Serie: Fünf Jahrzehnte deutsches Folkrevival (6)

Ein Gespräch über die frühen Siebziger, eine Folkband in der Provinz und darüber, was von dieser Zeit geblieben ist

17. Oktober 2026

Lesezeit: 14 Minute(n)

Wie war das eigentlich damals? Vor fünfzig Jahren spielten folker-Mitarbeiterin Almut Kückelhaus und Wilfried „Willie“ Burger gemeinsam in einer Irish-Folk-Gruppe. Bei einem Gespräch in Siegen blicken sie auf ihren Einstieg in die Welt der Folkmusik zurück. Die Serie zum deutschen Folkrevival der Siebzigerjahre im gedruckten Heft des folker soll hier um eine persönliche Sichtweise erweitert werden.
Interview: Almut Kückelhaus
Willie Burger und Almut Kückelhaus in Siegen 2026

Foto: Willie Burger

Wie waren wir, musikalisch, menschlich, als wir hier zum Studium ankamen?

Ich war absoluter Rock-’n’-Roll-, Blues- und Underground-Fan. Ich hatte vorher schon Musik gemacht, war Sänger in einer Top-40-Band. Wir haben Ende der Sechziger Pop- und Rockcover gespielt. Als ich dann 1971 zum Studium nach Siegen ging, war das vorbei. Hier hörten wir vor allem die damals angesagte Rhythm-and-Blues- und Rockmusik – Pink Floyd, Steamhammer und solche Sachen.

Hörst du diese Musik heute noch oder hast du die Richtung komplett gewechselt?

Ich höre sie immer noch, parallel zur irischen Musik. Meine Hörgewohnheiten sind inzwischen extrem breit. Ich habe in den Achtzigern viel Jazz und Klassik gehört, höre Bluegrass, Progressive Country, Singer-Songwriter. Ich bin auch sehr offen für Fusionsmusik, wenn Folk mit anderen Elementen verbunden wird. Die irische Musik ist heute ein Teil davon. Aber sie war natürlich 1972, als ich das erste Mal in Irland war, etwas ganz Entscheidendes. Da hatte ich Begegnungen, die mich überhaupt erst dazu gebracht haben, diese Musik selbst zu spielen.

Das verbindet uns. Ich bin mit klassischer Musik aufgewachsen. Folk war dann ein weiterer Bereich. Der hat manches verdrängt, aber nie ganz. Ich habe danach ja auch noch im Orchester gespielt, zuletzt in einer Oldieband. Aber es schadet nicht, einen solchen Hintergrund zu haben und trotzdem über lange Zeit zu sagen: Folk ist meine Musik.
„Dann habe ich die für hundert Mark gekauft.“

Die Folkmusik hat mich in den Siebzigern überhaupt erst zu den Instrumenten gebracht. Ich hatte vorher kein Instrument gespielt. Auf meiner ersten Irlandreise 1972 hatte ich dann diese Begegnung mit dem alten Geiger James Josie McHugh in Ardara im County Donegal. Auch John Gallagher, der in einem anderen Pub spielte, hat mich beeinflusst. Ich kam zurück und wollte Geige spielen. Hier in Siegen gab es einen kleinen Musikladen. Ich bin da hingegangen und habe gesagt: „Ich möchte eine gebrauchte Geige kaufen, weiß aber überhaupt nicht, wie viel man dafür ausgibt.“ Da war gerade ein Roma, der für seinen Sohn eine Geige aussuchen wollte. Ich habe ihn gefragt: „Wenn Sie von diesen dreien eine nehmen müssten, welche würden Sie nehmen?“ Er zeigte auf eine und sagte: „Das ist die Einzige, die man einigermaßen spielen kann.“ Dann habe ich die für hundert Mark gekauft.

Für einen Studenten damals ziemlich viel Geld.

Ja. Und dann musste ich natürlich anfangen zu üben. Zu Hause war das nicht so beliebt bei meinen Genossen, also habe ich mich auf halber Etage in unserem Haus auf dem Außenklo auf der halben Treppe einquartiert und dort so lange geprobt, bis die ersten sauberen Töne kamen.

