Die Multiinstrumentalistin, Tänzerin, Sängerin, Showwoman aus Guadeloupe bezeichnet ihren Musikstil aus Gwo Ka, Soul, Hip-Hop und Jazz als „Karibfutursound“. Sie arbeitete zwanzig Jahre mit zahlreichen Musikschaffenden zusammen, darunter David Walters und die Band Expéka. Nach drei EPs veröffentlichte Célia Wa im letzten Jahr ihr Album Fasadé. Ihr Konzert auf der Musikmesse Babel Music XP am 19. März 2026 in Marseille war ein Erfolg – ab dem dritten Song groovte der volle Saal. Dass die Sängerin auch Tänzerin ist und ihr geschmackvoller Flickenanzug in einer Lightshow zur Geltung kam, machte die Vorstellung perfekt. Auf Kreolisch sang sie von Freiheit; sie spielte Querflöte, dann Percussion, während ihr Schlagzeuger einen Karibikreggae begann. Ihr zum Tanzen bringender Groove bleibt anspruchsvolle Musik. „Sie ist stark“, sagte ein Zuschauer zu seinem Kumpel nach dem Konzert. Am Morgen nach dem Konzert sprach Célia Wa im Interview über ihre Musik, ihr Engagement und ihr Leben zwischen der Karibikinsel Guadeloupe und der Welt.
Interview: Martina Zimmermann
Wie fanden Sie es gestern Abend?
Für mich war Marseille eine schöne Bühne. Ich fühle, dass es einen Austausch gibt, dass die Leute sich amüsieren, Emotionen und auch Energie senden. Sie verstehen die Musik und antworten, wenn sie singen sollen. Ein Auftritt ist immer eine Herausforderung. Ich habe mir vorgestellt, dass ich Licht, Liebe und Freiheit geben werde. Wenn ich auf der Bühne stehe, ist das ein Raum der Freiheit. Ich hoffe, dass die Leute das fühlen und ihre Körper, ihre Stimmen befreien können. Sie sollen mit Energie und Hoffnung aus dem Saal hinausgehen.
Ist in Ihrer strukturierten Musik Raum für Improvisationen?
Es gibt Solos. Ich komme aus der traditionellen Musik des Gwo Ka, wo es Improvisation gibt. Ich komme auch aus dem Jazz. Und natürlich lassen wir Raum für freie Momente, in denen sich jeder ausdrücken kann. Ich versuche, in all dem eine Balance zu finden.
Ihr Stil wird als „Karibfutursound“ bezeichnet – eine Erfindung der Medienleute für die „Schublade“ beziehungsweise als Etikett oder Ihre eigene Erfindung?
Sehr gute Frage. Die Bezeichnung kommt von mir. Die Leute fragten mich von Anfang an oft, welchen Musikstil ich spiele. Sprach man von Jazz, war es nicht jazzig genug. Dann galt es als Weltmusik. Ich dachte mir, dass ich selbst einen Namen dafür finden muss und habe mir viele Gedanken gemacht. „Karibfutursound“ verbindet die traditionelle Kultur meiner Vorfahren mit Zeitgenössischem.
Der Name reflektiert auch Ihre vorigen musikalischen Erfahrungen?
Mit Projekten wie Expéka, wo wir Rap, Gwo Ka und Bèlè kombinieren, oder mit Leuten wie David Walters, der alles verarbeitet, was Soul und Tropical ist, und sogar in meiner persönlichen Erfahrung als Tänzerin habe ich viel Hip-Hop und House gemacht. Viele Musikschaffende sind Teil meiner musikalischen Reise.
„Karibfutursound verbindet die traditionelle Kultur meiner Vorfahren mit Zeitgenössischem.“
Wie kam es, dass Sie Musikerin wurden?
Ich habe mit zehn begonnen, Musik zu machen, also als Kind in Guadeloupe. Im Gwo Ka gibt es die Tambour-Trommel, das Lied und den Tanz. Und ich habe alle drei gelernt.
Und dann sind Sie weg aus Guadeloupe, wie bei vielen ging es nach dem Abitur nach Paris.
