Serie: Fünf Jahrzehnte deutsches Folkrevival (5)

Der Osten tickte anders – Zum Folkrevival in der DDR

25. September 2026

Lesezeit: 9 Minute(n)

Das Folkrevival begann in der DDR später als in der Bundesrepublik. Dafür war es nachhaltiger. Die Szene im Osten versah historische Lieder mit einem doppelten Boden, hatte einen anderen Sound als die im Westen, tanzte wilder und brachte (unfreiwillig) Instrumentenbauer hervor. Und sie war stärker vernetzt. Vor fünfzig Jahren schlug ihre Geburtsstunde in einem Leipziger Studentenklub. Daran erinnert Profolk mit einer Ausstellung. Vom 28. November 2026 bis 21. Juni 2027 ist sie im Musikinstrumentenmuseum der Universität Leipzig zu sehen (siehe auch separate Meldung hier).
Text: Wolfgang Leyn

Unerreichbares Irland

Auch im Osten begann das Revival mit Musik von der Grünen Insel. Doch konnte man aus der DDR nicht einfach nach Doolin oder Galway fahren, um dort seine Lieblingsmusik live zu erleben. Drei Ostberliner Folkmusiker, die 1978 versuchten, illegal in den Westen zu gelangen, kamen wegen „Republikflucht“ ins Gefängnis. Einer von ihnen ging später nach Irland und baut heute in der Nähe von Tübingen Uilleann Pipes.

Jürgen B. Wolff, Mitbegründer von Folkländer, hatte sein „Erweckungserlebnis“ 1974 beim Festival des politischen Liedes. „In Berlin hörte ich die irische Sands Family. Musik auf akustischen Instrumenten, hingeschmetterte mehrstimmige Gesänge, tolle Melodien. Ein Erlebnis der dritten Art. Es versenkte binnen einer Stunde mein folkloristisches Weltbild, das hauptsächlich aus erzgebirgischen Weihnachtsliedern bestand, die meine Mutter zu Heiligabend auf dem Akkordeon spielte.“

Schallplatten mit Irish Folk gab es in der DDR nicht zu kaufen. Einzige Ausnahme: die polnische Lizenzpressung einer LP der Quare Fellas (aus denen die Dublin City Ramblers hervorgingen). Mehrere Stücke davon gehörten dann zum frühen Folkländer-Repertoire, mit dem die Band durch Studenten- und Jugendklubs tingelte.

„Wenn man in der DDR in professionellen Strukturen Musik machen wollte und die Hürden genommen hatte, hatte man als professioneller Musiker ein sorgloses Leben.“

Notwendig und nützlich – die „Pappe“

Studentenklubs gab es an allen Hochschulen. Unter den paar Tausend Jugendklubs im Land hatte einer für die Folkszene besondere Bedeutung: der 1973 gegründete Club Malzhaus in Plauen. Dort erhielten Musiker von gleich vier Bands ihre musikalische Sozialisation – Jürgen B. Wolff von Folkländer aus Leipzig, Matthias Kießling (†) von Wacholder aus Cottbus, Peter Miethe von Notentritt aus Halle und Erik Kross, nacheinander bei Folkländer, Wacholder und Heureka.

Von den 250 Klub- und Kulturhäusern sei hier das Haus der jungen Talente (HdjT) erwähnt. Das größte Jugendklubhaus der DDR-Hauptstadt war zwischen 1978 und 1982 Schauplatz des wichtigsten Folkfestivals im Land. Alle diese von Kommunen oder Großbetrieben finanzierten Einrichtungen verfügten über ein Budget für Veranstaltungen. Niemand musste also „gegen die Tür spielen“. Allerdings brauchten alle, die für Geld öffentlich auftreten wollten, dafür eine Spielerlaubnis (die einem auch wieder entzogen werden konnte).

Ehe man die „Pappe“ erhielt, musste man beim zuständigen Kabinett für Kulturarbeit vorspielen. Eine Einstufungskommission legte dann fest, welche Gage man von Veranstaltern verlangen konnte (und meist auch bekam). Amateurbands konnten sich später hochstufen lassen. 1989 hatten sechzehn DDR-Bands eine „Profipappe“, darunter Folkländer, Wacholder, Liedehrlich und JAMS.

