In den letzten Jahren hatte ich das Glück, viele internationale Auftritte spielen zu dürfen. Unzählige Male wurde ich dort von Veranstalter:innen darauf angesprochen, wie begeistert sie davon sind, dass es jetzt endlich Bands in Deutschland gibt, die etwas Eigenständiges machen oder Folk aus deutschen Quellen spielen. Fast immer sind sie überrascht davon, wie schön Stücke aus deutschen Notenhandschriften wie der Dahlhoff-Sammlung sind. Festival-Veranstalter:innen berichten mir, dass Deutschland eine Lücke in ihrem Booking darstelle, die sie lange versucht hätten zu schließen, aber sie hätten einfach nichts Passendes gefunden. Ganz häufig auch: „Klar gibt es klasse Bands aus Deutschland, die Celtic Folk, Americana oder Ähnliches spielen – aber warum soll ich die buchen, wenn wir hier selbst genug Bands haben, die diese Genres ebenso gut bedienen für einen Bruchteil der Reisekosten? Wo ist der eigenständige Folk aus Deutschland?“ Und fragen: „Welche Bands in Deutschland gibt es denn noch? Kannst du welche empfehlen?“
Text: Björn Kaidel
Die gleiche Erfahrung mache ich auch immer wieder bei Sessions. Die Leute sind begeistert von den deutschen Tunes, egal ob in England, Belgien, Dänemark oder Schweden. Gerade in den skandinavischen Ländern sind die Musiker:innen häufig fast schockiert über die Ähnlichkeit der Stücke zu ihrer eigenen Tradition – und wundern sich, dass sie noch nie etwas von dieser Musik gehört haben. Als ich letztes Jahr bei einem Festival in Ungarn spielen und in einem Workshop Stücke aus deutschen Notenhandschriften unterrichten durfte, waren die ungarischen Musiker:innen verblüfft darüber, wie spannend die Stücke sind, und konnten kaum glauben, dass die deutsche Szene nicht bekannter ist.
Doch warum sind Veranstalter:innen und Musiker:innen im Ausland so überrascht? Warum weiß niemand etwas vom Folk aus Deutschland? An der musikalischen Qualität deutscher Folkprojekte kann es nicht liegen. Diese kann sich schon seit Langem mit internationalen Bands messen. Aber es gibt Punkte, bei denen wir, glaube ich, etwas selbstkritisch sein müssen.
Zum Beispiel lässt die Außendarstellung deutscher Folkbands einiges zu wünschen übrig. Wenn ich etwa befreundeten Musiker:innen im Ausland von den klasse Bands hierzulande erzähle, kommt oft die Bitte: „Zeig doch mal was!“ Und dann wird’s schwierig. Qualitativ hochwertige Musikvideos gibt es meistens nicht. Auch die Aufnahmequalität von Alben ist nicht immer hochklassig, wenn es überhaupt ein Album gibt. Präsenz in den sozialen Medien? Kaum vorhanden. Meist muss man sich dann mit Clips begnügen, deren Qualität nicht dem entspricht, was die jeweilige Band wirklich zu bieten hat.
Aber auch der Umgang der deutschen Szene mit den eigenen Bands trägt nicht dazu bei, dass „deutscher Folk“ wahrgenommen wird. Viele Festivals hierzulande buchen kaum deutsche Bands oder wenn, dann müssen diese sich mit der unbezahlten Open Stage zufriedengeben. Die wenigen Preise, die es hierzulande für Folkmusik gibt, werden meist lieber ins Ausland vergeben. Auch das Interesse von Labels und Agenturen an deutschen Bands ist verschwindend gering. Fördermöglichkeiten für Folk aus Deutschland sind quasi nicht existent.
