Festival des neuen politischen Liedes

Revolution, Regen und andere Widrigkeiten Theater Ost, Berlin, 26.-28.8.2022

12. Oktober 2022

Lesezeit: 4 Minute(n)

Ende August fand in Berlin ein Event statt, das gespannt erwartet wurde: das „1. Festival des neuen politischen Liedes“. Veranstaltungsort war der Außenbereich des privat geführten Theaters Ost. Drei Tage lang gab es ein vielfältiges Programm aus Konzerten, Diskussionen und Film – sowie Regenschirme und eine Reihe von Widrigkeiten. Max Prosa, Gina & Frauke Pietsch, Tino Eisbrenner, der DEFA-Film Flüstern & Schreien mit anschließendem Gespräch, ein Minikino mit Festivalschnipseln und weitere Punkte fügten sich zu einem breiten Angebot.
Text: Peggy Luck

Das Festival des neuen politischen Liedes sieht sich in der Nachfolge des in der DDR außerordentlich populären Festivals des politischen Liedes, das von 1970 bis 1990 in der Werner-Seelenbinder-Halle und an verschiedenen anderen Spielorten veranstaltet wurde. Staunenden Nachgeborenen kann es dabei vorkommen, als sei damals einen Hauch von internationalem musikalischem Kampfgeist durch die kleine Republik geweht. Einige Videoperlen finden sich seit diesem Jahr im Youtube-Kanal Deutsches Folk-Archiv. Bis Corona hatte der Verein Musik und soziale Bewegung e. V. die Veranstaltung als Festival Musik und Politik fortgeführt, meistens in der Wabe im Bezirk Prenzlauer Berg. Das erste Festival des neuen politischen Liedes war also auch das erste an neuem Ort und in neuer Hand. Kritisch wurden im Netz vor Festivalbeginn die hohen Eintrittspreise diskutiert, die später in eine freiwillige Spendenbox umgewandelt wurden.

Dennoch fanden am Ende nur wenige Menschen den Weg nach Adlershof, was neben dem Regen unter anderem der unglücklichen Fügung geschuldet war, dass zeitgleich das UZ-Pressefest der DKP am Rosa-Luxemburg-Platz stattfand, mit größerem Angebot an Konzerten, Ständen, Workshops und echter Volksfestatmosphäre. Dort spielten unter anderem die Zöllner Big Band, Tobias Thiele, Pablo Miró, Hartmut König (genau der – „Sag mir, wo du stehst“). Auch einige der Festivalacts spielten auf dem Pressefest, das aus organisatorischen Gründen aus Dortmund in die Hauptstadt verlegt worden war.

„Seit zwei Jahren werden wir darin geschult, uns zu erkennen.“

Den Auftakt im Theater Ost bildete eine Gesprächsrunde zum Thema „Ist das Politik oder kann das weg?“, zumindest leicht intergenerational besetzt mit Gina Pietsch, Max Prosa, Tino Eisbrenner und Betty Rossa. Die Frage nach der Relevanz des Liedes in politischen Zusammenhängen beantworteten die Beteiligten unterschiedlich. Gina Pietsch sieht eine schwierige Lage für das Lied: „Die Medien nehmen uns nicht mehr wahr, weil wir eine andere Meinung haben als der Staat.“ Max Prosa beobachtet eher, dass Politik im Leben der jungen Menschen wieder wichtiger wird, und damit auch das Lied. Als die Sprache auf Demonstrationen als kollektives Erleben kam, stand die Frage im Raum, ob dieses Erleben im Zeitalter der Dauervernetzung weniger nötig geworden ist. Tino Eisbrenner griff das Thema auf und kritisierte die Gleichzeitigkeit von großer Friedensdemo am Brandenburger Tor, während der Bundestag parallel das Aufrüstungsbudget durchwinkt. Die gesellschaftlichen Zustände und Konflikte beschrieb er als einen anhaltenden Versuch, weitere Spaltung zu vermeiden: „Seit zwei Jahren werden wir darin geschult, uns zu erkennen.“ Die Fronten würden anders verlaufen als vor der Coronazeit.

Die Gesprächsrunde wurde von zwei unterschiedlichen, doch gleichermaßen berührenden Liedbeiträgen von Gina & Frauke Pietsch sowie Max Prosa abgerundet. Direkt im Anschluss präsentierten Betty Rossa im Duo eine bunte, energische Mischung aus „roten Liedern gegen den grauen Alltag“.

Zu den Widrigkeiten des Festivals gehörten sowohl das Ausfallen des Videoschnipselvortrags von Jürgen Kuttner als auch der coronabedingte Ausfall der Liedgefährten, die Gundermann-Lieder gespielt hätten. Den Abend bestritten dann, gebührend gefeiert vom wieder trockenen Publikum, Tino Eisbrenner & Tatanka Yotanka. Eisbrenner dankte Manitu für den beendeten Regen und spielte poetischen, kritischen Rock im Quintett.

Den nächsten Tag eröffnete der Film Flüstern & Schreien, der 1988 erstaunlich offen den musikalischen Underground der DDR dokumentierte. Etwa ein Dutzend interessierter Menschen traten danach in den Austausch mit dem Regisseur und dem Produzenten. Im Anschluss spielte Marco Tschirpke pointierte, schwarzhumorige Kurzlieder auf Ukulele und Klavier. So zum Beispiel „Ernst Thälmann, einer Flasche Sekt verglichen“, das die Zustände zuspitzte: „Was bessernd eingreift in die Welt / das wird beizeiten kaltgestellt.“

Die Autorin dieses Artikels folgte anschließend ihrer Neugier zum UZ-Pressefest, wo sich Stand an Stand reihte, mehrere Konzerte gleichzeitig abliefen und der Cuba Libre floss. Die Frage, die sich im Theater Ost dringlich stellte, wo nämlich die jungen Menschen seien, tauchte auch auf dem UZ-Pressefest auf, jedoch durch die Anwesenheit der Jugendgruppen verschiedener Parteien und Organisationen nicht ganz so präsent. Sonntagmittag fand ein Workshop zum Thema „Arbeiterbewegung und Umweltbewegung“ statt, organisiert von der SDAJ (Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend), der unter anderem die Frage in den Blick nahm, wie Klimagerechtigkeit oft an Konzernen scheitert. Ein Teilnehmer konstatierte, dass die aktuellen Großkrisen und Kriege nur durch gemeinsames Handeln von Friedens-, Klima- und Arbeiterbewegung zu bewältigen seien. Angesichts der völlig unterschiedlichen Politisierungsmomente der Generationen setzt das Finden von Gemeinsamkeiten meines Erachtens allerdings schon bei der Frage an: Was ist Politik? Während die ältere Generation die Klimabewegung und bewussten Umgang mit Natur und Konsum oft nicht als einflussreiche politische Größen ernst zu nehmen scheint, lehnen die Jüngeren oft parteiliches Engagement ab oder kennen sich im Geschichtsverständnis der Älteren nicht aus. Vielleicht ist dieser Schulterschluss etwas, bei dem das Lied – und das Festival? – einen Beitrag leisten kann.

www.theater-ost.de
www.pressefest.unsere-zeit.de

Liedgespräch beim Festival neues politisches Lied, v. l. Christiane Reymann, Gina Pietsch, Tino Eisbrenner, Betty Rossa, Max Prosa

Foto: Editha Künzel

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