Brücke kulturellen Austauschs

Das Festival Rukh-Sanat

8. Juni 2026

Lesezeit: 6 Minute(n)

Obwohl ich schon häufiger in Zentralasien für Musikrecherchen und Festivals unterwegs war, bin ich im August 2025 erstmals nach Kirgisistan gereist, um dort bei der Premiere des Festivals Rukh Sanat – International Festival of Traditional Culture and Musicdabei zu sein.
Text: Birgit Ellinghaus; Fotos: Mariya Malinovskaya

In diesen kultur- und geopolitisch herausfordernden Zeiten – gerade für Kulturschaffende aus dem Feld der musikalischen Vielfalt und des immateriellen Kulturerbes weltweit – ist es bemerkenswert, dass hier nun ein neues Kulturfestival gestartet wurde mit der Perspektive, nicht nur einmalig ein umfangreiches internationales Programm mit Showcases, Musikwettbewerb, Konferenz und weiteren Aktivitäten zu präsentieren, sondern nachhaltig zur Entwicklung der Musik einer ganzen Region sowie einer nicht nur auf kommerziell-monetären Erfolg ausgerichteten Musikszene beizutragen. Als Veranstaltungsort für das Festival wurde nicht die Hauptstadt Bishkek, dafür ein in ganz Zentralasien bekannter touristischer Freizeitpark im Herzen des gebirgigen Landes ausgewählt: das Rukh Ordo Cultural Center in Tscholpon-Ata, nicht weit entfernt vom Gelände der World Nomad Games, einer Art „Olympischer Spiele der Nomaden“, die seit 2014 alle zwei Jahre stattfinden, mit Wettbewerben in traditionelle Sportarten und Bräuchen nomadischer Völker weltweit wie Pferderennen, traditionelles Bogenschießen, Ringkampf und Musik.

Rosa Amanova

Ruhk-Sanat wäre sicherlich nicht möglich gewesen ohne die visionäre Persönlichkeit Roza Amanovas, die selbst eine lange internationale Karriere als Musikerin des traditionellen kirgisischen Epengesangs sowie als Komponistin und Instrumentalistin auf der zwei- oder dreisaitigen, gezupften, bundlosen Laute Komuz hat. Gleichzeitig hat sie eine profunde akademische Ausbildung und Karriere, die sie als Professorin an die staatliche Musikakademie Bischkek und an die Spitze des von ihr dort gegründeten Institutes für traditionelle Musik (Research Center for Traditional Culture and Art of the National Academy of Sciences of the Kyrgyz Republic) geführt hat. Mit Beharrlichkeit, Charme und Kompetenz hat sie die (Kultur-)Politik ihres Landes dafür gewinnen können, erstmals ein internationales Festival mit dem Schwerpunkt auf traditioneller Musik sowie mit internationaler Dimension zu finanzieren und zu organisieren. Dazu hat sie sich mit Husniddin Ato von Oxus Culture in Usbekistan einen der international kompetentesten Musikaktivisten als Berater an die Seite geholt. Gemeinsam hatten die beiden sich in den letzten Jahren sowohl auf verschiedenen zentralasiatischen Festivals umgeschaut, wie auch unter anderem bei Showcasefestivals wie Visa For Music in Marokko oder Babel Music XP in Marseille. Es ist ein starkes Statement des kleinsten und ärmsten Landes der „fünf Stans“ in Zentralasien, sich nun aktiv mit dem Festival Rukh-Sanat in den internationalen Kulturdialog zu begeben.

In Kirgisistan spürt man bis heute die Einflüsse des Postkolonialismus, auch wenn der Zerfall der Sowjetunion bereits gut 35 Jahre zurückliegt. Meine Erinnerungen als Westdeutsche an meine ersten Reisen in Ostdeutschland direkt nach der Wende begegneten mir in Kirgisistan immer wieder als Déjà-vu während des Aufenthalts und auf der rund sechsstündigen Fahrt mit dem Minibus von der Hauptstadt gen Osten – auf Landstraßen, durch Dörfer, über hohe Gebirgspässe und durch eindrucksvolle, fast menschenleere Landschaften, wo in dem stark von nomadischer Kultur geprägten Land viele Familien weiter in Jurten leben und ihre Herden betreuen.