Hat das dein Selbstbild verändert? Selber zu singen, zu spielen und damit letztlich auch an die Öffentlichkeit zu gehen? Für mich war das eine zusätzliche Identität: Ich bin jetzt Musikerin. Ich bin jetzt in einer Band. Das war so toll. Das will ich seit fünfzig Jahren immer noch haben.

Ich will mal ganz ehrlich sein: Als ich noch in der Popband gesungen habe, wollte ich natürlich die Mädchen beeindrucken.

Wofür lernt man sonst normalerweise Gitarre spielen? (schmunzelt)

Eben. Aber später war es mir schon wichtig, dass ich ein Stück Kultur dazugewonnen hatte. Ich merkte, dass die irische, überhaupt die keltische und auch die schottische Musik meine Seele berührte. In Ermangelung einer eigenen Musik, mit der ich etwas anfangen konnte – ich sage jetzt mal deutsche Folklore –, kam mir die irische Musik emotional viel näher. Diese melancholischen Balladen, die Rebel Songs. Und obwohl ich dann Geige lernte, war ich im Grunde immer Sänger. Das bin ich heute noch.

Für mich war es auch ein Stück Befreiung. Ich hatte Geigenunterricht und musste dort die vorgegebenen Dinge bis ins letzte i-Tüpfelchen nachvollziehen. Dann hörte ich Folkplatten, die meine Schwester aus Amerika mitgebracht hatte. Und das war für mich als Teenager ein Aha-Erlebnis: Hier spielen Leute aus dem Bauch das, was sie wollen und was sie bewegt.
„Wir haben uns völlig naiv eine fremde Kultur angeeignet.“

Ich bin kompletter Autodidakt. Bis heute spiele ich nicht nach Noten, sondern ausschließlich nach Gehör. Was mich berührt, versuche ich nachzuspielen. Was mich nicht berührt, lasse ich außen vor. Das ist eigentlich ein ganz einfaches Kriterium. Die Texte musste ich mir mühevoll aus den Langspielplatten heraushören oder später aus Kassettenaufnahmen. Da gibt es viele lustige Geschichten darüber, was man alles falsch hören kann.

Ich habe auch neben dem Uher-Tonbandgerät gesessen. Das hat meiner phonetischen Kompetenz im Englischen sehr gutgetan, weil ich unbedingt die letzten Silben aus einem Lied heraushören wollte. Wir haben uns im Grunde völlig naiv eine fremde Kultur angeeignet. Aber wir hatten überhaupt nicht das Gefühl, dass sie fremd war.

Diese Frage der kulturellen Aneignung haben wir uns damals natürlich überhaupt nicht gestellt. Als Deutsche hatten wir ein riesiges Vakuum. Die einen haben das mit Jazz gefüllt, andere mit Blues oder Rockmusik. Und wir haben es eben mit Irish und Scottish Folk gefüllt. Das war ein Stück meiner Identität. Und es war etwas Besonderes, weil ich dachte: Das ist Musik, die spielt nicht jeder.

Unsere gemeinsame Musik fiel genau in den Boom der Deutschfolkszene Mitte der Siebziger. Warum haben wir uns nicht wie Fiedel Michel dieser Welle zugewendet? Wir hätten ja vielleicht groß rauskommen können.

Ich wollte gar nicht groß rauskommen. Ich hatte völlig andere Dinge im Kopf, musste mich auf mein Studium konzentrieren und später auf die Arbeit. Die Musik war für mich immer eine leidenschaftliche Nebenbeschäftigung. Ich möchte allerdings den Begriff „Hobby“ vermeiden. Es war eine große Leidenschaft.

„Wir wollten die Welt verändern.“
Man zog in den Siebzigern, wenn es ging, in eine Wohngemeinschaft – aus praktischen, aber auch aus grundsätzlichen Überlegungen. Wie war das für dich, als du aus Gummersbach nach Siegen kamst?

