Das letzte Hemd hat bekanntlich keine Taschen, doch mit Anzügen sieht das schon anders aus. Georg Ringsgwandl besitzt seit zwanzig Jahren einen in Graubeige, den er 2005 speziell für die Bühne ausgesucht hat. Ein Schnitt, den – wie er im Vorwort seines aktuellen Albums schreibt – heute keiner mehr will, mit Bundfaltenhose und aufgepolsterten Schultern. Oft geflickt, gereinigt, doch von einer recht unverwüstlichen Natur. Was wohl aus ihm werden wird, wenn sein jetziger Träger ihn nicht mehr benötigt?
Text: Petra Rieß
Georg Ringsgwandl, der in diesem Jahr noch seinen 78. Geburtstag feiert, singt in seinen neuesten Liedern über das Altern, die Vergänglichkeit und andere Kleinigkeiten, wie zum Beispiel den Klang „Schawumm!“. Lässt man den entspannt über die Zunge rollen, sind es eindeutig Lieferwagenschiebetüren, die zugeworfen werden, ein Geräusch, das den scheinbar unendlichen Strom online bestellter Pakete und Päckchen anzeigt. Wie üblich richtet der bayerische Liederschreiber einmal mehr seinen aufmerksamen, kritischen Blick in sich hinein und hinaus auf unsere Welt, mit Geschichten, die er aufgelesen und in Songtexte verwandelt hat – und der Tod schaut öfter mal rein. Am Ende des Albums ruht der leise, intime Song „Wo bist Du“, den Ringsgwandl untypischer- und, wie er sagt, fahrlässigerweise solo und am Klavier performt. Ein Song, den er in Erinnerung an seine Ehefrau geschrieben hat, die 2022 starb.
„Natürlich hat der Tod eine gewisse Bedeutung auf dem Album, auch meiner, welcher irgendwann durchaus eintreten könnte. Mit 77 gehört man einfach zu denen, deren Generation stirbt. Das ist kein Grund zur Panik. Auf dem Album sind Songs, die sich über ein paar Jahre angesammelt haben, und dabei merkte ich schon, dass der Tod aufscheint, und ich habe es dabei belassen, weil jede Generation ihre Themen bearbeitet. Es wäre absolut affig so zu tun, als wenn das nicht existieren würde und wir alle super dynamisch sind“, sinniert der Musiker. Das Private wird erst dann zu einem guten Song, wenn es etwas Allgemeingültiges bekommt, da ist der Künstler sich sicher. Verlust, Trauer, Abschied, Tod, das trifft uns alle, und das ist, so Ringsgwandl, in gewisser Weise auch tröstlich. Gleichzeitig gelingt es dem bayrischen Poeten immer wieder, die Schönheit des bayerischen Dialekts herauszuarbeiten. „I wui di“ ist ein Liebeslied, das im Hochdeutschen nicht halb so elegant klänge; wo Text und Musik perfekt verschmelzen.
„Jede Generation bearbeitet ihre Themen.“
Ein weiterer gelungener Wurf auf dem Album ist die Coverversion eines Leon-Russell-Klassikers, „Lied für dich“. Ja, er sei ein Russell-Fan, sagt Ringsgwandl, und der berühmt gewordene Konzertfilm Mad Dogs & Englishmen aus dem Jahr 1970, der auf einer US-Tour Joe Cockers mit einer von Russell zusammengestellten Band basierte, ein Meilenstein. Russell, der legendäre US-amerikanische Sänger, Songschreiber, Pianist und Gitarrist, schrieb „A Song For You“ als er Mitte zwanzig war, und das nötigt dem Zeitgenossen aus Bayern den größten Respekt ab. „Es waren solche alten Seelen, Genies, die sich schon mit fünfzehn oder sechzehn in Siebzigjährige hineinversetzen konnten“, schwärmt der. „Wenn man hört, was Künstler wie Dylan oder Cohen in jungen Jahren schon geschrieben haben, oder auch Paul McCartney! Dazu muss man eine bestimmte innere Ausstattung haben.“
Auch Ringsgwandl ist dem Zauber dieses Songs erlegen, der ihn, wie er sagt, seit Jahren begleitet, und irgendwann ist ihm dann die deutsche Version „rausgefahren“. Einen solchen Song in eine andere Sprache zu übertragen, der dann ebenfalls gut klingen und musikalisch funktionieren soll, ist nicht einfach. Ringsgwandl hat seine deutsche Fassung auf Herz und Nieren geprüft und sie erst veröffentlicht, als der Song auch den Livetest auf der Bühne mehrfach bestanden hatte. In einfachen Worten erzählt da einer von einer Liebesbeziehung, wie sie durch die Jahre des Lebens geht. „Wie dieser Song geschrieben ist, in dieser Einfachheit, das ist schlicht ein genialer Wurf“, sagt Ringsgwandl. Mit wenigen, simplen Worten öffne der Text einen Raum, mit einer Tiefe, die immer wieder berührt, das sei die Meisterschaft, so der Sänger.
Die insgesamt zehn Songs seines neuen Albums sind zwar mit der vertrauten Musikermannschaft aufgenommen – wie seit Jahren –, allerdings bei einem neuen Label erschienen. Ringsgwandls Musik wird ab jetzt von Daniel Dinkel und Galileo Music betreut, die aktuellen Sachen ebenso wie der Backkatalog. Dieser Labelwechsel kommt nicht überraschend. Hage Hein, Musikproduzent und Chef von Blankomusik, zieht sich aus dem Geschäft zurück, und für Ringsgwandl geht damit auch eine Ära zu Ende. „Hage Hein kenne ich seit 1974, professionell seit 1985, 1986.“ Zuerst bei Trikont, wo Hage Hein arbeitete, bevor er sich mit Blankomusik zunächst als Booker und Verleger, dann auch als Label selbstständig machte. Hein war für den ehemaligen Oberarzt und seine künstlerische Karriere ein treuer und immer kritischer Flügelmann. „Er war ein guter Ratgeber! Und in vielen Fragen, in denen ich unsicher war, hatte ich in ihm einen absolut verlässlichen Partner.“ Man sprach in jeder Hinsicht die gleiche Sprache, kam aus derselben Szene. Irgendwann, sagt Ringsgwandl, habe Daniel Dinkel sich bei ihm gemeldet und er mit seiner Musik ein neues Zuhause gefunden.
Seit Corona habe sich die mediale Welt vollständig verändert, und das, „unverschämterweise, ohne uns zu fragen“, grummelt Ringsgwandl. Für die kommenden Jahre, auch über seinen achtzigsten Geburtstag hinaus, hat er sich daher schon Gedanken gemacht. „Mein Wunsch wäre, dass ich übernächstes Jahr, 2028, wenn ich das alles erlebe, ein paar wenige Konzerte in Deutschland gebe, mit einem revidierten ‚Staffabruck‘-Programm.“ Das Album Staffabruck, sein viertes, erschien 1993, und er möchte es noch einmal in die Hand nehmen, ergänzt durch einige andere Ringsgwandl-Klassiker. Und dann vielleicht noch ein kleines Buch schreiben.
Und der Anzug? Wird er diesen mit in die letzte Holzkiste nehmen? Ringsgwandl lacht. Das könnte gut sein. Man wird sehen. Erst einmal hält er noch, der Anzug, und wird auch noch gebraucht.









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