editorial folker #04-22

Liebe Leserinnen und Leser,

30. November 2022

Lesezeit: 3 Minute(n)

Von Revolutionen, Antworten und Fragen


Liebe Leserinnen, liebe Leser,

wir sind alle Kinder unserer Zeit. Ich zum Beispiel bin – was Musik angeht – mit schwarzen Scheiben aufgewachsen. Und als dann die Scheiben Farbe und Größe wechselten, war ich sehr glücklich. War ja alles viel kompakter, im wahrsten Sinne des Wortes. Aber was sich seit einigen Jahren in Sachen Musikdigitalisierung tut, ist verglichen mit jenem Formatwechsel eine ausgewachsene Revolution.

Nun muss man Revolutionen nicht unbedingt mögen, aber man kann sie nicht ignorieren. Deshalb war klar, dass der folker die Digitalisierung zu einem Schwerpunktthema machen muss. Weil der Kenntnisstand zu diesem Thema in der Redaktion aber unterschiedlich ist, war externer Sachverstand sinnvoll. Vorhang auf für die Gastredakteure der Ausgabe 4.22, Guntmar Feuerstein und Neil Grant. Herzlichen Dank für die richtig gute Zusammenarbeit. Diesen notwendigen Luxus konnten wir uns übrigens nur leisten dank Herrn W. K. aus O., der den folker in unglaublicher Weise finanziell unterstützt. Hier wissen wir unsere Dankbarkeit kaum in Worte zu fassen …

Das Thema Digitalisierung ist ebenso komplex wie kontrovers. Aber der Geist ist aus der Flasche, den kriegt kein nostalgisch veranlagter Mensch mehr zurück in selbige. Wir leben nun mal in einer digitalen Welt, und das hat ja auch sein Gutes. Das beste Beispiel ist für mich unsere neue Website folker.world. Für Mitglieder findet sich dort der komplette Heftinhalt online plus noch einige zusätzliche Schmankerl. Das lohnt sich garantiert, anstatt des Papierabos oder daneben, zumal die Seite jetzt auch komplett auf Englisch zu lesen ist. Schaut einfach mal vorbei, manches lässt sich kostenfrei begutachten.

Wie gesagt, unsere Gastredakteure haben einen sehr guten Job gemacht, speziell mit ihrer Bestandsaufnahme zu „Digitalen Entwicklungen in der Musikszene“, aber es ist schlicht unmöglich, das komplette Gebiet „Musik und Digitalisierung“ in einem Heft abzubilden und alle Fragen zu beantworten. Ich bin mir sehr sicher, dass an diversen digitalen Rädchen noch gedreht werden kann – und muss! Mir kommen spontan etliche Fragen in den Sinn … Wie ist ein Streamingportal wie Spotify politisch einzuordnen, wenn bekannte Musikschaffende wie Joni Mitchell oder Neil Young ihre Songs nicht mehr zur Verfügung stellen, weil das Portal auch Rechtsaußenmoderatoren wie Joe Rogan eine Plattform bietet? Inwieweit sind Streamingportale überhaupt demokratisch? Und inwieweit ist die Musikauswahl fremdbestimmt? Ist es vielleicht so, dass wir von einer unvorstellbaren Menge an Musik schlicht erschlagen werden? Und überhaupt, wem gehört die Musik eigentlich? Wenn ich eine CD kaufe, gehört die CD mir, mit Streamingabo kann ich Musik hören, ohne Abo ist sie weg. Wenn auch in der Folkmusik zunehmend digitale Singles veröffentlicht werden, was macht das mit dem Konzept und dem Spannungsbogen eines Albums? Wo bleibt die Musik, die nicht auf Spotify und Co. zu finden ist, zum Beispiel, weil sie mehrere Tausend Streams benötigt, um so viel Geld einzubringen wie vorher der Verkauf eines einzigen Tonträgers? Sind Musikschaffende, die sich nicht auf Streaming einlassen, quasi nicht existent? Bandcamp bezahlt Musikschaffende besser, welche Vor- und Nachteile hat diese Plattform?

Wenn ihr dieses Heft durchlest, dann kommen euch vielleicht zusätzliche Fragen, Gedanken oder Bedenken. Ich lade euch herzlich dazu ein, all das zu formulieren und einzuschicken oder auf folker.world direkt bei den Artikeln zu kommentieren.

Apropos abgeschlossen: Mit diesem Heft besteht der folker seit 25 Jahren und hat eines seiner beiden Vorgängermagazine, den Folk-Michel (20 Jahre), deutlich übertroffen. Dieses silberne Jubiläum möchten wir im nächsten Jahr feiern. Wie genau, darüber diskutieren wir noch, aber wie heißt es so schön auf Neudeutsch: Watch this space!

Falls ihr die letzten Tage vergeblich in den Briefkasten geschaut haben solltet: Der folker wird in Zukunft nicht mehr zum Ersten des Erscheinungsmonats vorliegen, sondern dezent um etwa eine Woche später, weil sich der Prozess ohne Einflussmöglichkeit unsererseits ab Druckerei regelmäßig verzögert.

Ich wünsche allen eine spannende Lektüre und ein friedlicheres 2023.

Euer Herausgeber Mike Kamp

PS: Die tolle Idee unseres Layouter mit dem QR-Code auf dem Cover funktioniert übrigens: Ihr kommt damit mit eurem Smartphone direkt auf folker.world!

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