Das war damals tatsächlich ein Sprung, als käme man von einer Kleinstadt in eine Großstadt. Siegen war eine Studentenstadt, damals noch Gesamthochschule. Aber wir hatten natürlich nicht nur das Studium im Kopf. Wir wollten die Welt verändern. Wir waren alle Mitglieder in der sozialistischen Basisgruppe.

Ach echt?

Ja. Wir waren Spontis. Und wir haben natürlich „Bella Ciao“, „Avanti Popolo“ und solche Sachen gesungen. Dann kamen die irischen Songs dazu: „Peat Bog Soldiers“, wie etwa von Luke Kelly gehört – die haben wir auch gegrölt. Und natürlich haben wir Partys gefeiert. Unsere Wohngemeinschaft war eine der Partyhochburgen in Siegen. Es gab noch eine andere WG in Weidenau, aber unsere waren berühmt und berüchtigt wegen Polizeieinsätzen und dergleichen. Alle wussten: In der Leystraße ist immer was los. Dann hatte Hajo sich eine Mandoline gekauft und ich mir meine Geige. Wir fingen an, die ersten Tunes zu lernen. Bei mir war es irgendein Jig in a-Moll, ich weiß gar nicht mehr, wie der hieß. Hajo spielte als ersten Jig „The Irish Washerwoman“. Und so kamen wir langsam in diese Tunes hinein.

Fuckin' Folk ca. 1975

Foto: Archiv Almut Kückelhaus

„Wir waren natürlich aufgeregt wie Harry. Aber es war auch ein Durchbruch.“

In dem Haus wohnte noch eine zweite WG mit einem Gitarristen und seiner Freundin, einer Blockflötenspielerin. Mit denen haben wir die ersten Stücke eingeprobt und schließlich eine Hausband gegründet. Wir brauchten natürlich einen Namen. Damals waren wir sehr begeistert von diesem irischen „Fuckin’ great, fuckin’“-Shit und so weiter. Also nannten wir uns Fuckin’ Folk. Mit Apostroph. Später kam Jürgen mit Handtrommel und Concertina dazu, den wir über politische Zusammenhänge kennengelernt hatten.

Dass es überhaupt ein Jugendzentrum gab, wo man sich präsentieren konnte, war doch einem ganz bestimmten Zeitfenster geschuldet. Fünf Jahre früher wäre das so wahrscheinlich gar nicht gegangen.

Nein. Wir hatten vorher ein Haus in der Austraße hinter dem Bahnhof besetzt und wollten dort ein Jugendzentrum etablieren. Wir haben politisch so viel Druck gemacht, dass die Stadtverwaltung schließlich ein Jugendzentrum eingerichtet hat: eine ehemalige Fabriketage. Ein riesengroßer Saal. vierhundert Leute passten da rein. Dort haben wir unser erstes Konzert gespielt, als Vorgruppe von Fiedel Michel, Tom Kannmacher und Jürgen Schöntges. Das war für uns ein unglaubliches Erlebnis. Wir waren natürlich aufgeregt wie Harry. Aber es war auch ein Durchbruch. Wir waren damals die einzige Irish-Folk-Band hier im Siegerland und wollten natürlich das Beste geben, was wir konnten.

Offensichtlich mit einigem Erfolg. Die positiven Rückmeldungen haben euch ja weiter motiviert.

Wir haben dann an verschiedenen Orten gespielt. Auch im Folkclub, den du mitgegründet hast. Einmal gab es ein Exklusivkonzert, einmal waren wir Vorgruppe von Hans Theessink. Wir haben dort viel Bühnenerfahrung gesammelt.

Und irgendwann kam ich dazu. Wir hatten uns, glaube ich, an der Hochschule getroffen. Eigentlich hatte ich mich für irische Musik gar nicht besonders interessiert. Ich war im Folkclub in Münster aufgewachsen, wo englische Gitarristen und Amerikaner ein- und ausgingen. Erst durch euch kam ich an das Irische.

