Meist zeitgleich zum Rudolstadt-Festival – gestartet ein Jahr vor dessen neudeutscher Ausgabe, Termin immer in der 27. Kalenderwoche – zelebriert man im westnorwegischen Førde mit dem Førdefestival eins der nicht nur in Skandinavien wichtigsten internationalen Events für Folk-, Welt- und traditionelle Musik. Der Reiz des noch vergleichsweise jungen, durch Industrie verstärkt ab den 1960ern entwickelten Städtchens liegt vor allem in der allseits omnipräsenten, atemberaubenden Landschaft: Fjorde und Gletscher, Wasserfälle und (fünf!) Hausberge.
Text: Katrin Wilke
Nicht minder begeisternd das Programm, das den Festivalmacherinnen – tatsächlich vorneweg Frauen wie die seit 2022 amtierende, allerdings schon seit 2006 mitwirkende Festivalchefin Sølvi Lien selbst – da einmal mehr gelang: ein geschmackssicheres, charmantes Miteinander der teils galaartigen Großkonzerte in einem Kultur- und Sportzentrum und der intimen, sympathisch informell anmutenden, den Communitygeist gut spiegelnden Musik- und Tanzdarbietungen samt weiterem Rahmenprogramm (Seminare, Filme, Kinderveranstaltungen …).
So endete – nach einem temperamentvollen Konzert der seit 1997 aktiven, von Istanbul aus agierenden iranischen Band Rastak (kurz darauf in Rudolstadt) – der erste Abend des Festivals gemäß seinem auch musikalisch (zum Beispiel auch mit den Ukrainerinnen Daughters of Donbas) eingelösten 2026er-Motto „Frieden“ mit einer geradezu herzerwärmenden Prozession: Festivalbesuchende und -auftretende zogen mit Fackeln zu einem großen Feuer am Flussufer (zu noch tagheller Nachtstunde …). Angeführt wurde der Friedenszug vom renommierten, hier das traditionelle Ziegenhorn spielenden Folk-Jazz-Saxofonisten Karl Seglem und dem in traditioneller norwegischer Percussion ausgebildeten, jungen Trommler Åsmund Soldal.
Dort angekommen, intonierten dann sangesfreudige Amateure und beim Festival auftretende Profis spontan Lieder. Darunter der Norweger Viktor Govasli Wilhelmsen, wichtiger Interpret und Forscher der nordsamischen Joiktradition, die der singende Gitarrist tags drauf im Trio Áhpparas gekonnt gen Wüstenblues und Sahelzone bugsierte.
Ebenfalls bei dieser erbaulichen Zusammenkunft am Feuer dabei: Sam Lee, der zum gemeinsamen Singen einlud (siehe auch Artikel in folker #2.20). Dies tat der in seinem musikalischen Tun ohnehin naturverbundene, unter anderem umweltaktivistische Londoner Folkkünstler – zweifellos eins der internationalen Festivalhighlights – auch schon Stunden zuvor mit Festivalgästen auf einem nahegelegenen Berg. Bei seinen Auftritten mit Band an den Folgetagen bekundete er, dass er gar nicht mehr weg wollte von diesem atmosphärisch und nicht zuletzt menschlich besonderen Ort.
Auffallend viele junge Musikschaffende und -studierende aus der heimischen Folkszene tummelten sich in Førde. Abgesehen von deren Interesse an den Festivalaktivitäten kein Zufall, weil vor allem das Verdienst von Unni Løvlid. Die Musikerin – seit 2018 Leiterin des Volksmusikbereichs an der Norwegischen Musikakademie – machte als umtriebige Netzwerkerin auch gerade beim Festival diese neuen Kreativkräfte und deren Tun gut sicht- und hörbar.
Neben dem besagten Ziegen-, in Skandinavien Bukkehorn genannten archaischen Instrument – in Norwegen oder Schweden einst genutzt zum Kommunizieren und Schützen der Viehherden – spann eine weitere Folkprotagonistin, die Hardangerfiedel, eine Art roten Klangfaden durch die fünf Festivaltage. Meisterhaft gespielt etwa vom Norweger Olav Mjelva, der mit den beiden Schweden Erik Rydvall an der Nyckelharpa und Ale Carr an der Cister eine Melange aus Folk und Barockmusik kultiviert.
Eines der beiden Konzerte fand am sonnig-launigen Sonntagnachmittag in schönster Landidylle statt, in einer zum Kulturort umfunktionierten Scheune eines Lehrzentrums gastronomischer Traditionen. Die gehen, wie dort zu erleben, gerade in einem Land wie Norwegen mit allen übrigen – denen des Tanzes, der Musik etc. – auf vitalste und inspirierende Weise einher.
Die regionale wie globale Strahlkraft dieses „kulturellen Leuchtturms Norwegens“ namens Førdefestival verdeutlicht besonders ein diesjähriger Künstler: Seckou Keita, heute ein herausragend innovativer Koraspieler, trat dort 1996 erstmals außerhalb seiner Heimat Senegal auf, und das Festival wurde zum Sprungbrett seiner internationalen Karriere.
Im kommenden Jahr „konkurriert“ das Festival zeitlich übrigens erstmals nicht mit seinem Rudolstädter Seelenverwandten. Somit machen sich womöglich auch noch mehr Interessierte aus allen Himmelsrichtungen auf den allemal lohnenswerten Weg in den hohen Norden, zum 37. Førdefestival vom 7. bis 11. Juli 2027.














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