Seit 2005 bin ich jedes erste Juliwochenende in Rudolstadt als Besucher. Dieses Jahr hatte ich erstmals die Ehre, als Musiker aufzutreten, wodurch ich auch völlig neue Einblicke hinter die Kulissen dieses Festivals bekommen konnte. Um festzustellen, wie viel vom Tanzfest der DDR tatsächlich noch übrig ist, möchte ich die grundsätzlichen Punkte skizzieren, die mir persönlich aufgefallen sind.
Text: Finn Jaster
Zunächst einmal gehört das Rudolstadt-Festival zu den großen Musikfestivals in Deutschland. Dennoch zählt es zu den weniger bekannten. Viele Besuchende scheinen dies auf das nicht kommerzielle Konzept zurückzuführen. Tatsächlich macht das Festival als solches kaum Werbung. Die Berichterstattung besteht vor allem aus Beiträgen öffentlich-rechtlicher Sender wie MDR oder Deutschlandfunk. Bei der Konzeption des Festivals scheinen nicht kommerzielle Beweggründe eine Rolle gespielt zu haben, sondern ideelle. Dafür spricht nach wie vor auch der Ticketpreis: Eine Festivalkarte für vier Tage kostet unter 150 Euro!
Ein weiterer Punkt: die Begrifflichkeiten. Während die Veranstaltung für die jüngeren Gäste das „Rudolstadt-Festival“ ist, benutzt ein großer Teil des langjährigen Festivalpublikums nach wie vor die Bezeichnung „TFF“ (für Tanz- und Folkfest). Sowohl für viele ältere Personen als auch für Einheimische ist und bleibt das Festival jedoch „das Tanzfest“.
Ein weiteres Erbe ist wohl das „alte“ Personal. Allerdings dünnt sich dieses langsam aus. Der langjährige Festivaldirektor Ulrich „Uli“ Doberenz hat seinen Posten 2018 abgegeben, wodurch sich das Organisationsteam verjüngt hat. Auch viele der „Institutionen“ des Festivals sind im Umbau begriffen: Seit der Gründung spielte Wimmerschinken mit Sigrid „Sigi“ Doberenz (Ulis Ehefrau) auf dem Kinderfest zum Tanz. Aus gesundheitlichen Gründen hat die Band dies nun an Schnedderädäng abgegeben. Der letzte der „alten Hasen“, der noch immer unverändert mitarbeitet, ist wohl Bernhard Hanneken, der nach wie vor die künstlerische Leitung des Festivals innehat.
Zufällig traf ich dieses Jahr auf dem Festival Wolfgang Leyn (Ex-Folkländer, Autor von Volkes Lied und Vater Staat; siehe auch Leyns Artikel zum Ostfolkrevival hier Link einsetzen). Auf die Frage, wie sich das Festival in dem Jahrzehnt seit der Veröffentlichung seines Buches entwickelt hätte, erklärte er mir, dass es weiter gewachsen sei. Stilistisch sei es offener und breiter geworden mit Platz für „(Klang-)Farben“, die es zuvor nicht gegeben hätte.
Ein offensichtliches Erbe ist an manchen Bühnen zu sehen: Das Tanzzelt und der Löwensaal sind noch immer Spots zum Tanzen. Außerdem werden dort Workshops gegeben – meist im Volks- und Folktanzbereich. Dennoch wird sich mit dem diverseren Line-up auch ein Stück weit vom Folk entfernt – eine Entwicklung die nicht allen gefällt, während es gleichzeitig Stimmen gibt, die glauben, dass das jüngere Leitungsteam wieder zurück zum Folk führt. Dies gilt es weiter zu beobachten.
Auch im sonstigen Line-up sind immer noch Spuren der DDR-Vergangenheit zu entdecken. So spielte beispielsweise in der Straßenmusik in diesem Jahr Ralf Gehler mit einem seiner Projekte. Gehler, gilt als einer der Dudelsackexperten in Deutschland und gehörte bereits in der DDR zur Folkszene. Er schrieb auch einen Gastbeitrag in Leyns Buch. Mitglied des Tau Ensembles, die in diesem Jahr Teil des Straßenmusikprogramms waren, ist zudem die Geigerin Mirjam Janietz, Urenkelin des Gründers des Tanzfestes von 1955, Erich Janietz. Das Festival scheint sich seiner Geschichte bewusst zu sein: Mit ihr wurde vor Ort ein Radiointerview unter anderem über ihren Urgroßvater durchgeführt, für das sie eigens ihre Großmutter mitbrachte.
Wie eingangs bereits erwähnt, spielte ich dieses Jahr auch selbst auf dem Festival – viele der Gespräche, auf die ich mich hier beziehe, hätte ich sonst nicht führen können. Ich war Mitglied des Jugendfolkorchesters (JFO). Dieses Projekt tritt seit 2024 jedes Jahr in Rudolstadt auf und hat es sich zur Aufgabe gemacht, junge Leute an deutsche Folkmusik heranzuführen, sie wieder ins Bewusstsein der Menschen zu bringen und junge Menschen aus ganz Deutschland in dieser Szene zu vernetzen. Dies ist im Grunde eine Fortführung der ursprünglichen Idee des Rudolstadt-Festivals. Und so ist es vielleicht auch keine Überraschung, dass die Initiatoren des JFO einen bestimmten Namen als „Geburtshelfer“ des Orchesters bezeichnen: Bernhard Hanneken.
„Das Rudolstadt-Festival ist voll von Spuren der TFF- und Tanzfestveteranen.“
…; ihr langer Schatten reicht bis ins Jahr 2026. Und es ist sicher nicht nur ein Schatten, sondern es sind eine Idee, eine Leidenschaft und ein Geist, der jeden ergreifen kann, der bereit ist, sich einmal im Jahr darauf einzulassen. Um das Festival groß bleiben zu lassen, kann man neue Wege beschreiten – man kann sich verstärkt anderer Musik öffnen, die den Folk- und Weltmusikbereich verlässt. Oder die Jugend öffnet sich dem Folk und erfindet ihn neu. Letzteres scheint gerade mit großen Schritten zu passieren.






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