Das Schöne war aber, dass du eine schöne Gitarre gespielt hast. Die fehlte uns. Und dann kam dieser legendäre Auftritt in Ferndorf als Vorgruppe von Werner Lämmerhirt.

Wo wir ziemlich danebengelegen haben. Wir hatten eine schlechte Kritik in der Zeitung und waren ziemlich am Boden zerstört.

Ich sehe das ein bisschen anders. Ich glaube, wir sind damals mit einem unglaublichen Selbstbewusstsein auf die Bühne gegangen. Wir wussten: Das ist etwas Besonderes, was wir da machen. Trotzdem ist dieser Gig ziemlich in die Hose gegangen.

Für die großen Bühnen und mehrere Hundert Menschen waren wir eigentlich noch nicht weit genug. Wir haben uns selbst überfordert. Und es war ja die Zeit, in der man zwanzig verschiedene Instrumente hatte, die alle gestimmt werden mussten. Das hat nicht immer funktioniert. Andererseits war es nicht schlimm. Es gab keine YouTube-Aufzeichnungen davon.

Neuer Auftritt, neues Glück.

Genau.

Wir haben dann irgendwann die Namen gewechselt. Fuckin’ Folk war irgendwann nicht mehr gesellschaftsfähig. Zwischendurch hießen wir Stuff, dann Drowsy Maggie und schließlich Southwind. Als ich Siegen schon verlassen hatte, kamen noch weitere Musiker dazu: Christian, den du aus Münster mitgebracht hattest, Klaus an der Gitarre, und Jürgen war weiterhin dabei.

Es war schon eine ziemlich eingeschworene Welt. Aber hatten wir eigentlich Kontakt zu Bands außerhalb von Siegen? Oder haben wir hier im eigenen Saft geschmort?

Wir waren hier die Platzhirsche. Aber natürlich wussten wir, dass man aus dem Siegener Saft keinen Nektar schlürfen konnte. Es gab noch Stefan Gessler und Frank Heppner, die mehr Bluegrass und Country machten. Aber viel mehr war da nicht. Den wirklichen Austausch gab es auf Festivals.

„Wichtig waren vor allem die Sessions in den Innenhöfen, wo man einfach zusammenkam.“
Für uns war Osnabrück wichtig – Folk in den Bergen war hier quasi um die Ecke. So viele Festivals gab es ja gar nicht.

In Osnabrück war das Interfolk-Festival. Wichtig waren vor allem die Sessions in den Innenhöfen, wo man einfach zusammenkam. Und dann gab es dieses Themenkonzert „Irland“. Da sind wir mit Southwind aufgetreten. Es gibt ein Foto, auf dem Michael Hughes von Morning Dew danebensitzt. Und der hat hinterher gesagt, dass es richtig toll gewesen sei. Das hat uns natürlich beflügelt.

Folk in den Bergen begann in Lennestadt-Grevenbrück in der Schützenhalle, ich glaube 1973. Später dann mehrmals auf den großen Wiesen. 1976 haben wir dort gespielt.

Wir waren eigentlich als Besucher hingefahren, hatten aber unsere Instrumente dabei, um Sessions zu spielen. Dann fiel eine Band aus, und man fragte uns, ob wir einspringen könnten. Ich habe mir für den Auftritt sogar eine echte griechische Bouzouki von Orfeo Greco ausgeliehen.

Eine griechische?

Ja, eine griechische, mit Bauch. Ich habe sie für den Auftritt auf Open Tuning umgestimmt.

Und anschließend verstimmt zurückgegeben.

Ja. Und es war über dreißig Grad heiß. Es war jetzt nicht unbedingt ein rauschender Erfolg.

So erinnere ich mich jedenfalls.
Willie Burger bei Folk in den Bergen

Foto: Archv Willie Burger

Aber vor achthundert Leuten gespielt zu haben, war schon wichtig.

Und du hast dich noch mit den Technikern angelegt, weil du dich über den Sound beschwert hast. Daraufhin hat der Techniker komplett den Saft abgedreht.

Der Sound war auch grottenschlecht.