Ja, und dann habe ich mir Zeit genommen, um zu überlegen, ob Musik ein Beruf sein könnte. Ich hatte keine Vorbilder. Auf unserer Insel macht jeder Musik, auf einem sehr intensiven Niveau. Ich habe mit Tanz angefangen, dachte aber nicht, dass ich das beruflich machen könnte. Und dann habe ich mich für eine Jazzausbildung entschieden und mich danach professionell weiterentwickelt.
Wie kamen Sie zur Querflöte? Max Cilla aus Martinique hat das Instrument sehr populär gemacht.
Ja, er ist ein großer Meister. Erst wollte ich Klavier spielen, aber dafür gab es keinen Platz zu Hause. Als ich dann andere Kinder sah, die Flöte spielen, dachte ich: Das will ich auch machen. Ich habe angefangen und sehr schnell Stücke gespielt. Ich habe aber das Gefühl, dass die Flöte sich auch für mich entschieden hat, denn am Anfang war es nicht wirklich mein Instrument. Nach einem Jahr fiel dann die Entscheidung zugunsten der Flöte, und sie hat mich seitdem nicht mehr verlassen.
Sie passt sehr gut zu Ihrem Musikstil.
Ja, denn die Flöte ist ein altes Instrument. Es gibt sie in allen Traditionen und Kulturen. Die Querflöte ist der Nachfahre aller dieser traditionellen Flöten aus Holz. Ich habe mit traditionellen Themen angefangen und dann, als ich nach Paris kam, mehr die klassische Technik und den Jazz entdeckt. Mit der Querflöte kann man alles spielen. Ich liebe es, zu experimentieren und Stile zu finden, die man nicht unbedingt von mir erwartet.
Fasadé entstand zwischen Guadeloupe, Marseille und Paris?
Ich habe für einige Lieder mit David Walters zusammengearbeitet, der in Marseille wohnt. In Paris leben meine Mitmusiker Christophe Négrit am Schlagzeug, Xavier Belin am Keyboard und Roger Raspail an der Percussion. Wir haben alles in Paris notiert und dann in Marseille und Guadeloupe neu arrangiert, denn dort habe ich die Flötenparts geschrieben. Und dann haben wir einen Mix von all dem gemacht.
Wie lange hat der Schaffensprozess ihres „Babys“ gedauert? EPs und Singles haben Sie ja bereits seit dem Jahr 2013 immer wieder veröffentlicht.
Es war ein langes, sich allmählich entwickelndes Projekt. Für mich ist es auch kein „Baby“, für mich ist das Kind erwachsen, wenn ein Projekt veröffentlicht wird. Die ganze Kreativität, der Prozess, die Entwicklung passiert beim Komponieren und bei der Aufnahme. Wenn es herausgekommen ist, lebt es sein Leben und gehört mir in Wahrheit nicht mehr. Wenn es mein Baby wäre, würde ich es nicht so in die Natur laufen lassen. Aber ich bin sehr stolz darauf.
„Gwo Ka ist eine Musik des Widerstands.“
Sie singen auf Kreolisch – worum geht es in den Texten?
Das Leben führt mich, und es gab wirklich Veränderungen, etwa als ich Mutter wurde. Ich musste meine Emotionen, Schmerzen, Geschichte, Freude und alles ausdrücken. Die Musik hat mir dabei immer geholfen, meinen Weg zu gehen. Seit meiner ersten EP war die Richtung da, die ich weitergegangen bin. Ich gehe von der Energie des Gwo Ka aus und nehme, was um mich herum passiert und was ich selbst Lust habe, zu hören. Mich haben auch traditionelle Gesänge inspiriert, zum Beispiel im Song „Ola“. Im Refrain gibt es ein Zitat des traditionellen Sängers Robert Loyson – Kenner wissen das, andere erkennen es nicht. Ich finde, es ist wichtig, diesen enormen Reichtum zu vermitteln. Und unser traditioneller Stil und unser Kulturerbe sind sehr modern.