Jo Meyer von JAMS erklärt: „Es war im Osten eine kleine Szene, die vom Staat kritisch beobachtet wurde, was die Szene noch mehr zusammenbrachte. Man darf dabei aber nicht vergessen: Wenn man in der DDR in professionellen Strukturen Musik machen wollte und die Hürden genommen hatte, die man zu nehmen hatte, hatte man als professioneller Musiker ein sorgloses Leben, man konnte sich voll auf die Musik konzentrieren.“

Cover des 1980 erschienenen ersten Liederheftes von Brummtopf und Saitensprung aus Erfurt

„Die studentische Folklorebewegung war nicht nur Musik, sie war eine Lebenshaltung.“

Selbstbestimmt leben

Die hiesige Folkszene war sehr gut vernetzt. Dazu trugen ab 1980 die jährlichen DDR-Folkwerkstätten bei. Andy Wieczorek (Ex-Polkatoffel, heute unter anderem bei JAMS) erinnert sich: „Man hat eigentlich die Leute dort kennengelernt, die man heute noch gerne trifft. Das hat schon eine sehr wichtige Rolle gespielt, gar nicht mal nur musikalisch, sondern auch mental, menschlich.“ Musiker vieler Bands – Musikerinnen gab es damals nur wenige – waren befreundet. Konkurrenz spielte kaum eine Rolle.

Die Folkies verband mehr als nur ihr Musikgeschmack. Unabhängig davon, ob sie ursprünglich aus der Singebewegung der Jugendorganisation FDJ kamen oder aus dem kirchlichen Umfeld, einig waren sie sich im Streben nach einem selbstbestimmten Leben. „Diese studentische Folklorebewegung war nicht nur Musik, sie war eine Lebenshaltung“, erinnert sich Volkhard Brock von Notentritt aus Halle.

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Kennenlernen im Grafikkeller

Entstanden ist die ostdeutsche Folkszene am letzten Oktoberwochenende 1976 im Studentenklub der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. In drei ausverkauften Konzerten spielten damals rund ein Dutzend Bands vor sechshundert Leuten. Sie kamen unter anderem aus Berlin, Erfurt, Leipzig, Greifswald, Heiligenstadt und Potsdam. Eingeladen hatte die Gruppe Folkländer.

Diese DDR-offene Folkwerkstatt war zugleich das erste Folkfestival des Landes. Doch mehr noch ging es an diesem Wochenende um die Selbstfindung der Szene. Reiner Luber (†) von Brummtopf in Erfurt erinnerte sich an die „fantastische Atmosphäre im Grafikkeller“. Wichtig für die Bands war der Austausch über Instrumente, Spielweisen und Techniken während der Werkstatt. „Wir waren ja alle mehr oder weniger am Anfang.“ Und noch etwas brachte Leipzig: „herzliche Beziehungen zu anderen Musikanten.“ Das Kennenlernen und Miteinandermusizieren vermittelte das Gefühl, „dass wir eine Richtung verfolgt haben, in der auch andere unterwegs waren“.

Vertreter der Bands, die an der Leipziger Folkwerkstatt teilgenommen hatten, gründeten im März 1977 als Interessenvertretung der Szene das Folklore-Initiativkomitee (FINK). Das organisierte zwei Monate später in Berlin eine zweite DDR-weite Werkstatt, mehr oder weniger vorbei an den staatlichen Institutionen. Das konnte nicht auf Dauer gut gehen. Schon ein Vierteljahr nach der Gründung wurde das FINK zur Selbstauflösung genötigt.

Deftige deutsche Lieder zur Konzertina

Bei der Folkwerkstatt im Oktober 1976 dominierten irische und schottische Songs und Tunes. Dagegen wurde im Mai 1977 75 Prozent deutschsprachiges Repertoire gespielt. Zunächst wurde abgekupfert, was man von Westschallplatten kannte. Dann stöberten die Bands selbst in den Volksliedsammlungen. So gründlich wie seit Jahrzehnten niemand vor ihnen.

Gern gesungen wurden deftige Handwerksgesellenlieder aus dem 19. Jahrhundert, häufig begleitet auf Konzertina oder Bandoneon. Im Westen spielten diese Instrumente kaum eine Rolle, im Osten prägten sie den Sound der Folkszene. Mindestens dreißig Bands setzten eines von beiden zur Liedbegleitung ein oder spielten damit zum Tanz. Hergestellt wurden sie seit dem 19. Jahrhundert vor allem in Sachsen. In den Siebziger- und Achtzigerjahren fanden sich noch viele auf Dachböden oder im Gebrauchtwarenhandel.