Bis wir geklärt hatten, dass das nicht persönlich gemeint war.
„Wir hatten mit Tontechnik wirklich nichts an der Mütze.“
Wir sollten für die Nachgeborenen vielleicht festhalten, dass wir mit Tontechnik wirklich nichts an der Mütze hatten.

Absolut.

Keine Pedalboards, keine Knöpfchen, keine eigenen Verstärker. Wir haben uns darauf verlassen, dass bei der Bühne irgendjemand war, der das für uns regelt.

Wir hatten keine eigene Anlage und mussten immer nehmen, was da herumstand. Dabei habe ich irgendwann gemerkt: Das ist etwas, das ich mir unbedingt aneignen muss. Wenn die Soundtechniker Murks bauen, möchte ich irgendwann mitreden können.

Auch das war eine Erfahrung dieser Zeit.
„Geld spielte für uns überhaupt keine Rolle.“
Wir sollten auch über Geld sprechen. Durch die linken Gruppen war es ja geradezu verpönt, viel Geld verdienen zu wollen. Ich erinnere mich noch an die Aufregung, als Fiedel Michel für einen Auftritt nicht mehr vierhundert, sondern tausend Mark haben wollten – was ihrem Marktwert sicher angemessen war. Aber für uns spielte Geld eigentlich überhaupt keine Rolle.

Überhaupt keine. Wir waren froh, wenn wir ein bisschen Taschengeld bekamen und hinterher unsere Getränke und das Essen davon bezahlen konnten oder ein paar neue Saiten für die Instrumente. Das war alles.

Viel mehr kam auch nicht dabei rum.

Es war immer ein Zuschussgeschäft, wenn man Fahrtkosten und den Zeitaufwand dazurechnet.

Aber das war nie unser Ding.

Bei Folk in den Bergen ca. 1977

Foto: Archiv Almut Kückelhaus

„Vielleicht gibt es da etwas, das mir irgendwie in die Wiege gelegt wurde.“
Eine andere Sache ist die Identifikation. Du hast dir ja quasi einen irischen Spitznamen zugelegt. Und ich habe es auch genossen, in England einfach jemand anders zu sein, nicht mehr deutsch in diesem Sinne, sondern etwas Internationales. Hast du dich manchmal mehr als Ire gefühlt – oder fühlen wollen? Hattest du da eine irische Seele entdeckt? Und wie passt das mit der deutschen Herkunft und Identität zusammen?

Das ist eine ganz lange Geschichte. Ich wusste immer, dass ich Deutscher bin. Aber durch die Musik ist mein Englisch irgendwie „ver-irischt“ und „ver-amerikanischt“ worden.

Transatlantisch.

Transatlantisch. Ich habe mich irgendwann gefragt, warum mich diese Musik eigentlich so stark anspricht. Ob es einen historischen oder kulturellen Hintergrund gibt. Meine Mutter kommt aus Schlesien. Und ich habe mich gefragt, ob ein Zusammenhang zwischen der irischen Musik, einem keltischen Hintergrund und meinen familiären Wurzeln bestehen könnte. Belegen kann ich das nicht. Wenn ich aber zum Beispiel slawische Musik höre, die ebenfalls eine gewisse Melancholie hat, merke ich schon bestimmte Affinitäten. Vielleicht gibt es da etwas, das mir irgendwie in die Wiege gelegt wurde. Ich weiß es nicht. Mir fällt jedenfalls auf, dass ich auch bei Rockmusik stärker auf mollartige Stücke reagiere.

Wie dem auch sei: Hat dich das im weiteren Erwachsenenleben verändert? Dadurch, dass du diese Musik gespielt hast, in Irland warst, dich dort aufgehalten hast – hast du dadurch einen anderen Blick aufs Leben bekommen?

