Chris Kramer

Der Geschichtenerzähler mit der Mundharmonika

28. Oktober 2026

Lesezeit: 5 Minute(n)

Der Blues ist weit mehr als nur ein Musikgenre. Er ist Lebensgefühl, Schmerz, Freude und vor allem: eine Form der tiefen, ehrlichen Kommunikation. Kaum ein deutscher Musiker verkörpert diese Philosophie so authentisch wie Chris Kramer. Der virtuos agierende Mundharmonikaspieler und Singer-Songwriter aus dem Ruhrgebiet hat sich in über drei Jahrzehnten Bühnenerfahrung einen festen Platz in der internationalen Musikszene erspielt. Sechsmal wurde er bereits mit dem begehrten German Blues Award ausgezeichnet, und doch beschreiben ihn Weggefährten und Fans gleichermaßen als bodenständig, nahbar und unermüdlich kreativ. Chris Kramer gilt als sprudelnde Quelle neuer Ideen, lässt sich in keine starre Schublade stecken und versteht sich trotz all der Auszeichnungen in erster Linie ganz schlicht als eines: als Geschichtenerzähler.
Text: Klaus Härtel

Die unendliche Reise zum Horizont

Die musikalische Reise Chris Kramers beginnt ganz intim im heimischen Umfeld. Seine allerersten Töne auf dem kleinen Instrument lernt er einst von seinem Vater. Heute, nach mehr als dreißig Jahren auf den Brettern, die die Welt bedeuten, hat die Mundharmonika – dieses unscheinbare Instrument, das bequem in jede Hosentasche passt – nichts von ihrer Faszination für ihn verloren. Auf die Frage, was ihn nach all der Zeit noch immer an ihr begeistert, findet Kramer ein starkes Bild: „Musik machen ist wie zum Horizont laufen, eine Reise, die niemals endet. Das gilt auch für jedes Instrument. Jeden Tag, wenn ich spiele und übe, entdecke ich immer etwas Neues, das hört nie auf.“

Mit dem Älterwerden verändert sich auch der Blick auf das eigene Schaffen. Der Musiker stellt erfreut fest, dass sein Spiel keineswegs stagniert, sondern durch eine neu gewonnene innerliche Ruhe reift. „Insbesondere als älter werdender Mensch und Musiker entdecke ich auch, dass sich mein Spiel durch Gelassenheit weiterentwickelt.“ Obwohl er von Fachmedien und geschätzten Kollegen längst selbst als Meister seines Fachs gewürdigt wird, bleibt Kramer bescheiden. „Ich fühle mich nach wie vor als Lernender. Es ist ein schönes Gefühl, sich jeden Tag auf etwas Neues freuen zu können und sich auch zwei- bis dreimal die Woche über sich selbst wundern zu können.“

Diese offene Haltung hat ihm im Laufe seiner Karriere Zusammenarbeiten mit echten Legenden eingebracht. Kramer stand bereits mit Mitgliedern der Rolling Stones oder der legendären Muddy Waters Band im Tonstudio. Für ihn zählt dabei vor allem das Kollektiv der Erfahrung. „Jede Wegstrecke, die ich mit anderen guten Musikern zusammen gehen durfte – ob bekannt oder unbekannt, ist da eigentlich egal –, beeinflusst mich natürlich und bestimmt dann auch anschließend, welche Weggabelung ich einschlage.“

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Wagemutige Tradition: Wenn Blues auf Beatbox trifft

Kramers musikalische Neugier zeigt sich besonders eindrucksvoll in seinen innovativen Projekten. Mit der Formation Beatbox ’n’ Blues agiert er an der Schnittstelle von Tradition und Moderne. Hier prallen klassische Bluesschema-Muster auf die urbanen Rhythmen von Hip-Hop-Beatboxen. Dass ein solch mutiger Crossover nicht überall auf Gegenliebe stößt, nimmt Kramer mit einem Schmunzeln hin. „Hardcore-Blues-Puristen mögen uns nicht, das liegt sicher in der Natur der Sache. Aber alle anderen sind begeistert, weil wir etwas wirklich Neues machen.“ Besonders auf der Bühne entfaltet dieses ungewöhnliche Trio seine mitreißende Dynamik, durch die die Musik rasend schnell in die Herzen des Publikums transportiert wird. (Eine aktuelle Doku des SR dokumentiert die Reise der Band zur International Blues Challenge 2017 in Memphis, siehe auch Rezension in folker #2.26 folker.world/rezensionen/meike-wendt-helge-wemmje/.)

