Roddy McKinnon

Wie neu geboren

25. September 2026

Lesezeit: 4 Minute(n)

Mit Hilfe der Musik verarbeitete der schottische Singer-Songwriter seine schwere Krebserkrankung. Er dachte, alles gesagt zu haben. Doch nun wartet ein neues Projekt auf ihn.

Text: Erik Prochnow; Fotos: George Leitenberger

Es war ein erneuter Schock. Als Roddy McKinnon Mitte Mai dieses Jahres in der Klinik seinen regulären Bodyscan machte, war er nicht nur sprachlos. „Ich hatte große Angst, weil ich nicht wusste, wie es weitergehen sollte“, sagt der 61-jährige Singer-Songwriter. Im November 2019 hatte er die Diagnose Prostatakrebs im fortgeschrittenen Stadium erhalten. Auch damals war der schottische Musiker geschockt, aber seine Reaktion darauf war eine Albumtrilogie gewesen, mit der er seine Erkrankung verarbeitete. Auf Time’s A Dog besang er das Überleben. Auf Tourist On The Moon befasste er sich mit der Genesung durch Erinnern. Und auf seinem aktuellen, im Frühjahr 2026 erschienenen dritten Werk Lake setzt er sich damit auseinander, was das Leben mit Krebs bedeutet und welche Richtung es neben dem Sterben noch vorzeichnet.

Doch mit den neuen Ergebnissen nach der zwölfmonatigen Einnahme eines starken Medikaments wurde seine Wahrnehmung des Lebens auf den Kopf gestellt. „Ich bin einer der seltenen Fälle, in denen das Medikament alle Metastasen im Körper verschwinden ließ“, sagt McKinnon. Jetzt sei der Krebs nur noch in der Prostata, und den könne man behandeln. Eigentlich ein Grund, sich zu freuen. Doch für den aus Glasgow stammenden Künstler ein beängstigender Zustand. „Ich fühlte mich wie jemand, der gerade aus dem Gefängnis gekommen ist und nicht weiß, was er machen soll.“, beschreibt er seinen Zustand. „Wenn der Krebs mich nicht umbringt, was dann?“ Vor allem aber warf die Diagnose seine musikalischen Pläne über den Haufen.

In den Achtzigern und Neunzigern war McKinnon Mitglied der Postpunk-Rockband Re-al und auf dem Sprung zum großen Erfolg. Als der nicht eintrat, wandte er sich dem keltischen Folk zu. Schließlich gab er die Musik ganz auf und wanderte mit seiner französischen Frau und den beiden Töchtern nach Frankreich in die Nähe des Genfer Sees aus, wo er bis heute auch im Verlagswesen tätig ist. Seine seit der Jugend bestehende Leidenschaft für Musik wurde jedoch 2013 durch die Begegnung mit dem ebenfalls am Genfer See lebenden deutschen Singer-Songwriter George Leitenberger neu entfacht. Die beiden begannen nicht nur gemeinsam zu touren, sondern veröffentlichten auch das von der Kritik geschätzte Album Raw Love. Mit der Krebsdiagnose entschloss sich McKinnon schließlich, seine eigene Solokarriere zu starten.

Roddy McKinnon

Foto: George Leitenberger 2

Der Genfer See bildete dabei für sein aktuelles Album die geeignete Metapher. „Der See ist für mich ein Ort der inneren Reflexion und der Stärkung der Resilienz, die für mich gleichzusetzen ist mit der direkten Auseinandersetzung mit einer Krise“, fasst der Sänger und Gitarrist die Idee seines berührenden Albums zusammen. Seine melodischen, rhythmisch fesselnden Akustiksongs werden von seinen einfühlsamen Gitarrenlicks und seiner warmen Stimme getragen. Mit Letzterer erzählt McKinnon auf Englisch und Französisch wie das Leben und die Liebe ihn an den See getragen haben, er die französische Kultur aufsaugte und nach der Erkrankung mit seinem Spiegelbild im See Frieden schließen konnte.

Angesichts des von seinen Ärzten vorausgesagten baldigen Todes schrieb McKinnon sogar noch zwei weitere Alben, die eigentlich im nächsten Jahr herauskommen sollten. Das eine setzt sich mit dem Konzept der Resilienz auseinander, das zweite dankt den Menschen in seinem Umfeld. Nun ist er sich jedoch nicht mehr sicher, ob es zu den Veröffentlichungen noch kommen wird. Denn darüber hinaus hatte er sich nicht mehr musikalisch mit seiner Erkrankung auseinandersetzen wollen. „Die Gitarren, Mandolinen und Mikrofone hatte ich alle weggepackt, für mich war es beendet“, sagt McKinnon. Doch nun ist das Feuer wieder entfacht. Die Instrumente sind wieder hervorgeholt, Lieder strömen erneut aus ihm heraus. „Ich plane ein neues Album, das sich mit der vierten Stufe des Prozesses auseinandersetzt, der Spiritualität“, beschreibt er seine Gefühle. Musikalisch will er sich dabei an der keltischen Mythologie orientieren.

Wenn es im nächsten Jahr erscheint, will Roddy McKinnon sogar wieder auf die Bühne gehen. Bislang fehlte ihm dazu durch die Behandlung die Kraft. Aber mit Hilfe seiner Tochter, die Yogalehrerin ist, trainiert er jeden Tag. Denn er folgt inzwischen ganz und gar dem nüchternen Kommentar einer französischen Arbeitskollegin, die feststellte: „Du hast sieben Jahre versucht, zu überleben, jetzt muss du lernen, zu leben.“

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Aufmacher:
Roddy McKinnon

Foto: George Leitenberger 1

Links:
Aktuelles Album:

Lake (Silberblick-Musik, 2026)

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