Die Musik der Sámi

Eine Liebeserklärung

29. September 2026

Lesezeit: 9 Minute(n)

Der Lebensraum der Sámi und ihrer Rentierherden in Norwegen, Schweden, Finnland und auf der russischen Kola-Halbinsel wird durch gigantische Eingriffe zur Energie- und Rohstoffgewinnung, durch den Klimawandel und militärische Anlagen immer enger. Gleichzeitig entwickelt sich die Musik- und Kulturszene von Europas einziger Urbevölkerung künstlerisch immer weiter und erfährt national wie international enorme Beachtung. Auf den norwegischen Wikipedia-Seiten findet man eine alphabetisch geordnete Liste mit über sechzig samischen Musikerinnen und Musikern, von Katarina Barruk und Mari Boine über Frode Fjellheim, Áilu Gaup, Sofia Jannok und Marja Mortensson bis Torgeir Vassvik und Wimme. Und diese Aufzählung ist noch nicht einmal vollständig. Der einflussreichste Vertreter samischer Kultur, Nils-Aslak Valkeapää formulierte es einmal so: „In unserer traditionellen Kultur ist jeder ein Künstler. Die Art und Weise zu leben ist Kunst.“
Text: Jens-Peter Müller

„Máilbmi – Små folk, stor musik“ („Kleines Volk, große Musik“) hieß eine Radiosendung, die Sofia Jannok im schwedischen Radio moderierte. Etwa 70.000 Menschen umfasst das Volk der Sámi. Ursprünglich lebten sie von der Jagd. Erst nachdem im 16. Jahrhundert rücksichtslose Pelztierjäger den Rentierbestand nahezu ausrotteten, wandten sie sich der intensiveren Haltung dieser Tiere zu. Die Songschreiberin, Joikerin, Schauspielerin und Umweltaktivistin Jannok ist in Schweden seit den ersten, folkpoppigen Alben White/Čeaskat 2007 und Áššogáttis – By The Embers 2008 eine der bekanntesten Künstlerinnen. Ihre Version des „Yoik Of The Wind“, der Nils-Aslak Valkeapää zugeschrieben wird, hat im Netz über eine Million Aufrufe. Ihr bisher letztes Album Lávv U (Bezeichnung für das samische Zelt) präsentierte sie 2021 ganz still am Lagerfeuer nur mit Gitarrenbegleitung und Rahmentrommel.

Sofia Jannok

Foto: Petter Hedman

Mit besagtem Sänger, Musiker, Schriftsteller, Maler und Schauspieler Nils-Aslak Valkeapää, der viele Jahre Kultursekretär im Weltrat der Urbevölkerungen war, begann Ende der Sechzigerjahre diese befreiende Entwicklung – nach Jahrhunderten kolonialer Unterdrückung und rassistischer Praktiken, für die es in Norwegen heute ein eigenes Wort gibt: „Fornorskningspolitik“ („Norwegisierungspolitik“). Bis in die Siebziger war die samische Sprache in den Schulen Sápmis, wie die Sámi ihre Heimat nennen, verboten, wurden samische Kinder und Jugendliche zwangsweise in Internate gesteckt, um dort eine „ordentliche“ norwegische Erziehung und Bildung zu bekommen. Joiken war „natürlich“ ebenfalls verboten. Seit im Jahre 1609 der dänische König Christian IV. das „sündige“ Joiken mit der Todesstrafe belegt hatte, befand sich der traditionelle Gesang der Sámi quasi im Exil. In den Bergen, den Wäldern, in der nordischen Tundra, im Zug mit den Rentierherden durch die Einsamkeit hat er überlebt. Valkeapää beschrieb das Joiken einmal poetisch so: „Joik ist die Volksmusik der Sámi. Es gibt ihn einzeln oder in Gruppen, als Protest oder Liebeserklärung. Am häufigsten ist der ‚Personenjoik‘. Man joikt nicht über jemanden, man joikt jemanden. Man braucht keine Worte, kann sie aber verwenden, sogar reichlich.“

„Wenn ich einen Berg joike, dann joike ich nicht über ihn, dann bin ich der Berg.“