Maksat Medeubek von der Band Turan

Das Festivalgelände des Rukh Ordo Cultural Center liegt in Tscholpon-Ata am Ufer des Yssyk-Köl-Sees. Dieser nach dem Titicacasee in den Anden zweitgrößte Bergsee der Welt liegt auf 1.600 Metern Höhe am Fuß der auch im Sommer schneebedeckten Berge des Tian-Shan-Gebirges. Am nördlichen Ufer gibt es lange, fast mediterrane Sandstrände und zahlreiche kleine Badeorte, die zur Sowjetzeit für privilegierte Urlaubsgäste entstanden. Dort befinden sich immer noch zahlreiche Hotelsanatorien und touristische Parks mit typisch sowjetischer Architektur und Atmosphäre, die heute von einem eher aus Kirgisistan kommenden Klientel besucht werden. Anders als in anderen Ländern der ehemaligen Sowjetunion wie Armenien, Aserbaidschan oder Usbekistan hat man die dortigen Gebäude und Parks seitdem nicht ästhetisch renoviert oder sie sich kulturell zu eigen gemacht. Bis heute werden sie offensichtlich einfach nur weiter genutzt und wenig in Stand gehalten, was Ausdruck sein könnte für ihre eher geringe Wertschätzung durch den nomadischen Teil der Bevölkerung.

Die Region des Yssyk-Köl-Sees kann aufgrund der Geschichte heute jedoch eine Infrastruktur für ein großes internationales Kulturfestival bieten und öffnet so gleichzeitig neue Perspektiven für den Kulturtourismus auch aus Europa und Fernost. Das war sicherlich ein gutes Argument für die Regierung, massiv in die Premiere des Rukh-Sanat-Festivals an diesem Ort zu investieren.

Saltanat Kairatkyzy

Eine andere postkoloniale Dimension des Landes zeigt sich darin, dass sowohl die Turksprache Kirgisisch als auch Russisch offizielle Sprachen sind. So wirken die Einflüsse der ehemaligen Kolonialmacht weiterhin auf Bildung, Wissenschaft, Medien und Kultur. Das war auch hörbar bei zahlreichen Konzerten von Ensembles und Solist:innen aus Zentralasien etwa aus den russischen Republiken Jakutien, Sacha und Tuwa, die ich am Festival erleben konnte. Denn anders als in Europa, wo seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine Musikschaffende aus Russland keine Visa mehr erhalten und so seit 2022 nicht mehr auf den Bühnen der europäischen Rootsmusikfestivals wie in Rudolstadt, dem französischen Arles oder dem belgischen Sfinks zu sehen und zu hören sind, waren bei Rukh-Sanat Acts mit nomadischer Musik aus den östlichen russischen Republiken zu Gast. Diese Gruppen wie auch solche aus Kirgisistan oder Kasachstan sind noch sehr von sowjetischer musikalischer Bildung und Ästhetik beeinflusst, sowohl in ihren Präsentationen auf der Bühne, wie auch in den individuellen kreativen Aktivitäten. Gleichzeitig spiegelte sich das postkoloniale Erbe in einigen Veranstaltungsformaten des dreitägigen Festivals, etwa bei der Eröffnungsgala auf der Open-Air-Hauptbühne im Beisein des Präsidenten der Republik oder im Wettbewerb, der mit jeweils zwanzigminütigen Kurzauftritten von fünfzehn Solo- und gut zwanzig Gruppenacts inklusive Preisverleihung ausgerichtet wurde. Auch die wissenschaftliche Konferenz mit über siebzig eingeladenen Forschenden der Musikwissenschaft der Arbeitsgruppe Turkkulturen des International Council for Traditions of Music and Dance (ICTMD), einer UNESCO-akkreditierten NGO für Kulturforschung, war Teil des Festivals. Dort wurden die Forschungsberichte in einem Parforceritt aller Eingeladenen Fachleute in zwei Tagen mit jeweils zehnminütigen Präsentationen ohne Diskussion vorgetragen, allerdings mit Simultanübersetzung in Kirgisisch, Russisch und Englisch.

