Sie ist die erste professionelle weibliche Korameisterin. Doch mit ihrer Musik geht es der aus Gambia stammenden Künstlerin um viel mehr als mitreißende Kompositionen. Sie will die afrikanische Gesellschaft verändern, und dafür gründete sie ihre eigene Schule.
Text: Erik Prochnow
„Der Geist funktioniert nicht ohne die Hände“, sagt Sona Jobarteh mit Blick auf die Gründung ihrer Gambia Academy. „Wenn wir wirklich eine nachhaltige Entwicklung und Veränderung in der Welt sehen wollen, müssen wir die Dinge ganzheitlich betrachten.“ Und die Musik spielt für die Ausnahme-Koraspielerin dabei eine große Rolle. Mithilfe der Künste möchte sie die Schulbildung ihres Heimatlandes Gambia umgestalten, damit die junge Generation ein neues afrikanisches Selbstbewusstsein erlangt. „Unser Ziel ist es, das bestehende, veraltete Bildungssystem zu dekolonialisieren und die jungen Menschen mit praktischen Fähigkeiten, kritischem Denken und dem Recht auf Selbstbestimmung auszustatten, damit sie die Zukunft Afrikas auf der Basis ihrer Traditionen gestalten können“, erläutert Jobarteh ihre ambitionierte Mission.
Vor diesem Hintergrund gründete die heute 42-Jährige im Jahre 2015 eine eigene Internatsschule in Kartong an der Westküste Gambias. Was als Graswurzelbewegung begann, hat sich in einem Jahrzehnt zu einer Vorzeigeinstitution entwickelt, in der Kinder und Jugendliche eine kulturelle Identität erlernen, indem sie sowohl in den reichhaltigen kulturellen Traditionen ihres Landes und Kontinents als auch entsprechend der modernen akademischen Anforderungen unterrichtet werden. Viele junge Menschen würden sich von den Traditionen abwenden, weil sie in ihnen keine Relevanz mehr für ihr Leben sehen, so Jobarteh. Zum Beispiel wüssten viele Afrikaner und Afrikanerinnen nichts über ihre eigene Geschichte, in Tansania würden sie zum Beispielnicht einmal ihre traditionelle Musik kennen.
„Wenn wir wirklich nachhaltige Entwicklung in der Welt sehen wollen, müssen wir die Dinge ganzheitlich betrachten.“
Jobarteh wurde 1983 in London als Tochter des gambischen Korameisters Sanjally Jobarteh und einer englischen Mutter geboren. Sie stammt damit aus einer Griotfamilie, einer traditionellen westafrikanischen Musikerdynastie, in der sich seit Jahrhunderten die Männer beruflich dem Gesang und dem Instrumentenspiel wie etwa auf der 21-saitigen Stegharfe Kora widmen. Sona Jobarteh ist die erste Frau in dieser Tradition, die sich zu einer professionellen Virtuosin auf dem Instrument entwickelte. Fünf Alben hat sie inzwischen aufgenommen, von denen vor allem ihr bislang letztes, das 2022 erschienene Badinyaa Kumoo, weltweit als Meisterwerk hochgelobt wird. Weitere neue Koramusik ist von der Künstlerin jedoch so schnell nicht zu erwarten. „Die Schule hat für mich einen so hohen Stellenwert, dass rund 98 Prozent meiner Energie dort hineinfließen. Zeit, um neue Musik zu komponieren, ist gerade leider nur ein Traum“, fasst sie ihren Arbeitsalltag zusammen. Dennoch unternimmt sie immer wieder ausgedehnte Konzerttourneen und wird dabei im Juli 2026 auch wieder in Deutschland zu hören sein. „Das gibt mir die Freiheit, mein Bildungsprojekt zu verwirklichen“, sagt Jobarteh, die mangels staatlicher Unterstützung auf Spenden – vor allem ihrer Fans – angewiesen ist und ihr Projekt zu mindestens 90 Prozent mithilfe ihrer Karriere finanziert.
Dabei sind es nicht nur die Lehrkräfte, die sie bezahlen muss. Für die inzwischen 36 Schülerinnen und Schüler müssen die Ausstattungen von Klassen- sowie Schlafräumen, Mahlzeiten, Lernmaterialien inklusive Computer, Schuluniformen oder medizinische Versorgung bezahlt werden. Zudem wurde gerade die Erweiterung des kleinen Campus an der Atlantikküste fertiggestellt, sodass künftig 120 Lernende aufgenommen werden können. Trotz aller Freude über ihren internationalen Erfolg als Musikerin, ist Jobarteh sich jedoch bewusst, dass sie die große finanzielle Last der Schule auf diese Art und Weise nicht auf Dauer tragen kann. Deutschland ist für sie dabei bislang ein sehr wichtiger Tourneeort. „Meine deutschen Fans und auch dort ansässige Organisationen haben die Akademie mit am stärksten unterstützt“, weiß die Künstlerin. Doch für sie steht nicht einfach nur die Förderung einer Schulinitiative im Fokus. „Was wir eigentlich finanzieren, ist der Wandel des Bildungssystems – und zwar nicht nur in Gambia, sondern in ganz Afrika“, so Jobarteh.
