Hundert Jahre Verklingende Weisen

Die Volksliedsammlungen des Lothringer Pfarrers Louis Pinck

2. Juni 2026

Lesezeit: 4 Minute(n)

„Wer nicht das große Glück hatte, in der Feldarbeit diese Lieder gesungen gehört zu haben, kann sich niemals eine wirkliche Vorstellung vom Volkslied machen“, schwärmte der Musikhistoriker Hermann J. Dahmen, der den Lothringer Pfarrer Louis Pinck (1873–1940) auf wiederholte Forschungsreisen in die lothringische Prärie begleitete. Dort entdeckte und systematisierte Pinck über fünfhundert Volkslieder, die allesamt schon vor 1870 im Umlauf waren und in seiner preisgekrönten fünfbändigen Sammlung Verklingende Weisen erschienen. Der erste Band, der neben etlichen charmanten Landschaftsliedern auch ehrwürdige Balladen wie „St. Udil“, „Ich stand auf hohem Berge“ und „Graf Friederich“ enthält, feiert heuer sein hundertjähriges Jubiläum.
Text: Maximilian Bolch

Pinck war zum Liedersammeln gekommen wie die Jungfrau zum Kinde. Seit der Jahrhundertwende als Priester in der Bischofsstadt Metz tätig, geriet er eines Tages über „preußisches Verwaltungsgebahren“ in Zorn und beschwerte sich per Brief beim Kaiser. Die Antwort folgte prompt: Wilhelm II. ließ Pinck 1908 in die Pfarrei Hambach strafversetzen, eine Zweitausend-Seelen-Gemeinde in welliger Agrarlandschaft, unweit der saarländischen Grenze. Dort hörte Pinck 1914 in der Kirche den 83-jährigen Papa Gerné ein uraltes Rosenkranzlied singen. Pinck war ergriffen. Er dachte an seine (1813 geborene) Großmutter, die ihm vor Ewigkeiten die dreißigstrophige „Ballade vom Grafen von Backewill“ und andere „längst vergessene Lieder bis zu Minnesangs Frühling“ auswendig vorgetragen hatte.

Cover der Verklingenden Weisen von 1926, Gestaltung Henri Bacher

Bald merkte Pinck, dass ihn der Grant des Kaisers zufällig in „eines der letzten und ertragreichsten Rückzugsgebiete des älteren [deutschen] Volksliedes“ geworfen hatte. In den meisten Landstrichen war das alte Liedgut längst durch die Verbreitung von Radio und Grammofon und die dadurch veränderten Hörgewohnheiten unter die Räder gekommen. In Begleitung musikalisch versierter Assistenten durchquerte Pinck in seinem „alten, blauen Citroën“ das lothringische Hinterland und besuchte die Kunkelstuben (Orte im Haus, an denen gesponnen wurde) der alten „Nachtigallen“, der herausragendsten Dorfsänger:innen. Selbst den ältesten Sänger:innen – die oben abgebildete Mama Türk war 99, als Pinck sie mit seinem Phonographen „heimsuchte“ – entlockten Pinck und sein Team noch das ein oder andere Lied, womit ihr endgültiges Verklingen verhindert werden konnte.

In einer bizarren Dialektik ist es dem technischen Fortschritt zugleich zu verdanken, dass die lothringischen Lieder letztlich doch nicht ganz „verklungen“ sind: Pincks liebstes Werkzeug war der Edison-Bell-Phonograph, mit dem er die bäuerlichen Gesänge auf Wachswalzen speichern konnte. Seine Assistenten spielten die Zylinder im Nachgang ab, rekapitulierten den Liedvortrag und notierten die Liedabläufe exakt aus. Gerade hierdurch grenzt sich Pincks Sammlung qualitativ von denen seiner Vorgänger ab. Hatten sich die Arnims und Goethes des 18. Jahrhunderts für die Texte der Volkslieder interessiert und die Melodien eher ignoriert und die Liedsammler des 19. Jahrhunderts ihre Forschungsobjekte gern mit preußischem Ordnungssinn metrisch, melodisch und textlich begradigt, war Pinck gerade in den Eigenwuchs des ländlichen Liedvortrags verliebt.

Louis Pinck 1930

Foto: Archives Municipales de Sarreguemines

Aus heutiger Sicht zeigt letzterer nämlich überraschende Erscheinungen. Zuvorderst sangen Pincks Quellensänger:innen stets ohne instrumentale Begleitung – Konzertinas und Gitarren sucht man hier vergebens. Auch die Metrik ist ungewöhnlich: Die Sänger und Sängerinnen scherten sich nicht um fixe Taktangaben, sondern modellierten ihre Phrasierung intuitiv anhand des Textflusses. Die Melodien sind oft modal, vereinen in sich manchmal gar mehrere Kirchentöne, sind fast immer kunstvoll ornamentiert und weisen nicht selten von Strophe zu Strophe fortschreitende Variationen auf, die vorigen (weniger aufmerksamen) Liedsammlern oft entgangen waren. Manchmal kommen gar Assoziationen zu irischen, byzantinischen und orientalischen Gesangstraditionen auf.

Louis Pinck, Zeichnung von Henri Bacher

Die fünf Bände der Verklingenden Weisen sind antiquarisch leicht erhältlich. Ein kleines Wunder hingegen ist, dass es dem ZPKM (ehemals: Deutsches Volksliedarchiv) in Freiburg gelungen ist, Pincks Originalwalzen ins digitale Zeitalter zu retten und für die Nachwelt hörbar zu machen. Auf manchen Aufnahmen ertrinkt der Liedvortrag zwar vollständig im Störgeräusch, auf anderen hat sich hingegen eine beeindruckende klangliche Präzision erhalten, die eine Immersion in eine weit entrückte Musikästhetik erlaubt. Die ältesten auf Walze verewigten Sänger:innen wurden nämlich vor 1850 geboren, und da ihr Liederwerb oft durch ihre vor 1800 geborenen Großeltern vermittelt wurde, gleichen manche der Walzen einem roten Traditionsfaden, der bis in die Zeit Mozarts und Napoleons zurückführt. Pincks Werk kann hierbei fast als mitteleuropäisches Pendant zu den weltberühmten Sammlungen anglofoner Pioniere der phonographunterstützten Feldforschung gelten. Die stilistischen Ähnlichkeiten zwischen den Verklingenden Weisen und den Stücken, die Grainger, Sharp und Vaughan Williams aus englischen Dörfern mitbrachten, sind oft frappierend.

Biografische Daten über Pinck sind überwiegend der Veröffentlichung Pfarrer Louis Pinck – Leben und Werk (1991) des Bezirks Oberbayern und des Deutschen Volksliedarchivs Freiburg entnommen.

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Aufmacher:
Louis Pinck mit Mama Türk

Foto: Archiv

Dr. Maximilian Bolch ist Landarzt, Musiker und forscht in seiner Freizeit an verschiedenen musikgeschichtlichen Themen, schreibt zum Beispiel gerade an einer Biografie über den englischen Musiker Royston Wood und systematisiert das Archiv der englischen Folkband Swan Arcade. Von 2014 bis 2017 hat er sich intensiv mit Pincks Verklingenden Weisen beschäftigt; einige Lieder daraus wurden damals auch durch seine Musikgruppe Erdklangkapelle neu arrangiert. Mehr Hintergründe inklusive PDF-Scans der fünf Bände der Verklingenden Weisen stellt Bolch auf seiner Website zum Download zur Verfügung: www.welschundwindisch.de.

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