Es ist eine Herausforderung einen Überblick nomadischer Musik im Kulturraum Zentralasien zu geben. Welche Region ist überhaupt gemeint? Politisch spricht man von den „fünf Stans“ – die Republiken der ehemaligen Sowjetunion Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Kirgisistan. Die UNESCO betrachtet den zentralasiatischen Wüsten- und Steppenraum mit den innerkontinentalen Hochgebirgen von Afghanistan, Nordpakistan und Kaschmir im Süden, der Mongolei im Norden, Xinjiang und Tibet im Osten, Teilen Irans im Westen. Inbegriff für die Wanderungen zentralasiatischer Völker ist die Seidenstraße für das legendäre, seit dem zweiten Jahrhundert vor Christus bestehende Netz von Handels- und Karawanenrouten zwischen China und Europa.
Text: Birgit Ellinghaus
Die Bezeichnung „Seidenstraße“ wurde erst 1877 von Ferdinand von Richthofen geprägt. Über diese Routen wurden Waren, Wissen, Religionen transportiert, aber auch Musik, Poesie und Sprachen. Die Karawanen zogen durch Siedlungsräume unzähliger Stämme und Ethnien, die in kleinen Gruppen in begrenztem Raum eine wandernde, nicht sesshafte Lebensweise führten, immer nah der dort typischen Natur. Es bedurfte der geschickten polyglotten Diplomatie von Karawanenführern, Wegerechte und Schutz, aber auch die Nutzung von Wasser und Nahrung für Mensch und Tier mit den nomadischen Gruppen zu verhandeln.
So entstand über Jahrhunderte ein in ständiger Bewegung befindliches System komplexer und superdiverser Kulturen, das vielfältige Klanglandschaften hervorbrachte, die auch Ausdruck für das tiefe Bedürfnis der Menschen war, mit Klängen und Melodien der ebenso vielfältigen Topografie zu folgen. Es gibt nicht die nomadische Musik in Zentralasien, da die historischen, geografischen, klimatischen, sozialen, ökonomischen, religiösen und politischen Wurzeln nie eine Mehrheitskultur ausgeprägt haben, selbst nicht zu Zeiten Dschingis Khans, der um das Jahr 1200 zahlreiche nomadisierende Turkvölker unter der Bezeichnung Manghol (Mongolen) vereinte und mit seiner Reiterarmee das größte territorial zusammenhängende Imperium der Menschheitsgeschichte schuf. Es zerfiel jedoch rasch, sodass die Mongolei lange unter kolonialen chinesischen und später sowjetischen Einfluss geriet. Während der sowjetischen Säuberungen in den 1930er-Jahren war es auch in Satellitenstaaten wie der Mongolei gut siebzig Jahre lang verboten, über die Geschichte der eigenen Völker zu sprechen, wodurch auch viele Musiktraditionen in Vergessenheit gerieten.
Seit dem Zerfall der Sowjetunion besinnt sich seit 1992 eine neue Generation Musikschaffender in der Mongolei verstärkt auf die eigenen kulturellen Wurzeln. Mit Weltoffenheit, Experimentierfreude, Respekt und Geschichtsbewusstsein in Bezug auf das traditionelle nomadische Wissen um die Natur und die Bedeutung von Spiritualität nahmen und nehmen Ensembles wie Egschiglen – die als „Mutter der mongolischen Musik“ verehrt werden – und Tengerton sowie die wichtigste NGO zu mongolischer Kultur, Routes Nomades, in Zeiten der Globalisierung eine zentrale Rolle als Brückenbauer zwischen den Kulturen ein. Sie leben seit vielen Jahren in Europa, forschen hier und bei regelmäßigen Reisen in die Mongolei zum Repertoire, zur traditionellen Gesangskunst Khöömii*, zu Instrumenten oder zu Spieltechniken der Pferdekopfgeige Morin Khuur**. Damit leisten sie einen wichtigen Beitrag zum Erhalt und zur Weiterentwicklung mongolischer Klangwelten, auch wenn sie nicht mehr auf dem Rücken der Pferde über die Steppen Zentralasiens, sondern als moderne Musiknomaden um die Welt reisen.
