Zwischen Küchentisch und Tanzfläche

Lottes Flausen

4. Juli 2026

Lesezeit: 4 Minute(n)

Oktober 2013, auf einer Straße in Avignon. Familie Bartuschka, seit Kurzem auch eine Band, spielt Musik aus Skandinavien und vom Balkan – vor nur wenigen Menschen. Falsche Jahreszeit, fast leere Stadt. Macht nichts. Seitdem haben sich die Kinder von Weimar aus quer durch Deutschland verteilt, der musikalische Schwerpunkt des Projekts hat sich verschoben. Aber der Spaß ist geblieben. Der Kern von Lottes Flausen, wie sie sich nennen, besteht aus Anett (53) und ihren drei Töchtern Gesa (28), Fabia (24) und Mattea (21) an Gitarre, Geige, Blockflöten und Klarinette. Ab und zu unterstützen Vater Bert an der Percussion und Schwiegersohn Kyrill bei der Tanzanleitung.
Text: Ronja Lutz; Fotos: Tristan Vostry

Dass die Grenzen zwischen Band und Familie fließend sind, erklärt vieles. „Wir sind zuerst eine Familie“, sagt Anett. „Als noch alle in Weimar waren, haben wir uns nach Bedarf spontan abends zusammengesetzt. Wir hatten nie feste Probenzeiten.“ In einem Haushalt, in dem die Mutter Gitarre unterrichtet und der Vater Musiktherapeut ist, gehört Musik einfach dazu, ebenso wie gemeinsame Tanzabende bei der lokalen Band Fork & Fiddle.

Als Fabia gerade elf geworden und Gesa noch vierzehn ist, nimmt die Familie an einem Workshop der 17 Hippies teil und wird ermutigt, als Familienband aufzutreten – woraus sich auch der Ausflug nach Avignon ergibt. Der Stil, ein „bunter Mischmasch“, wie Fabia ihn beschreibt, entwickelt sich von jiddischen Liedern und Balkanmusik zu europäischem Folk, mit starken Einflüssen aus Schweden, als Gesa dort ein Jahr an der Folkhögskola absolviert. Erst später kommen lokalere Inhalte dazu, angestoßen durch das Klangrauschtreffen. „Ich fand es sehr angenehm, als wir dann am Deutschfolk angedockt haben“, meint Fabia.

Sie und Gesa befassen sich seitdem mit alten Quellen, um wenig bekannte Volkslieder und deutsche Tanzmusik ausfindig zu machen. Und auch im Jugendfolkorchester, in dem sie von Beginn an Mitglied ist, beschäftigt sich Fabia intensiv mit traditioneller deutscher Musik. Ihr Blick darauf bleibt dabei neugierig, aber nicht verklärt: „Ich frage mich oft: Welche Tradition eigentlich? Gerade bei der Tanzmusik kenne ich in Deutschland so wenig lebendige Überlieferung.“

Aber insbesondere Lücken lassen oft Raum für Neues, und Lottes Flausen gehen spielerisch mit ihren Fundstücken um. Gefällt ihnen ein Tanz, die Musik dazu aber wirkt „irgendwie langweilig“, wird ein Stück gerne mal harmonisch umgedeutet. Zusammen mit einer selbst komponierten Nebenmelodie macht es dann nicht nur beim Tanzen Spaß.

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Tradition wird zum Ausgangspunkt, von dem aus man sich mit den weiterhin vielfältigen fremden Einflüssen befassen kann. Fragen kultureller Aneignung spielen dabei ebenfalls eine Rolle. „Wichtig für uns ist, dass wir Informationen zu einem Stück haben, etwa wo es herkommt“, sagt Fabia. „Und dass wir uns dann wohlfühlen damit.“ Anett ergänzt: „Wenn ich ein Stück spiele, muss es mir zuerst gefallen. Der Rest kommt danach.“

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„Wir sind zuerst Familie, dann Band.“

Lottes Flausen

Foto: Tristan Vostry

In ihrer Haltung spiegelt sich auch eine Verschiebung innerhalb der Szene gegenüber früheren Zeiten wider. Für Lottes Flausen steht heute weniger das Politische im Vordergrund als das gemeinsame Erleben von Musik und Tanz. „Dazu muss man aber sagen, dass die Szene damals etwa in der DDR; Anm. d. Verf. wie heute sehr vielfältig war und ist“, sagt Anett. Fabia formuliert es so: „Die Inhalte sind vielleicht weniger explizit politisch, aber Balfolk-Festivals sind für mich kleine Utopien. Da geht es darum, zusammenzukommen und anders miteinander umzugehen.“

Diese Verbindung von Gemeinschaft und Musik zeigt sich auch innerhalb der Band selbst. Lottes Flausen ist ein generationenübergreifendes Projekt – und zugleich Familie. „So ein Probenwochenende verwebt sich dann mit dem Familienwiedersehen“, sagt Fabia. „Da ist immer die Frage: Familienwiedersehen oder Probe?“ Ganz konfliktfrei ist das nicht – manchmal bei so banalen Fragen, wie lange das Frühstück gehen soll und wann denn nun die Probe beginnt. Aber: „Wir können uns nicht einfach wie eine andere Band trennen. Wir müssen die Themen klären.“ Und gleichzeitig öffnet die Musik Gelegenheiten, sich wiederzusehen, die sonst im Alltagsstress vielleicht verpufft wären.

Die familiäre Vertrautheit der Gruppe wirkt sich unmittelbar auf ihr Zusammenspiel aus. „Vieles fällt uns leichter, weil wir uns so gut kennen“, sagt Anett. Es wird ausprobiert, improvisiert, vieles entsteht nach Gehör. „Das ist etwas, das in der jüngeren Generation verbreiteter ist“, ergänzt sie. „Meine Töchter können das total gut – und ich habe das von ihnen gelernt.“

Anett blickt auf diese Entwicklung mit spürbarer Freude: „Was da gerade losgeht, ist so schön. Die Musik, die ausgegraben wird, das lebt – und dann ist es auch ein bisschen egal, wie das heißt. Man soll das einfach machen und freundlich miteinander umgehen.“

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Aufmacher:
Lottes Flausen

Foto: Tristan Vostry

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