Bei dieser Open-Air-Veranstaltung mit mehreren Bühnen treten regelmäßig eine Vielzahl lokaler Songwriter wie Old Man Luedecke, Dave Gunning, Joel Plaskett, Rose Morrison oder Jordan Musycsyn neben nationalen und internationalen Größen wie Valdy, Arlo Guthrie oder Don McLean auf.

Dave Gunning mit JP Cormier beim Stan Rogers Folk Festival

Foto: Chris Smith

Während das StanFest an einem Wochenende auf einem riesigen Feld mit einem weitläufigen Campingplatz eher lokal und am Rand stattfindet, erstreckt sich das Celtic Colours über neun Tage mit Dutzenden von Konzerten und Hunderten von kulturellen Veranstaltungen in Gemeinden auf der ganzen Insel. Mit Schwerpunkt auf traditioneller und zeitgenössischer Volksmusik, die unter den Begriff „keltisch“ fällt, präsentiert Celtic Colours die besten Sänger und Sängerinnen, Musikschaffenden, Tänzerinnen, Tänzer und Traditionsbewahrende von Cape Breton und ihre Kolleginnen und Kollegen aus den keltischen Regionen der Welt. Einige der größten Namen des Celtic Folk und darüber hinaus sind in den letzten 28 Jahren hier aufgetreten, darunter die Chieftains, Sharon Shannon, Carlos Nùñez, Loreena McKennitt, Rhiannon Giddens, Mary Jane Lamond und Julie Fowlis.

Jordan Musycsyn

Foto: Murdock Smith

Die Liste ist endlos, aber Heather Rankin, Lucy MacNeil, Beòlach, Cassie and Maggie, Rachel Davis und Darren McMullen, Morgan Toney, Terra Spencer, die Gilberts oder Aaron MacDonald gehören zu den zahlreichen lokalen Kulturschaffenden, die auf Festivals in der ganzen Provinz zu finden sind, vom Lunenburg Folk Harbour Festival über das Deep Roots Festival auf dem Festland bis zum Acoustic Roots Festival, dem KitchenFest! und Blueberry Jam auf Cape Breton Island.

Die Livemusikszene Nova Scotias profitiert von einer Vielfalt an Stilen und Genres, die vom klirrenden Indiepop-Alt-Rock, der vor dreißig Jahren international für Aufsehen sorgte und zur Etablierung der Branche beitrug, über den leicht zugänglichen Countrypop und die traditionell-folkigen Klänge Anne Murrays, Rita MacNeils oder John Allan Camerons bis hin zu einer Vielzahl von Singer/Songwritern, traditionellen Instrumentalistinnen und keltischen Crossover-Kulturschaffenden von heute reicht.

Valdy beim Stan Rogers Folk Festival 2025

Foto: Chris Smith

Die Musikkultur ist hier stark ausgeprägt und wird über Generationen hinweg in den Familien und Gemeinden weitergegeben. Sie gedeiht in einer Vielzahl von Umgebungen, von denen jede ihre eigenen Vorzüge und Tücken hat. Von Küchenpartys und Gemeindesälen über Pubs und Bars bis hin zu Theatern und Festivals – die zugrundeliegende Tradition, dass Freunde und Nachbarschaft zusammenkommen, um aus purer Freude an der Musik zu musizieren, sorgt dafür, dass Nova Scotia seinem musikalischen Ruf auch weiterhin gerecht wird.

Zum Autor: Dave Mahalik ist seit Anfang der Neunziger an der Ostküste Kanadas in der Musikbranche tätig – als Autor, Redakteur, Verleger, Publizist und Künstler (u. a. mit dem Tom Fun Orchestra). Er gründete das Cape-Breton-Kunstmagazin What’s Goin On (1995-1999) und den lokalen Veranstaltungsführer WGO Weekly (1997-2003). Seit 1999 ist er Kommunikationsmanager des Celtic Colours International Festival. Er arbeitete zudem in der Pressestelle der Celtic Connections im schottischen Glasgow, verfasste Album-Liner-Notes und Künstlerbiografien und schrieb ein Buch über die Celtic Colours mit dem Titel 10 Nights Without Sleep.

Linktipps:

www.musicnovascotia.ca

Musikschaffende:

www.aaronmacdonaldmusic.ca

www.annemurray.com

www.ashleymacisaac.com

www.barramacneils.com

www.beolach.ca

www.cassieandmaggie.com

www.davegunning.com

www.facebook.com/jordanmusycsynmusic

www.heatherrankin.ca

www.jimmyrankin.com

www.joelplaskett.com

www.lucymacnbeil.com

www.morgantoneymusic.com

www.natalieanddonnell.com (Natalie MacMaster & Donnell Leahy)

www.oldmanluedecke.com

www.ritamacneil.com

www.rosemorrison.com

www.rachelanddarren.com (Rachel Davis & Darren McMullen)

www.terraspencer.ca

www.thegilbertsband.com

Organisationen & Festivals:

www.acousticrootsfestival.com

Acoustic Roots Festival im Two Rivers Wildlife Park in Marion Bridge; jährlich Ende August; Folk, Blues, Celtic, Country and Bluegrass.

www.blueberryjam.ca

Blueberry Jam Festival auf der Big Belle Farm, Mabou Ridge, Cape Breton; feiert sowohl die Heidelbeerindustrie als auch die (traditionelle) Musik der Provinz.

www.capebretonfiddlers.com

Cape Breton Fiddlers’ Association in Dominion, Cape Breton

www.celtic-colours.com

Neun Tage lang Dutzende von Konzerten und Hunderte von kulturellen Veranstaltungen in Gemeinden auf der ganzen Insel; Schwerpunkt auf traditioneller und zeitgenössischer „keltischer“ Folkmusik; mit großen nationalen und internationalen Stars.

https://deeprootsmusic.ca

Festival der Deep Roots Music Cooperative in Wolfville; jährlich Ende September plus unter anderem weitere Konzertreihe den Sommer über.

www.folkharbour.com

Lunenburg Harbour Folk Festival, Lunenburg; jährlich im August plus weitere Konzertreihe im Herbst.

www.kitchenfest.ca

KitchenFest! Féis a’ Chidsin! des Gaelic College, St. Ann’s, Cape Breton; jährlich Ende Juni, Anfang Juli; feiert die gälische Kultur der Insel mit Konzerten, Ceilidhs, Theaterstücken, Pub Nights und Square Dance. 

www.rockthefiddleevents.com

Ausrichter des Festivals Rock the Fiddle in Sydney, das jährlich im August stattfindet, und weiterer Events das ganze Jahr über.

www.stanfest.com

Open-Air-Festival jedes Jahr Ende Juli im Fischerdorf Canso, mit mehreren Bühnen und teils internationalen Stars.

Locations:

www.doryman.ca

Im Doryman Pub in Chéticamp veranstaltet die Geigerin Gillian Head jeden Sonntagnachmittag eine Tradsession.

www.facebook.com/admiralloungeanddiningroom

In der Admiral Lounge in Port Hood gibt es jeden Mittwoch eine von bekannten lokalen Musikschaffenden angeleitete Session.

www.facebook.com/danielsalehouseandeatery

Daniels Alehouse and Eatery, Sydney; regelmäßige Open-Mic-Veranstaltungen mit Daniel Cathcart.

www.oldtrianglesydneyns.com

Wöchentliche Session mit Kimberley Fraser im Old Triangle Ale House in Sydney. 

Aufmacher:
The Barra MacNeils bei der Eröffnung der Celtic Colours 2025

Foto: Corey Katz

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