Wegen ihres hohen Anspruchs hat die Künstlerin auch das Curriculum selbst entwickelt. „Mir geht es nicht um das Erwerben eines Zertifikats, das in Afrika ohnehin wenig Wert hat, weshalb auch viele nach ihrem Abschluss das Land verlassen“, sagt die Musikerin. „Für mich ist wichtig, dass die Lernenden so ausgebildet werden, dass sie hier in Gambia ein erfolgreiches Leben führen können. Und deshalb müssen alle Oberschülerinnen und -schüler schon vor dem Abschluss ihr eigenes Business starten und Umsatz erzielen.“ Neben Mathematik, Informatik und den Naturwissenschaften spielen die Künste in Form von Musik, Literatur, Tanz, Schauspiel, Film sowie Fotografie, aber auch Fashion und Design eine große Rolle. „Alle Formen des künstlerischen Ausdrucks sind mir sehr wichtig, um unsere Kultur zu bewahren“, sagt Jobarteh. Weil sie selbst Musikerin ist, liegt ein Schwerpunkt gerade in diesem Bereich. „Es gibt viele Studien, die belegen, dass Schüler, die musizieren nicht nur besser abschneiden. Sie denken flexibler und sind kritischer“, so die Künstlerin. Das gelte auch für die übrigen Künste, die deshalb ein Pflichtelement in der Schule sind. Oft werden sie sogar mit anderen Fächern wie Mathematik und Technik verbunden und nie isoliert unterrichtet.
Wichtig ist ihr aber auch, dass die Lernenden nicht nur ihre eigene reiche Kultur verstehen, sondern es für sie völlig normal wird, sich darin zu bewegen. „Ich möchte keine Gruppe, die besessen davon ist, besser oder besonders zu sein. Es geht darum, zu begreifen, dass sie dieselben Grundlagen und Möglichkeiten haben wie alle anderen auf der Welt und sie sich auf demselben Niveau bewegen“, erläutert die Gambierin ihren pädagogischen Ansatz. So ist sie besonders stolz darauf, dass eine Schülerin, die keiner Griotfamilie angehört, im Chor singt und Schlagzeug spielt, was in der gambischen Gesellschaft für Mädchen und Frauen normalerweise unmöglich ist. Zudem hat diese Schülerin bereits ihr eigens Kosmetikbusiness aufgebaut. In ihrer Schule fördert Jobarteh vor allem Mädchen und Kinder etwa aus Nicht-Griotfamilien, in denen es keinen Zugang zu Bildung oder den Künsten gibt. „Bislang nutzen wir in unserer Gesellschaft nicht das große Potenzial an menschlichen Ressourcen, physisch wie geistig“, sagt Jobarteh, die selbst an ihrer Schule Musik und Geschichte unterrichtet.
Die Musikerin weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es für Mädchen und Minderheiten ist, eine gute Bildung zu bekommen und in die Gesellschaft integriert zu werden. Aufgewachsen in England, hat die Künstlerin von Beginn an erlebt, dass sie als Person of Colour nicht wirklich dazugehörte, egal was sie tat. „Jedes Mal, wenn ich den Klassenraum betrat, bin ich mit dieser harten Realität konfrontiert worden, und man lernt als Überlebensmechanismus, es als normal zu betrachten und damit umzugehen“, erinnert sie sich. Als Folge war es für sie natürlich, sich auf ihre gambischen Wurzeln zu besinnen. So erlernte sie das Spiel auf der Kora von ihrem Vater. Doch für Sona Jobarteh ist es wichtig, dass die afrikanische Jugend nicht nur ihre eigenen Traditionen wiedererlernt, sondern sich auch mit anderen Kulturen auseinandersetzt. Sie selbst studierte Piano, Cello und Cembalo am Londoner Royal College of Music. Darüber hinaus lernte sie Komposition an der Purcell School im englischen Bushey sowie Afrikanistik an der University of London. Aus ihrer Sicht lassen sich Traditionen wie etwa das Koraspiel nur bewahren, wenn alle Gesellschaftsgruppen daran teilhaben können.
Obwohl sie viel Unterstützung für ihr Projekt erfährt, ist der Weg zu ihrem ambitionierten Ziel nicht leicht. Nicht nur ist es schwer, geeignete Lehrer zu finden, die nicht durch das staatliche System indoktriniert sind und selbst einen innovativen Unterricht erforschen und entdecken wollen. Veränderungen im Bildungssystem rufen auch immer Widerstände hervor. „Diese kommen sowohl von kulturellen Standpunkten als auch von religiösen wie etwa, wenn im Islam die Ausübung von Musik diskutiert wird“, sagt Jobarteh. Aus ihrer Sicht gebe es nicht nur ein Gefühl der kulturellen Überlegenheit des Westens gegenüber Afrika. „Wir kultivieren auch eine Überlegenheit der Kultur des Westens innerhalb unseres Kontinents“, resümiert die Musikerin. Gerade Letzteres sei einer der Hauptgründe dafür, dass so viele Afrikaner und Afrikanerinnen ihr Leben aufs Spiel setzten wie etwa auf dem Mittelmeer, um an den Ort zu gelangen, der ihnen immer als das Ideal ihrer Träume vorgehalten wurde. Deshalb sei sie stolz, jungen Menschen ein Bildungssystem bieten zu können, das sich nicht an westlicher Überlegenheit orientiert. Vielmehr vermittle es ihnen ein Verständnis all der wunderbaren Dinge ihrer eigenen Kultur wie etwa der Musik, die sie so repräsentieren und mit der Welt teilen können. Sona Jobarteh: „Wir haben nun eine Situation in Gambia, in der Schülerinnen und Schüler Visionen, Missionen und Energie entwickeln, um ihre eigene Nation fortschrittlich zu gestalten. Für mich ist das die Basis jeder gesunden Zivilisation.“








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