Es begann mit einer Geburtstagsfeier. Vor fünfzehn Jahren luden Rolf „Lotte“ Reinstrom und seine Frau Sabine Jesumann die texanische Singer-Songwriterin Jess Klein ein, für ihre Partygäste zu spielen. Aus dem musikalischen Abend im privaten Freundeskreis entwickelte sich über die Jahre ein Verein, der mit jährlich sechs bis zehn Konzerten die norddeutsche Kulturszene prägt. Nun übergibt Lotte den Staffelstab an ein neues Team.
Text: Antje Thiel
Mit seiner Vorliebe für Häkelmützen und dem markanten Bart sticht der mittlerweile siebzigjährige ehemalige Glaskünstler Lotte schon optisch aus jeder Menschenmenge heraus. Noch mehr Aufmerksamkeit als er selbst verdient jedoch die Konzertreihe, die er auf die Beine gestellt hat. Das Publikum war begeistert vom Auftritt Jess Kleins an besagter Geburtstagsfeier auf der kleinen Bühne auf einem Naturgrundstück in der Nähe von Elmshorn in Schleswig-Holstein – und wünschte sich eine Wiederholung im größeren Rahmen.
„Eigentlich wollte ich nur Jess Klein für ein zweites Konzert nach Elmshorn einladen, damit mehr Menschen sie live erleben können“, erinnert sich Lotte. Doch auch ihr zweites Gastspiel kam derart gut an, dass er bald darauf weitere Acts anschrieb und sie davon überzeugte, in Elmshorn aufzutreten. Bei seinen ausgedehnten Reisen rund um den Globus und bei diversen Festivals hatte der leidenschaftliche Musikliebhaber bereits viele Kontakte geknüpft. In den Neunzigerjahren folgte er zum Beispiel in Irland der Folkgruppe Planxty mit Andy Irvine auf dem Fahrrad von Konzert zu Konzert. Dreißig Jahre später war der Ausnahmemusiker Gast bei Lottes Musiknacht!
Lotte sprach Bands und ihre Agenturen an, organisierte Konzerte und machte sich in der Szene rasch einen Namen als Veranstalter, bei dem Musikschaffende gern auftreten. Zum einen wegen der herzlichen persönlichen Betreuung – viele Jahre lang übernachteten die Auftretenden statt in Hotels zu Hause bei Lotte im Gästezimmer, inklusive Familienanschluss und Butterbroten für die Weiterreise. „Aber auch, weil unsere Konzerte immer ausgebucht sind und wegen der tollen Stimmung im Publikum. Außerdem zahlen wir den Musikern sehr gute Gagen“, berichtet Lotte nicht ohne Stolz.
Dabei verlangt er noch nicht einmal Eintritt von den Konzertbesuchenden. „Wir verkaufen keine Karten, sondern sammeln Spenden“, erklärt er. „Es gibt einen Richtwert von 20 bis 30 Euro, aber am Ende zählt, was jeder geben möchte und kann.“ Auch am Tresen, wo sich die Konzertgäste in der Pause mit Getränken versorgen können, gibt es Spendentöpfe statt einer Preisliste. „Wir vertrauen unserem Publikum, und die Leute wissen die Musik und das Drumherum zu schätzen.“
„Jedes Konzert ist eine kleine Auszeit von der verrückten Welt.“
Bis heute verstehen sich Lotte und seine Frau vor allem als Gastgeber, nicht als Konzertveranstalter. Sabine Jesumann erzählt: „Wir organisieren nur Konzerte, auf die wir selbst Lust haben, und sind dann immer mittendrin.“ Die Pausen sind oft genauso lebendig wie die Konzerte selbst. „Man trifft sich, redet, schnackt – jedes Konzert ist eine kleine Auszeit von der verrückten Welt“, schwärmt Lotte. Das spüren auch die Musikschaffenden bei ihren Auftritten in Elmshorn. „Ich höre oft von ihnen, das Konzert bei uns sei das beste der gesamten Tour gewesen.“
Um diese für alle Beteiligten besonderen Erlebnisse organisatorisch und finanziell abzusichern, wurde 2016 der Verein Lottes Musiknacht gegründet. Er hat heute 225 Mitglieder, viele lokale Sponsoren und eine treue Fangemeinde. Mit dem unvermeidlichen bürokratischen Aufwand fremdelt Lotte allerdings bis heute. Doch der Verein kann Mitgliedsbeiträge erheben, Spendenquittungen ausstellen, Verträge abschließen und das Haftungsrisiko absichern. „Wenn internationale Stars wie Eric Bibb, Gaby Moreno oder Brian McNeill bei uns auftreten, geht es immerhin um hohe Kosten, die vorgestreckt werden müssen“, erklärt Lotte.