Marja Mortensson

Marja Mortensson Trio

Foto: Frode Fjellheim

Die samische Sprache besteht aus sehr verschiedenen Sprachgruppen, die heute teilweise – wie das Südsamische oder das Skoltsamische – nur noch von einigen Hundert Menschen gesprochen werden. In dem Schweizer Film Beyond Tradition – Kraft der Naturstimmen sagt die südsamische, dreihundert Kilometer von Oslo mit Rentieren aufgewachsene Sängerin Marja Mortensson als eine von drei Hauptpersonen: „Wenn ich einen Berg joike, dann joike ich nicht über ihn, dann bin ich der Berg.“ 

Ella Marie Hætta Isaksen

Foto: Sara Angelica Spilling

„Ich höre nicht nur meine Stimme, ich höre auch die Stimmen unserer Vorfahren.“

Ella Marie Hætta Isaksen

Als 2018 die damals achtzehnjährige Ella Marie Hætta Isaksen mit ihrer Band ISÁK den Endausscheid des Stjernekamp (eine Art „Norwegen sucht den Superstar“) gewann, antwortete sie auf die Frage der Fernsehmoderatorin, was sie fühle, wenn sie auf so einer großen Bühne stehe und joike: „Es mag verrückt klingen, aber ich höre nicht nur meine Stimme, ich höre auch die Stimmen unserer Vorfahren.“ Sie habe viele Nachrichten bekommen im Umfeld dieser Sendung von Familien, die mitteilen wollten, dass ihre Kinder auch joiken. „Und das waren nicht nur Sámi“, sagt sie. „Es scheint so, dass wir diesen lang erkämpften Stolz auf unsere Kultur nun auch mit der norwegischen Mehrheitsbevölkerung feiern können.“

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Und zu feiern gibt es viel. Den alten Joik, der auch auf Tonträgern zu finden ist, etwa beim norwegischen DAT-Verlag oder auf dem Stierdna-Label des umtriebigen Sängers und Komponisten Johan Sara Jr. aus der norwegischen Provinz Finnmark mit Lars-Ánte Kuhmunen oder Johan Anders Baer. Und den neuen Joik in seiner ganzen Vielfalt: in rein akustischen Formationen wie Ulla Pirttijärvis 2019 mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnetem Trio Áššu, in den Duos Marja Mortenssons mit dem Jazztubisten Daniel Herskedal, Hildá Länsmans (siehe auch Einzelporträt hier folker.world/intensiv/hilda-laensman) mit der virtuosen Akkordeonistin Viivi Maria Saarenkylä, Kajsa Baltos mit der empathischen Cellistin Ragnhild Tronsmo Haugland sowie der Finnin Ánnámáret, die nach dem Album Luođit von 2025 mit der Ethnoformation Luohteilbmi und Petra Biret Magga-Vars als zweiter Joikerin auf ihrer kommenden Veröffentlichung mit Ilkka Heinonen zusammenarbeiten wird, der das archaische finnische Streichinstrument Jouhikko spielt. Eine Singleauskopplung gibt es schon.

Ánnámáret

Foto: Anna-Maria Viksten, Valotus by Ama 2

Auch Wimme darf man in seiner Kooperation mit dem genialen, kreativen Bassklarinettisten Tapani Rinne dazuzählen. Daneben erschien nach über zehn Jahren Pause im vergangenen Jahr mit Ivgu ein neues Album, auf dem die japanische Sängerin Kirilola einen bestechenden Kontrast zu Wimmes rauem Joik bildet. Der Albumtitel bezieht sich auf den Ort des Künstlerhauses, das Nils-Aslak Valkeapää in Skibotn an der norwegischen Küste bauen ließ. Dort fanden die ersten Aufnahmesessions statt. Und nicht zu vergessen die „Queen“ des Joik, Inga Juuso, die 2014 im Alter von nur 58 Jahren verstarb. Der Musiker, Sänger und Komponist Frode Fjellheim nahm 2023 Archivaufnahmen von ihr und produzierte damit gemeinsam mit ihrer letzten Band Bárut sowie mit Kajsa Balto als Gast für ein posthumes Duett das Album Min Árbi („Unser Erbe“). Bei DAT erschien zudem ein ähnlich angelegtes Tribute-Album für Juuso. Dort sind auch die legendären Aufnahmen aus dem Jahre 1978 von Valkeapää mit Iŋgor Ántte Áilu Gaup und finnischen Freunden, dem Flötisten und Saxofonisten Seppo „Baron“ Paakunainen und dem Keyboarder Esa Kotilainen, als Doppelalbum Sápmi Lottázan erhältlich.