Ähnliche Entwicklungen gab es auch in den fünf Stans. In diesen Teilrepubliken der Sowjetunion wurden aus Gründen nationaler Homogenisierung und sozialer Kontrolle die traditionellen Handels- und Wanderungswege unterbrochen, Programme der Sesshaftmachung nomadischer Gruppen durchgeführt, Sprachen unterdrückt und neue Bodenordnungen erlassen, die der Staats- und Großindustrie Eigentum an Wasser, Weide- und Naturräumen gaben. Nach dem Zerfall der Sowjetunion entwickelte sich die kulturelle und musikalische Emanzipation sehr unterschiedlich. Einerseits gibt es Länder, deren Grenzen heute fast komplett verschlossen sind wie im Fall Turkmenistans. Nur sporadisch kann man bei staatlichen Anlässen im Ausland einige der grandiosen Barden und Epensänger des Landes erleben wie Palvan Hamidov, der auch Direktor des nationalen Kulturzentrums in Aschgabat ist.
In Afghanistan ist Musik komplett verboten, seit 2021 die Taliban die Macht wieder übernommen haben. Erinnert sei aber daran, dass sich zur selben Zeit, in der Dschingis Khan die Turkvölker vereinte, mystische Sufimusik durch Pilgernomaden im persischen Kulturraum in Zentralasien verbreitete. Sie folgte dem berühmten – 1207 im heute afghanischen Balch geborenen – Dichter Rumi auf seiner mit Askese und Naturverbundenheit gepaarten spirituellen Suche durch viele Regionen Zentralasien bis in die Levante. Heute leben die größten afghanischen Ustads im Westen, auch in Deutschland.
Ebenfalls zum persischen Kulturraum in Zentralasien gehört das kleine Bergland Tadschikistan, das aufgrund seiner Lage im hohen Pamir-Gebirge wenig erschlossen ist. Legendär ist das Roof of the World Festival in Chorog in der tadschikisch-afghanischen Grenzregion Berg-Badachschan. Das von vielen lokalen Freiwilligen organisierte Kulturfestival wird durch das Aga Khan Music Programme (AKMP) gefördert, da in der Region viele Mitglieder der weltoffenen Glaubensgemeinschaft der Ismailiten leben. Seit gut zwanzig Jahren ist das Festival Treffpunkt für Treckingtourist:innen und Studierende aus der Hauptstadt genauso wie für einheimische Familien, die sich von den dynamischen Badachschan-Klängen begeistern lassen. In den dortigen Tälern liegen Dutzende kleiner Siedlungen, die die lebendige Tradition des leidenschaftlich-andächtigen Falak-Gesangs, mystische Instrumentalmusik sowie Trancetanz kultiviert haben. Bekannt ist die Sängerin und Tänzerin Sohiba Davlatshoeva, die dort aufgewachsen ist und mit ihrem Badakhshan Ensemble auch international auftritt, sowie die Gruppe Samo.
Es gibt aber auch Länder, die bereits unmittelbar nach der Unabhängigkeit auf Musik zur Stärkung nationaler Identität setzten. In Usbekistan gibt es an den Musikhochschulen in Buchara, Samarkand und Taschkent akademische Ausbildung in traditioneller Musik und klassischem Shashmaqam mit jährlich fünfhundert Bachelor- oder Masterabsolvent:innen. Erstmals 1997 fand das Sharq Taronlari Festival in Samarkand statt. Dieses größte internationale staatliche Musikfestival in Zentralasien präsentierte bis 2019 alle zwei Jahre etwa sechzig traditionelle Musikensembles aus dem gesamten euroasiatischen Raum, die zur Eröffnung mit Flaggen auf dem zentralen Festivalplatz einmarschierten, ähnlich wie bei den Olympischen Spielen, orchestriert mit pompösem Fakefolk im sowjetischen Stil als Halbplayback. Die zwanzigminütigen Liveauftritte wurden von einer internationalen Jury bewertet; wobei der autoritär regierende Präsident die Prämierung der „Besten“ oft beeinflusste, um die diplomatische Zusammenarbeit mit ausgewählten Staaten zu stärken. Dennoch bot das Festival eine gute Möglichkeit viele exzellente Ensembles und Stile nomadischer Gruppen aus allen Regionen Zentralasiens zu entdecken, wie es auch für Bands eine rare Gelegenheit war sich über die Staatsgrenzen hinweg zu treffen und in nächtlichen Sessions miteinander zu musizieren. Mit dem Demokratisierungsprozess und der Förderung von Tourismus wurde es durch dezentrale Festivals ersetzt wie das International Maqam Festival „Great Silk Road“ in Margilan in der Region Fergana.