Auf jeden Fall. Ich habe in Irland gelernt, wie in den Kneipen Musik gemacht wird. Da werden Tunes gespielt, und plötzlich steht einfach jemand auf und singt ein Lied. Das ist eine Tradition, die ich hier in Deutschland so nicht kennengelernt habe. Und das fand ich immer sehr schön. Wenn ich in Irland war, habe ich deshalb immer wieder die Gelegenheit gesucht, mit den Leuten zusammenzuspielen. Später habe ich mich etwas zurückgehalten, aber in den letzten Jahren bin ich wieder stärker eingetaucht. Wenn ich heute meinen jährlichen Ausflug nach Irland mache, freue ich mich darauf, die Musiker wiederzutreffen, mit ihnen Musik zu machen, mich auszutauschen, zusammenzusitzen, ein bisschen zu singen und zu spielen und eine schöne Zeit zu haben. Das hat heute allerdings einen völlig anderen Charakter als damals. Damals war ich noch auf der Suche nach einer Identität. Heute habe ich zwei Bands in Bremen, die ich mehr oder weniger selbst gegründet habe. Mit der Josie White Revival Band spiele ich seit fünfunddreißig Jahren, mit den Valentine Boys seit drei Jahren. Die irische Musik spielt in beiden eine Rolle, aber nicht nur. Wir gehen auch zurück zu meinen eigenen Wurzeln: den Kinks, den Stones, Pink Floyd, den Eagles, den Dire Straits und all diesen Sachen. Es macht mir unglaublich viel Spaß, diese Musik mit ein paar irischen Sachen zu kombinieren.

Plakat der Gruppe Southwind ca. 1978

Foto: Archov Willie Burger

„Dafür brauche ich keine Szene.“
Würdest du dich eigentlich als Teil einer Folkszene beschreiben? Du hast so viel gemacht, organisiert, gespielt und bist sehr gut vernetzt.

Nein, ich bin nicht Teil der Folkszene. Wenn ich etwas gemacht habe, waren das meistens lokal begrenzte Geschichten, vor allem in Bremen. Dort habe ich mein eigenes Musikformat als Gastgeber entwickelt: „Willie’s Friday and Saturday’s Burger“. Da habe ich viele wunderbare Musiker kennengelernt. Das Konzept war ja gerade, dass ich die Leute treffe, sie kennenlerne und als Gastgeber mit ihnen zusammen Musik mache. Mit der eigentlichen Szene hatte ich immer nur punktuell zu tun. Die hat sich in den Achtzigern und Neunzigern weiterentwickelt und ist immer professioneller geworden. Später gab es dann diese deutsche Irish-Folk-Szene. Die kennen sich meistens untereinander und wollen alle so gut spielen wie ihre Vorbilder. Damit habe ich nichts zu tun. Ich habe immer gesagt: Das, was ich spielen kann, spiele ich so gut es geht – und dafür brauche ich keine Szene.

Es gibt ja seit Jahrzehnten die Klage, dass unsere Form von Musik zu wenig Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit bekommt – zu wenig Veranstaltungsräume, zu wenig Medien. Früher gab es im WDR regelmäßig Folkmusik, vieles davon ist verschwunden. Was kann man dagegen tun, dass wir in unserer Nische fröhlich vor uns hinfiedeln, aber keine Außenwirkung haben?

Das ist eine Frage, die ich eigentlich genauso beantworten kann wie die vorherige. Es interessiert mich gar nicht.

Gar nicht?

Nein. Was ich in meinem begrenzten Bereich mache, damit habe ich schon genug um die Ohren – im wahrsten Sinne des Wortes. Ich habe in Bremen in den letzten zehn Jahren meine kleine Musikreihe aufgebaut. Damit bin ich vollkommen zufrieden.

Vielleicht ist das ja auch eine ziemlich konsequente Fortsetzung von dem, womit wir damals angefangen haben.

Ja. Musik machen. Leute treffen. Zusammen spielen.

Und nicht unbedingt eine Karriere daraus machen.

Genau.

Dann sind wir vielleicht wieder am Anfang.

Vielleicht.

Valentine Boys im April 2026

Foto: Almut Kückelhaus

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Aufmacher:
Fuckin' Folk ca. 1975

Foto: Archiv Almut Kückelhaus

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