Helene Blums & Harald Haugaards Nordic Christmas

Wärmen mit Klängen aus dem kühlen Norden

27. September 2026

Lesezeit: 5 Minute(n)

„White Christmas“, „Let It Snow“, „Jingle Bells“ – die typische (Vor-)Weihnachtsmusik, der wir ab November ausgesetzt sind, ist poppig, etwas oberflächlich und süß. Für manche ist sie so süß, ihr Einsatz so inflationär, dass schon vor dem Fest Überdruss droht. Anders ist das bei den Klängen des Programms „Nordic Christmas“, mit dem das dänische Paar Helene Blum und Harald Haugaard mitsamt Ensemble die Menschen da abholt, wo sie Tiefe vermissen. Und das inzwischen seit zwanzig Jahren.
Text: Imke Staats

Die beiden sind nicht nur vortreffliche, vielfach ausgezeichnete Musikschaffende, sondern es gelingt ihnen auch, durch die Kommunikation mit ihrem Publikum eine warme Atmosphäre zu erzeugen, die wahrhaftig und beglückend ist. „Nordic Christmas“ ist nicht einfach Weihnachtsmusik, sondern eine ganze Welt nordischer Folktraditionen, alter Weihnachtslieder, -tänze, -hymnen und auch -geschichten. Diese treffen auf zeitgenössische Arrangements, Eigenkompositionen und werden durch die hohe Virtuosität aller Beteiligten lebendig. Dabei sind sie sehr vielfältig. Mal still und innig, mal überraschend kraftvoll und tänzerisch, kommen sie ganz ohne musikalischen Zuckerguss aus. Es geht darum, zur Besinnung zu kommen und Hoffnung zu machen. Diese Belange sind Kernthemen der skandinavischen Weihnachtstraditionen und beziehen sich auf alte heidnische Bräuche, womit sie an viele christliche Rituale aus ganz Europa anschließen.

Außerhalb der Winterzeit spielen Blum & Haugaard andere Programme in anderen Kontexten, wie etwa beim Schleswig-Holstein Musik Festival. Zwischen zwei Konzerten dort im August nahm Harald Haugaard sich einen Moment Zeit, um die seit zwei Jahrzehnten erfolgreiche Idee der „Nordic Christmas“-Konzerte zu erläutern. Der 51-jährige Geigenvirtuose, Komponist und Musikpädagoge, der auch künstlerischer Leiter des folkBALTICA-Festivals ist und fließend deutsch spricht, strahlt Freundlichkeit und Besonnenheit aus. Gemeinsam mit seiner Ehefrau, der Sängerin, Texterin, Komponistin und Musikerin Helene Blum bildet er den Kern von „Nordic Christmas“.

„Dunkelheit ist eine Herausforderung für das Licht“, sagt Haugaard zu der Feststellung, dass im hohen Norden die Winter besonders lang und dunkel seien. Das Bedürfnis, Licht ins Dasein zu lassen, wohnt den Menschen inne. Musik kann diese Helligkeit transportieren. Wirklich funktioniert das aber nur, wenn es keine oberflächliche Ablenkung ist, sondern eine Sensibilisierung für die Schönheit, die das Leben beinhaltet. Haugaard betont, wie wichtig Authentizität ist, gerade in den heutigen Zeiten allgemeiner Verunsicherung durch Fake News und KI. Helene Blum und er verstehen es, dieses Bedürfnis in ihrer Musik und dem direkten Austausch mit dem Publikum zu beantworten. „Nordic Christmas“ ist daher unbedingt ein Liveerlebnis, bei dem der Funke sofort überspringt. Über die Jahre hat sich eine große Fangemeinde gebildet, die jedes Mal weiterwächst.

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„‚Nordic Christmas‘ ist unbedingt ein Liveerlebnis.“

In den nordischen Ländern, sucht man zum Jahresende Ruhe und Reflektion, aber auch Gemeinschaft. Musik und Tanz gehören unbedingt dazu. An Heiligabend kommen Freunde und Nachbarinnen vorbei, nach dem Essen tanzen alle um den Tannenbaum, zunächst langsam, dann immer schneller. Es gibt Tanzspiele – das Ensemble interpretiert zum Beispiel eine mehr als fünfhundert Jahre alte Polka im Dreivierteltakt. Und zu den Strophen der Lieder kann jeder etwas beitragen. „Gemeinsam baut man etwas zusammen“, erläutert Haugaard. Demokratisch gehen sie auch bei der Konzeption der jährlichen Tourneen vor. Die wechselnden musikalischen Gäste beteiligen sich aktiv an der Gestaltung.