In Kirgisistan fand 2025 erstmals das Festival Rukh Sanat in Tscholpon-Ata am Yssyk-Köl-See statt (siehe auch Artikel in folker #4.25 folker.world/horizonte/bruecke-kulturellen-austauschs/), das einer ähnlichen Konzeption wie das Festival in Samarkand folgt. Jedoch waren dort auch viele freie Musikensembles diverser nomadischer Musik bis zu Ethnopop im Programm, und es fand ein Wettbewerb für Solist:innen nomadischer Stile statt, der von einer Jury des International Council for Traditions of Music and Dance bewertet wurde. Zu den auftretenden Bands gehörte das junge kirgisische Folkensemble Kerbez, das Preisträger des separaten Folkwettbewerbs wurde und Anfang 2027 erstmals in Europa auf Tour sein wird (siehe www.folkerkalender.de).
Selten sind Epen international zu hören, doch sie prägen die oralen nomadischen Kulturen nachhaltig. Sie umfassen Tausende Verse, verbinden Heldentum mit Segens- und Zaubersprüchen, Lobreden, Märchen, Mythen und Volksliedern. Als lebendige Enzyklopädie übermitteln sie historisches Wissen und Werte, spiegeln Lebensweise, Glauben und Vorstellungskraft. Epensänger:innen begleiten sich mit typischen Instrumenten, haben ein erstaunliches Gedächtnis und Exzellenz beim Gesang und den Improvisationen. 2018 war das Epos Qyrq Qyz („Vierzig Frauen“) in einer multimedialen AKMP-Produktion zu erleben. Es erzählt die Geschichte der jungen Kriegerin Gulaim, die sich mithilfe ihrer Amazonen der Turkstämme gegen eine östliche Invasion verteidigte. Es spielt in den Steppen südöstlich des Aralsees, im Gebiet der Karakalpaken. ***
Das rund fünfhunderttausend Verse starke Manas-Epos ist das Herz kirgisischer Dichtung und eines der bedeutendsten Werke der Turkvölker überhaupt. Es entstand vermutlich im 9. Jahrhundert und wurde im 19. von Sagymbai Orozbakow verschriftlicht. Es gehört zum Repertoire von Kerbez, die Ausschnitte daraus mit Respekt vor der Tradition neu vertont haben. Tengerton wiederum greifen das Altai-Epos auf. Es ist 7.738 Verse stark und Schatz der Völker des Altai-Gebirges im heutigen Grenzgebiet von China, Russland, Kasachstan und der Mongolei. Es wurde 1973 von der Russischen Akademie der Wissenschaften verschriftlicht. Das wichtigste Treffen der Epensänger:innen findet aktuell alle zwei Jahre bei den World Nomad Games statt, die im September 2026 zum sechsten Mal im kirgisischen Tscholpon-Ata stattfanden. Es ist die internationale Plattform nomadischer Kulturen im globalen Dialog.
Natürlich kann diese Übersicht über nomadische Musiken in Zentralasien nur exemplarisch einige Namen, Stile, historische und aktuelle Entwicklungen streifen. Jedoch sollte sie vor allem Lust darauf machen, mehr von diesen musikalischen Schätzen zu entdecken – bei Konzerten in Europa oder bei eigenen Exkursionen in diesen riesigen Kulturraum.
