Wer sich in der Berliner Tanzszene bewegt, stößt früher oder später auf eine Band, die auf den ersten Blick so gar nicht in das gängige Bild der hiesigen Folkszene passen will. George & His New Heartaches spielen Country, der tief in den Klangwelten der 1940er- und 1950er-Jahre verwurzelt ist. Honky Tonk, Western Swing, mehrstimmiger Gesang, Fiddle und Steel Guitar prägen ihr Repertoire. Was zunächst nach amerikanischer Vergangenheit klingt, entfaltet in Berlin eine erstaunlich lebendige Gegenwart.
Text: Eléna Samulowski
Schon in ihren eigenen Beschreibungen macht die Band deutlich, worum es ihnen geht: „Berlin Honky Tonk Country and Western Swing. Boot scuffing, heart aching tunes for dancing cowboys and girls.“ Die Verbindung zur amerikanischen Tradition ist dabei mehr als nur eine stilistische Entscheidung. Bandleader George Aschmann stammt aus Virginia und lebt zeitweise in den USA. Sein authentischer, von der Fiddle geprägter Stil formt den Sound der Band ebenso wie seine energiegeladene Bühnenpräsenz. An seiner Seite spielt Jack B. Latimer, ein Gitarrist mit amerikanischen und australischen Wurzeln, dessen Rhythmus und Leadspiel den Honky Tonk Swing entscheidend mitprägt. Darüber hinaus ist er in zahlreichen Jazz- und Swingformationen in Berlin aktiv. Ergänzt wird die Band durch Sebastian Müller an der elektrischen Steel Guitar, dessen charakteristische Slideklänge dem Western Swing seine besondere Farbe verleihen. Martin Herzog an der elektrischen Gitarre sorgt mit Soli und rhythmischen Akzenten für zusätzliche Dynamik. Das Fundament bildet Malte Tönißen am Kontrabass, der mit einem stabilen und zugleich pulsierenden Groove den Sound trägt und die Tänzerinnen und Tänzer auf der Fläche zusammenhält.
„George & His New Heartaches zeigen, dass Tradition lebendig bleibt und auch ein neues Publikum erreicht.“
Musikalisch bewegen sich George & His New Heartaches in einer Tradition, die sich bis zu Countrylegenden wie Hank Williams zurückverfolgen lässt. Dessen direkte und reduzierte Songs stehen für eine Form von Country, die sich nicht über aufwendige Produktion definiert, sondern über Ausdruck und Gefühl. Es sind Stücke, die Herzschmerz und Spielfreude zugleich transportieren. Gleichzeitig knüpft die Band an den Western Swing an, eine lebendige Mischung aus Country, Blues und Jazz, wie sie bereits in den frühen Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts in den Tanzhallen der amerikanischen Südstaaten zu hören war.
Berlin hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Zentrum für Swingtänze entwickelt. Lindy Hop, Balboa und verwandte Stile haben hier eine lebendige Community hervorgebracht (siehe auch den Beitrag zur Berliner Folktanzszene). Viele Tänzerinnen und Tänzer bringen ein ausgeprägtes Rhythmusgefühl mit, sodass der Übergang zum Two Step fast nahtlos gelingt. Vor einigen Konzerten werden Einsteigerkurse angeboten, die einen schnellen Zugang ermöglichen. Geleitet werden sie von Andrea Augustin, die ihre Wurzeln in Texas hat und ihre Variante des Texas Two Step vermittelt. Dieser Stil ist leicht zugänglich und erlaubt es auch Neulingen, schon nach kurzer Zeit sicher über die Tanzfläche zu finden.
Auf der Tanzfläche verschwimmen die Grenzen zwischen Bühne und Publikum schnell. Tempo, Intensität und Dynamik entstehen im Moment. Die Musik reagiert auf die Tänzerinnen und Tänzer, die wiederum auf die Band reagieren. Besonders in den Sommermonaten entstehen so lebendige Abende unter freiem Himmel, etwa auf dem Tempelhofer Feld, wo der Stadtacker regelmäßig Raum für Konzerte und gemeinsames Tanzen bietet.
George & His New Heartaches zeigen, dass Tradition lebendig bleibt und auch ein neues Publikum erreicht. Viele, die bisher wenig Berührung mit Country hatten oder dabei vor allem an moderne Pop-Produktionen denken, entdecken hier eine andere, unmittelbarere Seite dieser Musik. Dass dieser Stil in Deutschland bislang eher eine Randerscheinung ist, erweist sich dabei als Vorteil. Die Erwartungen sind offen und die Regeln nicht festgelegt. Der Two Step in Berlin ist keine Kopie texanischer Tanzhallen, sondern eine eigenständige, lebendige Aneignung, getragen von der Energie einer neugierigen Szene.
Ein Blick auf die kommenden Monate zeigt ein paar spannende Sommertermine. Neben Auftritten in bekannten Berliner Locations stehen 2026 auch teils internationale Festivalbühnen auf dem Programm. So ist die Band beim Fire in the Mountain Festival in Wales vertreten, einem lebendigen Folk- und Rootsfestival. Außerdem treten sie Ende August beim Acoustic Roots Camp im Schlosspark im nordhessischen Loshausen auf, einem Open-Air-Festival, das Folk, Country und Tanzkultur miteinander verbindet.
Wer verstehen möchte, wie sich Folk heute anfühlen kann, muss nicht weit reisen. Ein Abend mit George & His New Heartaches genügt. Zuhören ist dabei nur der Anfang. Der eigentliche Kern liegt auf der Tanzfläche und weckt die Neugier, tiefer in die Wurzeln dieser Musik einzutauchen und auch die weiteren Projekte der einzelnen Bandmitglieder zu entdecken.







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