Wimme & Rinne

Foto: Pennti Hokkanen

Versöhnend und heilend wirken die drei Alben Frode Fjellheims, auf denen samischer Joik in Verbindung mit christlichen Psalmen, Liturgien und Chorgesang erklingt: Aejlies Gaaltije – The Sacred Source: An Arctic Mass (2004), Biejjien Vuelie – Solkvad („Lied der Sonne“, 2013) und zuletzt Mitt Alter Er Fjelett – Varieh Mov Allhtarinie („Mein Altar ist das Fjell“, 2023) mit dem Chor Skruk und der Bandoneonspielerin Åsbjørg Ryeng. Fjellheim verweist im Gespräch auf ein „vorchristliches Christentum“ bei den Völkern im Norden und Nordwesten Europas. Mehr als Worte heben diese meisterhaften Produktionen den bis heute in den Kirchen und Köpfen festsitzenden vermeintlichen Gegensatz zwischen (heidnischen) Naturreligionen und christlicher Botschaft auf. Fjellheims Label Vuelie in Trondheim ist eine wahre Fundgrube kreativen Schaffens. Seit fünf Jahren hat er auch die Professur für den von ihm entwickelten Studiengang für Joik an der Nord Universität in Levanger inne. Elin Kåven, die „arktische Fee“, bietet Onlinekurse für Joik an. Berit Alette Minna und Ingor Ánte Áilu Gaup, der Weggefährte Valkeapääs und eine der Stimmen auf dem legendären Album I Took Up The Runes des Saxofonisten Jan Garbarek, tauchen als Kursleiter bei der Klangwelt im schweizerischen Toggenburg auf.

Zu feiern gibt es auch den siebzigsten Geburtstag Mari Boines in diesem Jahr – Anlass für eine „Jubiläumstournee“ der international bekanntesten samischen Musikerin. Über den aufreibenden und gleichzeitig entlarvenden Konflikt in Bezug auf den Staudammbau am Alta-Fluss Ende der Siebziger in Nordnorwegen, der seitens des Staates beinahe mit militärischen Mitteln angegangen worden wäre, fing sie erstmalig an, eigene Songs auf Samisch zu singen. Der Staudamm wurde gebaut, aber der Kampf um die Rechte und die Kultur der Sámi nahm damit erst richtig Fahrt auf. Der 2023 gedrehte Spielfilm Ellos eatnu – Der Fluss soll leben mit Ella Marie Hætta Isaksen und Sofia Jannok in Hauptrollen spielt in dieser Zeit. „Damals begann ein Heilungsweg,“ sagt Mari Boine in einer unbedingt sehenswerten Veranstaltung der Reihe TEDx Talks. „Meine Lieder stehen unter der bis heute relevanten Fragestellung, wie man als Mensch mit dem Wissen und der Weisheit eines indigenen Volkes in einem Umfeld und in einer Kultur der Habgier bestehen kann, die ewiges Wachstum als ihr Mantra hat.“ Nach längerer Pause brachte Boine 2023 das stille, warme Album Amame nur in Begleitung des norwegischen Pianisten Bugge Wesseltoft heraus. 2024 folgte Alva, worauf sie den hinreißenden, hitverdächtigen Song „Lean Dás“ („Ich bin immer hier“) mit Ella Marie Haetta Isaksen singt. Boine ist Vorbild und Inspiration. Ähnlich wie sie schreiben Sofia Jannok, Kajsa Balto, Katarina Barruk oder Niko Valkeapää – Patenkind seines berühmten Namensvetters – Songs in modernem Sound, aber immer mit der Tradition und der indigenen Weltsicht als wesentliche Basis.

