Die Seele der Welt

Das Festival des Musiques Sacrées du Monde Diverse Spielorte, Fès, Marokko, 4.-7.6.72026

10. Juli 2026

Lesezeit: 4 Minute(n)

Mit 32.000 verkauften Eintrittskarten in vier Tagen ist die 29. Ausgabe des Festivals des Musiques Sacrées du Monde im marokkanischen Fès ein Erfolg, über hundertsechzig Künstlerinnen und Musiker aus zwanzig Ländern sind beteiligt, darunter aus Deutschland das Projekt „Bodies“ der Berlinerin Kat Frankie im Rahmen der Vorstellung „Hymnen von Frauen aus Orient und Okzident“. Das Festival setzt sich auch für das Kunsthandwerk der Königsstadt ein, mit einer Hommage an die sogenannten Mâalemines, die Meister und Überlieferer dieses Kulturerbes.
Text: Martina Zimmermann

Fès, Marokko. Vier Tage lang schwebt Spiritualität über der Stadt, mit dem Klang der Stimmen und Instrumente aus aller Welt und einem Porträt des marokkanischen Königs Mohammed VI. auf jeder der vier Bühnen. Der Auftakt will eine Ode sein an die Königsstadt Fès und an ihr Kunsthandwerk. Dutzende von Szenenbildern folgen aufeinander in einer farbigen Lichtshow auf die Mauern des Innenhofes von Bab El Makina, einer imposanten, ab Ende des 19. Jahrhunderts erbauten Militärfestung. Motive mit Kalligrafien wechseln sich ab mit Mosaiken und sonstigen Symbolen, zum Beispiel für Töpferei. Dazu erklingen virtuose Musik und tolle Stimmen, begleitet von Choreografien von Tänzerinnen in märchenhaften Kostümen. Insgesamt sind sicherlich achtzig Bühnenaktive an der Show beteiligt, aus Marokko, Usbekistan, China oder Kambodscha.

Nach den anfänglichen Blautönen auf den Mauern erinnert ein rotes Feuer daran, dass die Kunst des Schmiedens in Afrika erfunden wurde. In Weiß gekleidete Gnawa-Sänger gesellen sich zu einer in einem blutroten Kleid drehenden Tänzerin vor dieser Feuerkulisse. Die Gnawa sorgen mit ihren Metallkastagnetten für den Rhythmus. Sufiderwische aus der Türkei drehen sich in weißen Röcken. Die Brücke nach Asien – von dort bekamen die Königsdynastien wertvolle Seide – wird durch eine chinesische Sängerin musikalisch verkörpert, dazu kommen die Tänzerinnen des kambodschanischen Nationalballetts in goldenen Trachten. Eine Modeschau mit marokkanischen Gewändern am Schluss soll zeigen, dass Tradition, Folklore und Moderne zusammenpassen.

Die Bühnenbilder sind grandios, es ist aber ein bisschen viel Inhalt in der Show des künstlerischen Direktors Alain Weber, die nur eine knappe Stunde dauert. Der Grund für die Kürze: Eine Prinzessin, die Schwester des Monarchen Mohammed VI., hat ihren Besuch angekündigt, will aber nur 35 Minuten bleiben – deshalb muss die Show gekürzt werden. Als die Prinzessin am späten Nachmittag dann doch absagt, wird das Schauspiel auf die Schnelle wieder erweitert, allerdings nicht mehr auf die ursprüngliche Länge.

Was an der Eröffnung am Donnerstagabend kurz ausfällt, ist am Freitag umso länger: Gleich fünf Vorstellungen von „Sängerinnen aus Orient und Okzident“ stehen auf dem Programm. Die Libanesin Ghada Shbeir interpretiert mit ihrer mystischen Stimme aramäische Gesänge, singt also in der Muttersprache von Jesus Christus. „Selbst wenn du die Sprache nicht verstehst, bleibt die Melodie universell“, sagt die Sängerin, die mindestens zweihundert Vertonungen solcher Gedichte aus dem dritten und vierten Jahrhundert nach Christus im Repertoire hat. „Ich singe auch andalusische und andere profane Gesänge, aber mit diesen Liedern betet meine Stimme.“ Ihr aramäisches Halleluja verbreitet Frieden und Harmonie im Publikum.

Ehrengast ist an diesem Abend Deutschland. Die deutsche Botschaft und das Goethe-Institut feiern siebzig Jahre diplomatische Beziehungen zu Marokko und schicken die australische Berlinerin Kat Frankie mit polyfonen Gesängen und „Bodies“-Choreografien auf die Bühne. Die Show ist minimalistisch, aber wirkungsvoll, und die deutschen Sängerinnen mischen sich zum Schluss mit den Frauen des Ensembles Ahwach Isaffen aus dem Hohen-Atlas-Gebirge Marokkos. Musik trage zur Völkerverständigung bei, meint Botschafter Robert Dölger. „Weil sie eine emotionale Ebene anspricht, die Seele des Menschen, wie sie in allen Zivilisationen ihren Ausdruck findet und eben auch in der Musik.“

Die Marokkanerin Nabyla Maan kommt mit beim Publikum bekannten jüdisch-arabischen andalusischen Klängen sehr gut an. Zum Schluss des Abends herrscht die Spiritualität der Hindu-Tempel dank der Inderin Kaushiki Chabraborty und ihren Mitmusikern.

Dass alle gemeinsam und fröhlich Allah besingen, schafft Sami Yusuf an zwei Abenden im ausverkauften Innenhof. Das Publikum singt mit, ob zu indischem Qawwali oder andalusischem Gesang, auf Aseri, Persisch, Türkisch. Yusuf, 1980 in Teheran als Sohn aserbaidschanischer Eltern geboren und in London aufgewachsen, feiert seinen vierten Auftritt auf dem Festival. Für ihn ist seine traditionelle Musik „geheimnisvoll“ und „göttlich“.

Dass Spiritualität groovt, zeigt der Schweizer Saxofonist Léon Phal beim spätnachmittäglichen Konzert im wundervollen Königspark Jnan Sbil. Vom ersten Ton an zieht seine Musik mit eindeutigen Jazzreferenzen zwischen Joe Zawinul, Miles Davis und Sonny Rollins das Publikum in den Bann. Phal und seine Band spielen die Stücke seines letzten Albums mit dem Titel Stresskiller. „Die Leichtigkeit meiner Musik ist gut für die Seele und den Körper“, sagt der Saxofonist. „Das ist vielleicht nicht heilig im strikten Sinne, tut aber verdammt gut.“

Besonders virtuos ist das Ensemble Qulansaz aus Kasachstan, das zum lauen Lüftchen im idyllischen Königsgarten Nomadentraditionen aus Zentralasien vorstellt. Die Musik klingt mal klassisch nach Mozart, mal türkisch nach einem mongolischen Steppenritt. Das paritätische Orchester besteht aus vier Musikerinnen und vier Instrumentalisten in traditionellen goldbestickten weißen Gewändern. Sie singen, spielen Flöten, zupfen auf dem Saiteninstrument Dombra oder bringen auf der Maultrommel eine animistische Spiritualität ein, mit Hymnen an die Natur und nachgemachten Vogel- und Uhulauten.

Das „Festival der heiligen Musik“ zeigt vier Tage lang, wie schön die Welt sein kann, dank Kreativität und harmonischem Miteinander.

www.fesfestival.com

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Aufmacher:
Auftakt beim Festival des Musiques Sacrées 2026

Foto: Lluis Gardeta

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