Das Programm besteht aus einer Mischung von Altem, neu interpretiertem Alten und selbst geschriebenen Stücken. Jedes Jahr wird es ein wenig verändert. Gesungen wird in mehreren Sprachen. Die nordischen Sprachen kommen alle vor, mit Ausnahme des Isländischen – zumindest bis jetzt. Auch deutsche Lieder wie „Es ist ein Ros entsprungen“ haben ihren Platz. Und selbstverständlich ist das Publikum zum Mitsingen eingeladen.

Manche Lieder entstehen auch durch auf der Tour gewonnene Eindrücke, wie „Velkommen her“ von Helene Blum, mit dem sie wahrscheinlich das neue Programm eröffnen werden. Es basiert auf einem norddeutschen Gedicht und handelt vom Wechsel der Jahreszeiten und von Licht zu Dunkelheit, der im Norden etwas drastischer ist.

Traditionelles wird jedoch nur behutsam neu interpretiert, das Lied selbst soll im Vordergrund stehen, nicht der Interpret. Haugaard dazu: „Es ist wichtig, die Tradition herauszufordern, aber dabei muss man Maß halten. Wir können zum Beispiel nicht ein beliebtes Volkslied statt mit vier nur mit zwei Strophen singen. Dann gäbe es einen Aufstand.“ Und er zitiert den dänischen Nationalkomponisten Carl Nielsen, um seine Rolle als Vermittler zu definieren: Ein Musiker sei „wie ein Rohr, durch das die Musik zum Publikum fließt“.

Instrumentiert wird meist mit Geige, Cello, Gitarre, Schlagzeug und norwegischer Nyckelharpa. Zur Kernbesetzung gehören der Gitarrist Mattias Pérez und der dänische Percussionist Sune Rahbek. Im Jubiläumsjahr 2026 stößt die schwedische Geigerin Lena Jonsson dazu, die unter anderem schon mit Johanna Juhola zusammenarbeitete, sowie der dänische Multiinstrumentalist Mads Kjøller Henningsen, der Flöten, Drehleier und Sackpfeife spielt.

Den Arbeitsprozess beschreibt Harald Haugaard so: Ungefähr ab Oktober werden die Lieder für das nächste Programm ausgewählt oder neu geschrieben, worum sich meistens Helene Blum kümmert, während Haugaard komponiert. Nach der Auswahlphase trifft man sich im „Basecamp“ auf der Insel Fünen mit dem neuen Ensemble und stellt fest, dass etwa zwanzig Prozent der Stücke nicht funktionieren. Nach dem Proben, Feilen und Arrangieren geht es Ende November, Anfang Dezember auf Tour, deren Auftakt traditionell im Johannes-Larsen-Museum in Kerteminde stattfindet. Es folgen zwei, drei weitere Konzerte in Dänemark, von wo aus es dann weitergeht nach in der Regel Deutschland und Österreich.

Nordic Christmas 2025

Foto: Anja Hövelmann

Das allererste „Nordic Christmas“-Konzert ging 2006 auf Fünen, in der Heimat Harald Haugaards, über die Bühne, und zwar im Dom zu Odense. Teil der „super Besetzung“ war damals etwa der bekannte finnische Bassist Tapani Varis, insgesamt waren an die zehn Musikschaffenden involviert. Inzwischen sind sie meist als Sextett unterwegs

Haugaard betont, wie toll es sei, in schönen Konzerthäusern zu spielen wie zum Beispiel der Hamburger Elbphilharmonie oder dem Wiener Konzerthaus. Zumindest früher war es keine Selbstverständlichkeit, dass volkstümliche „Bedarfsmusik“ (wieder ein Begriff von Carl Nielsen) ihren Weg in diese Räume fand, wo sie sich jetzt in einem frischen Kontext neu entfalten kann.

Alles in allem ist „Nordic Christmas“ ein Gesamterlebnis, das seine ganze Strahlkraft erst dann offenbart, wenn man es live erlebt, mitsingt und tanzt (für die Termine siehe www.folkerkalender.de). Einen ganz besonderen verbindenden Moment will sich das Ensemble für das Ende der Jubiläumskonzerte aufsparen – das soll dann aber eine Überraschung sein.

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Aufmacher:
Nordic Christmas 2026

Foto: Jan Flessel

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