„Die Folkbands wurden Meister im Jonglieren mit Anspielungen, Witzen und Parabeln.“

Volkslieder mit doppeltem Boden

Historische Volkslieder eigneten sich hervorragend, um damit Tabuthemen anzusprechen, etwa die eingeschränkte Reisefreiheit oder den Wehrdienst in der NVA. Das kam beim jugendlichen Publikum gut an, nicht aber bei den Behörden. Doch diese konnten wenig dagegen tun. Schließlich stammten die Auswandererlieder oder oppositionellen Soldatenlieder aus dem „Steinitz“. Und diese Liedsammlung war bekanntlich in der DDR erschienen.

„Wer hätte nach Biermanns Abgang ein singbares Auswandererlied schreiben können? Oder besser dürfen. Die Folkies durften und konnten. Denn sie mussten es nicht selber schreiben, sondern nur finden und spielen. Das Etikett ‚traditionell‘ gab freies Geleit“, weiß Jürgen B. Wolff zu berichten. „Die Folkbands wurden Meister im Jonglieren mit Anspielungen, Witzen und Parabeln. Es entwickelte sich in ihren Liedern eine zweite Bedeutungsebene, die sich fast automatisch herstellte, wenn ein Stück erklang.“

Tanzen – wild und voller Freude

Während in der Bundesrepublik nur wenige Folkbands zum Tanz spielten, avancierte der Mitmachvolkstanz ab 1980 in der DDR zum Mainstream der Szene, füllte wenig später Säle mit bis zu tausend Tänzern. Was als „Trachtenballett“ auf der Bühne kaum jugendliches Publikum anlockte, erwies sich auf dem Tanzboden als massentaugliches Freizeitvergnügen. Nach dem Vorbild der ungarischen Tanzhausbewegung gehörten dazu Livemusik, ein Tanzmeister, der die Schritte erklärte, und mehrere Tanzpaare, die sie vorführten. Ende der Achtziger gab es rund dreißig solcher (Vor-)Tanzgruppen.

Sigrid Lembke – später Römer –, ab 1979 Tanzmeisterin bei Kreuz & Square in Leipzig und 1983 Mitbegründerin der einzigen Volkstanzschule der DDR, resümierte 1990: „Das Wichtigste, was wir erreicht haben: Die Volkstänze werden immer noch wild und voller Freude getanzt, nun aber nicht mehr so chaotisch wie am Anfang, sondern mit mehr Wissen um das Ganze. Polka- und Rheinländer-Schritt mussten wir früher erklären, das können wir heute weglassen.“

Mangel macht erfinderisch

Parallel zum Folktanzboom wagten sich handwerklich begabte Folkies an den Eigenbau von Musikinstrumenten. Nicht ganz freiwillig. Aber Dudelsäcke und Drehleiern konnte man in der DDR eben nicht kaufen. Anfang, Mitte der Achtziger entstanden dann die ersten gut klingenden Exemplare.

In diesem Jahrzehnt gab es in der DDR rund 120 Folkbands. Nur sieben von ihnen erhielten die Möglichkeit, beim VEB Deutsche Schallplatten ein Album einzuspielen. Weitere zwölf sind auf Samplern vertreten. Um dennoch ihr Repertoire anderen zugänglich zu machen, brachten mehrere Bands Liedhefte heraus. Stadt- oder Bezirkskabinette für Kulturarbeit stellten dafür Finanzen, Druckgenehmigung und Papierkontingent zur Verfügung, machten jedoch auch inhaltliche Vorgaben.

Volkstanzabend mit JAMS 1983 in der Leipziger Kongresshalle

Foto: Stefan Gööck

Festival als Fenster zur Welt

Von 1970 bis 1990 wurde jedes Jahr im Februar in Ostberlin das internationale Festival des politischen Liedes veranstaltet. Dort waren Ikonen der Folk- und Weltmusik wie Pete Seeger, Miriam Makeba, Mikis Theodorakis, Mercedes Sosa, Quilapayún, die Sands Family oder Dick Gaughan live zu erleben. Bis zu achtzig Solisten, Solistinnen und Gruppen der verschiedensten Genres aus rund dreißig Ländern traten eine Woche lang vor Tausenden Menschen auf. Das Festival war vieles in einem: offizielle Repräsentationsveranstaltung mit einer starken medialen Begleitung, Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch, politischer Karneval, der für die Beteiligten den DDR-Alltag eine Woche lang außer Kraft setzte, kreative Insel und Fenster zur Welt.