„In Kirgisistan wächst gerade eine neugierige und weltoffene Generation gut ausgebildeter Musikschaffender heran.“

Sehr erfreut war ich zu sehen, dass es im Programm eine kulturelle Öffnung gab hin zu Kulturen wie der der Mongolei oder zu asiatischen Musiktraditionen aus Indien, Nepal, Korea und Japan, zu Ländern mit Turksprachen wie Usbekistan, Aserbaidschan oder Türkei sowie zu Polen und Estland, aus denen jeweils Ensembles und Soloacts zum Festival nach Tscholpon-Ata angereist waren. Etwa die Hälfte aller Künstlerinnen und Künstler wiederum kamen aus Kirgisistan, wo gerade eine junge Generation gut ausgebildeter Musikschaffender heranwächst, die neugierig und weltoffen ihre eigenen kreativen Interpretationen lokaler Musiktraditionen schaffen und nach aktueller Bedeutung von kirgisischer Kultur suchen. So konnte ich beim Rukh-Sanat-Festival Beispiele solcher Bands entdecken, die von der Orientierung auf einen internationalen Global-Pop-Musikmarkt bis zur Wiederbelebung fast vergessener Traditionen und kreativer Interpretation reichten, die fast der Ethno-Avantgarde zuzuordnen sind.

Das Ensemble Kerbez aus Bischkek

Absolutes Highlight für das Publikum war dabei die kasachische Gruppe Turan mit ihrem Ethnorock. Seit 2008 hat die Band über dreitausend Konzerte weltweit gespielt, darunter Auftritte beim Festival Young Euro Classic in Berlin, Tourneen in China und den USA inklusive eines Konzerts in der Carnegie Hall. Ihre Musik ist stark der männlich-kämpferischen Ästhetik zentralasiatischer Kulturen verbunden, die die virtuosen Multiinstrumentalisten in Eigenkompositionen auf zahlreichen typischen traditionellen Instrumenten und mit kraftvollen Stimmen präsentieren.

Besonderen Eindruck hinterlassen hat auch das junge Ensemble Kerbez aus Bischkek, das sich erst 2024 gegründet hat. Die sechs Musikschaffenden mit nomadischen Instrumenten, Cello und Gesang haben sich während ihrer Ausbildung am Institut für traditionelle Musik der Uni Bischkek kennengelernt, wo sie bereits im Academic Folk Orchestra und anderen Formationen gespielt haben. Als freies Ensemble arbeiten sie gemeinsam daran, das kirgisische Nationalepos Manas auf frische Weise und höchst unterhaltsam neu zu interpretieren – mit profunder Kenntnis des Materials, Virtuosität und immer mit Respekt vor den stilistischen Feinheiten des Epengesangs.

Von den Soloacts stach besonders die kasachische Epensängerin Saltanat Kairatkyzy heraus, die ihren schwebend-berührenden Gesang selbst auf der zweisaitigen Kniegeige Kobys mit sensiblem Spiel begleitete.

Geografisch hat Kirgisistan durchaus Potenzial als Brücke des kulturellen Austauschs zwischen den nordöstlichen Regionen Asiens von Jakutien über die Mongolei bis nach China, Korea und Japan, Zentralasien, dem Kaukasus und Europa zu fungieren. Das Festival Rukh-Sanat war ein erster Aufschlag, der nun hoffentlich mit weiterer Unterstützung durch die Kulturpolitik und von Musikorganisationen in Kirgisistan sowie im solidarisch-kritischen internationalen Dialog weiterentwickelt wird.

www.ruh-sanat.com/en

www.ictmusic.org

Festivalprogramm als Download:

www.albakultur.de/download/pdf/albakultur/consult_RUKH_SANAT_Festival2025_Programm_komplett-smal.pdf

3
Aufmacher:
Eröffnungsgala des Ruhk Sanat Festivals

Foto: Mariya-Malinovskaya

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