Manch einer mag jetzt sagen: „Die Qualität der deutschen Bands ist halt einfach nicht vergleichbar.“ Da bin ich anderer Meinung. Die Reaktionen ausländischer Profis auf deutsche Bands deuten jedenfalls eher auf das Gegenteil. Und wer mal unvoreingenommen zu Konzerten deutscher Bands geht, wird feststellen, dass er oder sie jahrelang klasse Musik aufgrund falscher Skepsis verpasst hat.
Das Ganze ist aber auch ein Teufelskreis. Es wird immer schwieriger, Menschen dazu zu bewegen, zu Konzerten zu gehen. Jede Veranstaltung ist ein finanzielles Risiko. Man muss schauen, dass man Bands bucht, die für gute Verkaufszahlen sorgen. Mit unbekannten deutschen Bands tut man sich da kaum einen Gefallen. Ohne Auftritte können deutsche Bands wiederum nicht die notwendige Liveerfahrung sammeln. Und ohne Einnahmen durch Auftritte auch nicht dafür sorgen, dass sie sich besser präsentieren können. Also werden sie nicht gebucht … – und der Kreis beginnt wieder von vorne an. Was also tun?
„Die musikalische Qualität deutscher Folkprojekte kann sich schon seit Langem mit internationalen Bands messen.“
Lasst uns der Welt zeigen, dass es auch hierzulande hochkarätigen Folk gibt. Das geht erst einmal nicht ohne etwas Idealismus. Wir müssen bereit sein, über den Tellerrand zu schauen und zu investieren. Sei es Zeit oder Geld. Manche Folkclubs öffnen sich langsam deutschen Bands – und haben zugegeben erst mal Schwierigkeiten, das ihrem Publikum zu verkaufen. Aber wer dranbleibt, wird belohnt und das Publikumsinteresse steigt. Das gilt auch für die Künstler:innen. Versteckt euch nicht, produziert Material, das zeigt, welch hochkarätige Musik ihr macht, und stellt dieselben Qualitätsansprüche an eure Öffentlichkeitsarbeit, Alben, Kommunikation, Videos und Fotos wie an eure Musik.
Lasst uns anpacken und etwas verändern. Weniger „Man sollte mal …“, mehr „Ich mache jetzt …“. Gerade bei diesem Thema freut es mich zu sehen, dass sich tatsächlich etwas tut und etablierte Folkmusiker:innen die neue Szene tatkräftig unterstützen. Ein hervorragendes Beispiel ist das Jugendfolkorchester. Ein fantastisches Team aus bekannten Profimusiker:innen hat in schweißtreibender und hauptsächlich ehrenamtlicher Arbeit ein Mammutprojekt auf die Beine gestellt, das hierzulande seinesgleichen sucht. Auch bei Profolk herrscht Aufbruchstimmung, und über die letzten Jahre ist es gelungen, viele wichtige Projekte umzusetzen (Mitmachen erwünscht!). Auch die Arbeit vieler Veranstalter:innen und Festivals, die sich schon länger des Themas annehmen, darf nicht ignoriert werden. So ist beispielsweise das KlangRauschTreffen (das diesen Juni zwanzigjähriges Jubiläum feiert) seit vielen Jahren eine Art Schmelztiegel für die deutsche Szene, ohne den so manches Projekt wohl nicht entstanden wäre.
Tatsächlich glaube ich, dass jetzt gerade eine besonders spannende Zeit in der deutschen Folkszene angebrochen ist. Neue Festivals sprießen aus dem Boden, viele spannende Bands entstehen. Lasst uns dafür sorgen, dass diese neuen Projekte nicht nur Geheimtipps bleiben.
Aufmacher:
Autor:
Björn Kaidel spielt Nyckelharpa, Cittern und Waldzither und ist selbst aktiv als Folkmusiker (u. a. mit Akleja, Plønk, Fior) und Organisator (z. B. von Nyckelharpawochenenden oder beim Nord Folk Festival). Seit Oktober 2025 ist er Mitglied im Vorstand des Verbands Profolk.
www.bjoernkaidel.de






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