Aus der Bundesrepublik gastierten unter anderen Hannes Wader, Liederjan und Zupfgeigenhansel. Für DDR-Folkbands bedeutete die Einladung zum Festival eine Art Ritterschlag. Erhalten haben ihn unter anderen Arbeiterfolk aus Zwickau, Aufwind aus Berlin, Folkländer aus Leipzig, Jack & Genossen und JAMS aus Berlin, Liedehrlich aus Gera, das Duo Piatkowski & Rieck aus Rostock und Wacholder aus Cottbus.

Wacholder beim Festival des politischen Liedes 1983 mit Dick Gaughan und der Sands Family

Foto: Thomas Neumann

Festivalvielfalt ab 1978

Beim Berliner Folklorefest im HdjT spielten zwischen 1978 und 1982 die wichtigsten Folkbands der DDR und einige aus dem Ausland vor über zweitausend Menschen. Kleinere Festivals gab es ab Ende der Siebziger unter anderem in Erfurt, Potsdam, Hoyerswerda, Ilmenau, Halle, Wismar und Plauen. Veranstalter waren Studenten- oder Jugendklubs beziehungsweise Kabinette für Kulturarbeit, meist gemeinsam mit ortsansässigen Folkbands.

1981 versuchte die Berliner Band Polkatoffel in der Gemeinde Friedrichswalde nordöstlich von Berlin ein DDR-weites Folkfestival zu organisieren, und zwar privat, nur mit dem Dorfklub als gesellschaftlichem Träger. Das endete mit einem Verbot. Offiziell wegen nicht eingehaltener Hygieneauflagen, tatsächlich sah die Stasi darin eine „Aktivität zum Unterlaufen staatlicher und gesellschaftlicher Normative“. Und die galt es zu verhindern.

Als langlebigstes ostdeutsches Folkfestival erwiesen sich die Folktage im südthüringischen Ilmenau. Die gibt es seit 1978, und sie finden nach wie vor statt – diesen Herbst vom 23. bis 25. Oktober 2026 zum 43. Mal. Gastgeberin ist die Band Feuertanz. Ab 1986 veranstaltete der Folkklub Leipzig jedes Jahr zu Himmelfahrt sein Tanzhausfest. Es wurde schnell zum Jahreshöhepunkt für die gesamte Folktanzszene der DDR. Als ausländische Stargäste wurden in Leipzig Groupa aus Schweden oder die Oysterband und Blowzabella aus Großbritannien gefeiert.

Buchtipp:

Wolfgang Leyn, Volkes Lied und Vater Staat – Die DDR-Folkszene 1976-1990 (Ch. Links Verlag, 2016); mit Beiträgen von Ralf Gehler und Reinhard Ständer

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Wie geht es weiter?

Im letzten Teil unserer Serie in Heft #4.26 wollen wir uns mit einem Urgestein und Protagonisten der damaligen Zeit unterhalten, der das deutsche Folkrevival nicht nur hautnah miterlebt, sondern auf seine Weise mitgeprägt hat. Von Tom Kannmacher wollen wir wissen, wie er das Revival erlebt hat, wofür es für ihn steht, was es ausgemacht und wie es möglicherweise weitergewirkt hat, sozusagen als Ausblick und Brücke bis heute.

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Aufmacher:
Session beim Folkfestival 1980 in Erfurt mit Musikern von Folkländer, Brummtopf, Wacholder und Polkatoffel

Foto: Jürgen Hohmuth

Autor:

Wolfgang Leyn, 1976 Folkländer-Gründungsmitglied, organisierte 1978 bis 1982 in Berlin Folkfestivals, nach 1990 Ausstellungen über die DDR-Folkszene, auch die ab November 2026 im Musikinstrumentenmuseum Leipzig. Seit 2021 betreut er das Webmagazin ostfolk.de.

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