* Khöömii ist Ausdruck der Identität zahlreicher mongolischer Ethnien (seit 2010 auf der Liste immateriellen Kulturerbes der UNESCO). Obwohl in den Neunzigern die Akademisierung der Khöömii-Tradition in der Mongolei begann, ist immer noch wenig Wissen über das vielfältige Repertoire und die vielen verschiedenen Facetten dieser uralten Gesangspraxis bekannt. Aus mongolischer Sicht ist Khöömii kein Gesang, sondern eine andere Art der Kommunikation im täglichen Leben der Nomad:innen. Es ist eine komplexe Vokaltechnik mit der gleichzeitig und gewollt Überlagerungen mehrerer Klänge der Stimme auf zwei unterschiedlichen Ebenen produziert werden: Tiefes Brummen und hohes Pfeifen werden in vielfältigen Kombinationen mit Klangfarben und Echos variiert. Für westliche Ohren hört es sich an, als ob über einem tiefen Grundton eine Melodie liegt. Khöömii-Meister:innen kennen jedoch keine Harmonien, sondern begreifen es als eine komplexe Form des Pfeifens. Die Feinheiten der Töne werden in den sich wandelnden nomadischen Gesellschaften von immer weniger traditionellen Meistern und Meisterinnen praktiziert und ihre Bedeutungen gelehrt.
** Die zweisaitige Pferdekopfgeige Moriin Khuur ist seit dem 13. Jahrhundert eng mit dem Pferdekult der mongolischen Nomaden und Nomadinnen verbunden. Sie wurde solo gespielt, begleitete Tänze, die langen lyrischen Lieder des Urtiin Duu, alltägliche Aufgaben im Zusammenhang mit Pferden und war integraler Bestandteil von Ritualen, sodass ihre Bedeutung weit über ihre Funktion als Musikinstrument hinausgeht. Das Moriin-Khuur-Spiel wurde ebenfalls auf die Internationale Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen.
*** Das zentralasiatischen Epos beschreibt die Geschichte der jungen Kriegerin Gulaim die mithilfe ihrer „Qyrq Qyz“, der vierzig Amazonen, alte Turkstämme gegen östliche Invasoren verteidigte.
Albumtipps:
Sampler:
Diverse, An Anthology Of Mongolian Khöömii (Routes Nomades/Buda Musique, 2017)
Diverse, The Rough Guide To The Music Of Central Asia – Uzbekistan To Kazakhstan: Sounds Of The Silk Road (World Music Network, 2005)
Kyriakos Kalaitzidis/En Chordais/Ensemble Contantinople, The Musical Voyages Of Marco Polo (World Village, 2013)
Afghanistan:
Daud Khan, Tribute To Afghanistan (Dunya Records, 2004)
Elaha Soroor (with Mehdi Aminian, Haidar Khan, Giuliano Modarelli, Habib Rafie, Tohid Vahid, Avin Ahmadi), Hazara Music (Roots Revival, 2024)
Kasachstan:
Steppe Sons, Steppe Sons (Snecc Entertainment, 2019)
Turan, Er Turan (Eigenverlag, 2011)
Kirgisistan:
Tengir-Too, Mountain Music Of Kyrgyzstan (Smithsonian Folkways Recordings, 2006)
Mongolei:
Khusugtun, Jangar (Routes Nomades/Buda Musique, 2020)
Egschiglen, Sounds Of Mongolia (ARC, 2001)
Egschiglen, Gereg (Heaven and Earth, 2007)
Tengerton, Ilch (Buda Musique, 2026)
Tadschikistan:
Badakhshan Ensemble, Song And Dance From The Pamir Mountains (Smithsonian Folkways Recordings, 2007)
Lu Edmonds, Lost In Tajikistan (Riverboat Records, 2023)
Turkmenistan:
Ashkhabad, City Of Love (Real World, 1993)
Aufmacher:
Links:
www.albakultur.de/zeigeafghanmusic.html (Afghanische Musik im Exil)
www.albakultur.de/zeigeegschiglen.html
www.klangkosmos-nrw.de/detailsprofil_57563.html (Badakshan Ensemble)
www.klangkosmos-nrw.de/detailsprofil_59615.html (Kerbez)
www.klangkosmos-nrw.de/detailsprofil_52183.html (Samo)
www.routesnomades.fr/en/artists/tengerton
www.the.akdn/en/how-we-work/our-agencies/aga-khan-trust-culture/performance/qyrq-qyz-forty-girls












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