Mit einem breiten musikalischen Spektrum von Folk über Blues und Jazz bis hin zu Singer-Songwriter:innen hat sich Lottes Musiknacht als feste Größe in der norddeutschen Kulturszene für handgemachte Musik etabliert. Nach zehn Jahren als erster Vorsitzender gibt Lotte nun den Staffelstab weiter. „Ich hatte immer vor, mit siebzig aufzuhören“, betont er. „Jetzt wünsche ich mir mehr Zeit für mich, fürs Reisen und für Sabine, ohne deren Unterstützung ich diese vielen Konzerte gar nicht hätte veranstalten können.“
Die Nachfolge übernimmt ein fünfköpfiges Team um Timm Lienau, das sich „Lotte Kids“ nennt – auch wenn alle Beteiligten die fünfzig längst hinter sich gelassen haben. Der neue erste Vorsitzende ist Gründungsmitglied von Lottes Musiknacht, war zehn Jahre lang Kassenprüfer und hat sich bei unzähligen Konzerten um Bühnentechnik und Logistik gekümmert. „Ich kann gut planen und organisieren“, beschreibt Lienau sich selbst. Gemeinsam mit seinen Mitstreitenden will er den Verein im Hintergrund neu aufstellen. „Lotte hat das alles mit viel Leidenschaft und Herzblut aufgebaut. Jetzt müssen wir uns so organisieren, dass der Verein auch in zehn Jahren noch läuft.“
Die größte Herausforderung sieht er darin, die vielen Aufgaben künftig auf mehr Schultern zu verteilen. „Bislang sind alle Fäden bei Lotte zusammengelaufen, der sich um sämtliche Details persönlich gekümmert hat. Das können wir neben Job und Privatleben beim besten Willen nicht leisten“, stellt Lienau klar. Ihm schwebt eine Struktur mit klar definierten Rollen vor. „Wenn dann jemand ausfällt oder ausscheidet, kann eine andere Person den Part leichter übernehmen.“ Daneben planen die Lotte Kids eine Modernisierung der Website und ein digitales Reservierungssystem.
Die Leidenschaft für ehrliche, handgemachte Sounds steht allerdings auch beim neuen Vereinsvorstand im Vordergrund. Zum ersten Konzert unter seiner Regie kommt mit John Jones, dem früheren Frontmann der Oysterband, am 10. Oktober 2026 eine der prägenden Stimmen des britischen Folkrock nach Elmshorn. Für den 12. Dezember 2026 konnte der Verein zum wiederholten Mal die Blueslegende Big Daddy Wilson gewinnen.
Ganz ohne den Gründer wird es allerdings auch in Zukunft nicht gehen. „Lotte ist das Gesicht des Vereins und wird immer über seinen Namen mit ihm verbunden sein – solange er lebt“, macht Timm Lienau deutlich. Und natürlich lassen sich die persönlichen Kontakte des Gründers in die Musikszene nicht von heute auf morgen ersetzen. Bei der Programmplanung will Lotte den Verein auf Wunsch auch weiterhin unterstützen. „Ich freue mich, als Gast bei vielen weiteren Konzerten in Elmshorn dabei zu sein“, so der Initiator.








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