Chris Kramer

Foto: Heinz Jörres

Wo die Sprache aufhört: Die Magie des Geschichtenerzählens

Für Chris Kramer ist Musik kein reiner Selbstzweck, sondern das universellste Werkzeug der Kommunikation. Gefragt, ob die Mundharmonika für ihn Begleitung oder vielmehr eine eigenständige Erzählstimme sei, zitiert der Musiker den Romantiker E. T. A. Hoffmann, der gesagt haben soll: „Wo die Sprache aufhört, fängt die Musik an.“ Eine Aussage, der Kramer auf jeden Fall voll zustimmt.

Und diese Theorie setzt Kramer auch virtuos in die Praxis um. Musik schaffe da Verbindungen, wo Worte versagen – sei es in tiefster Trauer oder im Moment ausgelassener Unterhaltung. Kramer erinnert sich gern an ein Beispiel aus seinem Bühnenprogramm. Er erzählte vor einem Song die humorvoll-pikante Anekdote über die vernachlässigte Frau seines ehemaligen Vermieters, die mangels Aufmerksamkeit ihres Mannes wie eine streunende Katze an der Tür des Musikers kratzte. „Nach diesen ‚einleitenden‘ Worten vor dem Song haben alle bei meinem Mundharmonikasolo an den weiblichen Orgasmus gedacht und das doppelt so euphorisch abgefeiert. Im Prinzip habe ich als Geschichtenerzähler nur eine kleine Einleitung gegeben, und den Rest haben sich die Leute selbst im Kopf ‚weitergedacht‘. Ich glaube, dass das meine besondere Qualität ist: Menschen zu unterhalten, ihnen Geschichten zu erzählen und meine Texte mit Musik zu vereinen, damit sie ein stimmiges Bild abgeben.“ Eine treffende Zusammenfassung seiner Wirkung lieferte einst ein Weggefährte: „Tränendrüsen und Lachmuskeln stehen bei Chris Kramer im ständigen Konkurrenzkampf miteinander.“

Die kleine Mundharmonika: Werte vermitteln für die Kleinsten

Seit nunmehr fünfzehn Jahren widmet sich Chris Kramer neben seiner Blueskarriere mit großer Leidenschaft seinem Herzensprojekt „Die kleine Mundharmonika“. Über Lesungen, Mitmachkonzerte, Workshops und Musicals bringt er Kindern die Welt der handgemachten Musik nahe. In Zeiten von Smartphones und Videospielen ist das für ihn keineswegs schwer. „Ich spiele, und nach Sekunden habe ich die Kids begeistert, gerade weil sie es nicht kennen.“ Doch hinter dem Projekt steckt weit mehr als nur musikalische Früherziehung. Das kleine, oft belächelte Instrument nutzt er als Metapher für das Leben. „Genauso viel wie in dieser kleinen Mundharmonika steckt auch in jedem Einzelnen von euch – jeder von euch ist etwas ganz Besonderes.“ Es geht ihm um die Vermittlung von Selbstvertrauen und Respekt.

Auf die Frage, mit welcher musikschaffenden Person – ob lebend oder bereits verstorben – er am liebsten einmal zusammenspielen würde, antwortet er mit gelassener Zuversicht. Die Wunschliste sei schlicht zu lang. „Als bekennender Christ glaube ich aber fest daran, alle im Himmel wiederzusehen und dann, befreit von Neid und Missgunst, dort eine gute Zeit mit ihnen zu verbringen.“

Für den Moment aber konzentriert sich Chris Kramer voll und ganz auf das Hier und Jetzt. Für ihn fängt die Musik immer bei der eigenen Haltung an. „Bis es so weit ist, versuche ich in erster Linie, eine gute Verbindung zu mir selbst herzustellen, denn nur wenn ich mich selbst begeistern kann, kann ich auch andere begeistern. Und dann kommt man automatisch in Kontakt zu interessanten Menschen und Musikern – und das sind dann die magischen Momente, für die man lebt.“

Aktuelles Album:

Tales Of Tampa (mit Paddy Boy Zimmermann; Blow Till Midnight, 2025)

Wer Chris Kramer einmal spielen gehört hat, spürt sofort die Faszination, die in diesem kleinen Instrument steckt. Und das Beste daran: Man braucht weder Notenkenntnisse noch musikalische Vorerfahrung, um selbst loszulegen. In seinem Einsteigerworkshop „Mundharmonika für absolute Anfänger“ nimmt Chris Kramer Schritt für Schritt an die Hand. Von der richtigen Haltung und Atemtechnik bis zu ersten sauberen Einzeltönen zeigt er alles, was man für den Start braucht. Das Gelernte kann direkt in die Praxis umgesetzt werden: Über dreißig bekannte Melodien warten darauf, gespielt zu werden – inklusive professioneller Gitarrenbegleitung als Playback zum Mitspielen. Direkt zum Workshop geht es hier www.youtube.com/playlist?list=PLUorMeY6lQuUKde9kV_7TpetsX8E5txo-.

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Aufmacher:
Chris Kramer

Foto: Heinz Jörres

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