Mari Boine

Foto: Gregor Hohenberg
Katarina Barruk

Foto: Promo

Schon Nils-Aslak Valkeapää erkannte vor 45 Jahren: „Die Zeiten ändern sich. Die Lebensweisen. Auch der Joik hat seinen Schneescooter. Heiratet, entwickelt sich.“ Viele Ehen ist der Joik eingegangen, etwa mit moderner Tanzperformance (Elle Sofe Company) oder klassischen Orchestern (Marja Mortensson und das Norwegische Radioorchester, Katarina Barruk mit dem Norwegischen Kammerorchester bei den BBC Proms). Ein furioses Werk des schwedischen Joikers Ola Stinnerboom und des Organisten Gunnar Idenstam ist A Saami Requiem, das zwischen Sechzigerjahre-Rock, Folk und französischer Orgelmusiktradition die spirituelle Reise eines Schamanen ins Reich der Toten aufleben lässt. Der eher tranceartigen Wirkung spürt auch der Joiker und Klangmagier Torgeir Vassvik nach, unter anderem in der Kombination mit norwegischem Halling-Tanz, mit skandinavischen Jazzgrößen wie dem Bassisten Anders Jormin oder dem Trompeter Arve Henriksen, solo auf einem Dutzend verschiedener Instrumente oder jüngst mit dem Gitarrentüftler Juhani Silvola. Weiterhin gibt es Kontaktaufnahmen des Joik zu amerikanischem Songwriting ebenso wie Anleihen bei Country und Rock ’n’ Roll (Duo Arvvas, bestehend aus Sara Marielle Gaup und Steinar Raknes), beim Blues (Johan André Eira & Gabba) oder Zusammenarbeiten mit türkischen Ensembles (Johan Sara Jr.) und Musikschaffenden vieler außereuropäischer Kulturen. Vorangehend war auch Valkepää selbst – der 2001 viel zu früh im Alter von 57 Jahren in einem Hotelzimmer in Tokio starb – mit seinem finnischen Flötisten und Saxofonisten Seppo „Baron“ Paakkunainen und dem Keyboarder Esa Kotilainen.

Johan Sara Jr.

Foto: Susanne Hætta

Nils-Aslak Valkeapää

Foto: Per-Ola Utsi

Nils-Aslak Valkeapää

Foto: Seppo Paakkunainen

„Auch der Joik hat seinen Schneescooter. Heiratet, entwickelt sich.“

Nils-Aslak Valkeapää

Und alle, wirklich alle funktionieren sie! Was ist das Geheimnis? „Joik ist Freiheit“, formulierte es Valkeapää. Er hat keinen Anfang und kein Ende, er nomadisiert, kümmert sich nicht um äußere Grenzen. Veränderlichkeit gehört zu seinem Wesen, das aus einer tiefen Verbindung zur Welt, aus dem Prinzip der Achtsamkeit entsteht, von dem der in Schottland lebende deutsche Autor Renatus Derbidge in einem aktuellen Beitrag für die Zeitschrift Das Goetheanum als die „vergessene Weltformel“ spricht. „Die ökologische Krise beginnt tiefer als bei falschen Technologien, falschen Gesetzen oder falschen Gewohnheiten“, sagt dieser. „Sie beginnt in der Wahrnehmung, die die Erde als Fläche, Ressource, Standort, Kulisse oder Problemzone behandelt. Eine Landschaft wird dann etwas, das entwickelt, geschützt, berechnet, ausgebeutet, renaturiert, verwaltet oder touristisch konsumiert wird. Auch gute Absichten können in dieser äußeren Geste bleiben. Erst eine Wahrnehmung, die Erde, Pflanzen, Tiere, Wasser, Boden und Wetter als Mitwelt erlebt (nicht im ökologischen Sinn, sondern im Sinn des geheimen Fadens, der uns als Wesen verbindet, der uns und die Welt durchzieht) verwandelt die Grundlage unseres Handelns.“ Sámi wissen, was mit diesem „geheimen Faden“ gemeint ist. Mari Boine sagte einmal, angesprochen auf ihren großen Erfolg gerade in Deutschland, sie erlebe hier viele Menschen mit samischen Seelen. Samische Musik und ihre Botschaft sind ein Weg zu diesem Faden als für die Erde und die Menschheit überlebensnotwendige Konsequenz. Sofia Jannok formuliert es im Video „Letters From The Frontline“ in drei Worten: „Schützt die Beschützer!“

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