Sie sind eine engagierte Künstlerin.
Musik ist eine sehr spirituelle Sache. Sie hilft den Menschen in schwierigen Zeiten, sei es bei Tod, in der Freude, auch bei der Arbeit. Für mich ist Musik Engagement. Gwo Ka ist eine Musik des Widerstands, des Kampfes. Diese Musik verbindet Menschen, die die Menschlichkeit feiern die ihnen während der Sklaverei abgesprochen wurde; Anm. der Autorin. Es ist wirklich etwas sehr Machtvolles. Für mich ist es logisch, diese Musik weiterzuvermitteln, denn viele Völker haben Zwang erlebt und es trotzdem geschafft, wundervolle Dinge zu kreieren. Musik hilft, man selbst zu sein. Das ist meine Geschichte, aber das ist auch der Grund, warum ich viel von Freiheit spreche. Ich möchte den Leuten sagen: Es ist egal, wo du herkommst, du hast das Recht zu existieren. Du hast deinen Platz, nimm ihn. Habe keine Angst, deine eigene Sprache zu verwenden, auch wenn sie nicht alle verstehen. Auch in der Musik hat jeder etwas zu bieten. Es wäre schade, wenn wir alle mit demselben Essen kämen, das wäre nicht sehr funky.
In Frankreich sind Kommunalwahlen, nächstes Jahr Präsidentschaftswahlen. Rechtsextreme und Populisten sind in vielen Ländern auf dem Vormarsch. Wie stehen Sie dazu?
Für mich findet Politik jeden Tag statt, es ist das, worüber wir reden, auch wenn wir auf der Bühne stehen. Wir leben in einer Zeit, in der wir aufpassen müssen. In den Medien ist vieles nicht wirklich wahr; das sieht man, wenn man selbst vor Ort ist. Vieles ändert sich, manches geht in die richtige Richtung. Aber jeder Wandel kennt Zusammenbruch und extreme Phasen. Es ist derzeit chaotisch, wir gehen rückwärts. Wir dachten, wir hätten alles beendet, und sehen wie jetzt Faschismus, Imperialismus, Kolonialismus überall wieder erstarken. Man sieht, wie die USA mit Kuba umgehen und auch, was sonst alles passiert. Aber ich denke, wir dürfen nicht in Panik geraten. Wir haben schon mehrere Apokalypsen erlebt Sklaverei, Kolonialherrschaft; Anm. der Autorin, die wir in unserer DNA tragen. Und wir haben überlebt. Wir müssen uns trauen. Wie ich gestern im Konzert gesagt habe: Wir werden zusammen Widerstand leisten, und wir werden es schaffen.
Sie leben wieder auf Guadeloupe. Wie fühlen Sie sich nach drei Jahren „zu Hause“? Oft ist es ja so, dass die Rückkehr anders passiert als man erhofft?
Ich bin in den zwanzig Jahren seit meinem Weggang immer wieder zurückgekehrt. Ich habe mich nie komplett von dem, was dort passiert, abgewandt. Mit der Mobilität wird es schwieriger, weil wir auf einer Insel leben. Aber wir organisieren uns. Wenn man eine Entscheidung trifft, gibt es immer Vor- und Nachteile. Es ist an jedem selbst, eine Balance zu finden. Ich habe Freunde, die vor mir zurück sind nach Guadeloupe – das ist auch cool, dass viele aus meiner Generation zurückkehren. Ich bin also nicht alleine. Manchmal ist es schwer, zurückzugehen und wieder neu zu starten in einem Land, das sich verändert hat und wo eine andere Jugend lebt. Aber es ist auch interessant, weil etwas passiert. Ich habe meinen Verein, wir suchen Subventionen, wir geben auch Kurse – ich zum Beispiel Flötenkurse. Und wir machen Workshops mit Schulen, unter anderem Theaterworkshops. In allem, was Kunst ist, bringen wir unsere Stärke ein.
Aktuelles Album:
Fasadé (Heavenly Sweetness, 2025)
Aufmacherbild:










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