Hein & Oss Kröher beim Eurofolkfestival Ingelheim 1974

Mit Zuschuss oder auf eigenes Risiko – Folkfestivals in der BRD in den 1970ern

26. Juni 2026

Lesezeit: 5 Minute(n)

Schon seit einiger Zeit häufen sich die fünfzigjährigen Jubiläen im Rahmen des Deutschfolkrevivals der 1970er-Jahre – Musikschaffende, Festivals, Clubs, Plattenlabel, Tonstudios … Und weil die Erinnerung an die damalige Zeit zu verblassen droht, gerade auch im Hinblick auf die wieder zunehmend folkaktive Jugend, hat die folker-Redaktion beschlossen, in einer vierteiligen, über alle Ausgaben 2026 verteilten Serie diverse Aspekte dieses Revivals ein wenig genauer vorzustellen. Diesmal: Die ersten Folkfestivals der damaligen Zeit.
Text: Bernhard Hanneken

Die Silberrücken in der Folkgemeinde schwören Stein und Bein: Das erste deutsche Folkfestival fand 1964 (und dann bis 1969) auf der Burg Waldeck statt. Aber wie das bei Legenden oft so ist, vermischen sich Dichtung und Wahrheit. Denn Ziel der damaligen Treffen im Hunsrück war es, eine Plattform für das zeitgenössische Lied zu schaffen. Auf der Waldeck sangen, größtenteils erstmals öffentlich, die Degenhardts und Meys und Waders dieser Republik. Traditionelles Lied und Folkmusik musste man mit dem Mikroskop suchen; wenn, dann gab es Folklore – halt das, was die jugendbewegten Organisatoren auf ihren Fahrten kennengelernt hatten. Auch Peter Rohland, Pionier der Wiederentdeckung eines demokratischen deutschen Volksliedes, oder die Zwillinge Hein & Oss Kröher sangen ein gemischt deutsch-internationales Repertoire, Karl Wolfram Minnelieder, Christof Stählin englische Lieder des Frühbarock. Nein, ein Folkfestival fand auf der Waldeck nicht statt. Aber die Festivals hatten in anderer Hinsicht Vorbildcharakter, „haben mit ihrer Struktur, mit der Mischung aus kleinen Studiokonzerten, großen Abendkonzerten, Hootenannies und mit den Referaten und Diskussionen in ‚Workshops‘ und Arbeitskreisen alle epigonalen und nachfolgenden Festivals beeinflusst, ja sogar entscheidend geprägt“ (Reinhard Hippen).

Liederjan beim WDR-Folkfestival Ende der 1970er

Filmstill, Archiv Bernhard Hanneken

Inhaltliche Nachfolger der Waldeck-Festivals waren vor allem solche, die sich um den Begriff „Song/Lied“ und eine dezidiert politische Aussage scharten wie das Open-Ohr-Festival in Mainz oder die Festivals in Tübingen. Eckard Holler vom Club Voltaire: „Der Club Voltaire veranstaltete seit 1973 vor allem Folkkonzerte und befasste sich in eigenen theoretischen Seminaren mit den kulturtheoretischen und historischen Hintergründen der Folkbewegung. Diese Tätigkeit fand schließlich in den Tübinger Festivals seit 1975 ihren konzentrierten Ausdruck und jährlichen Höhepunkt, der zugleich auch über Tübingen hinaus als bedeutend anerkannt wurde: Die jährlichen Festivals wurden gleichsam als Meilensteine in der Entwicklung der alternativen Kulturszene angesehen, an denen man auch andernorts die kulturelle Arbeit orientierte.“

Anfang bis Mitte der 1970er-Jahre schossen überall in der Bundesrepublik Folkclubs aus dem Boden (der erste entstand bereits 1968 in Münster: Hy Brasil). Unter „Folkclub“ – Klub wurde mal mit K, meist aber mit C geschrieben – subsumierten sich eine ganze Reihe unterschiedlichster Strukturen und Veranstaltungsformen. Manche bekamen Zuschüsse seitens der Stadt, die meisten jedoch arbeiteten auf eigenes Risiko. So war Selbstausbeutung bei den Betreibern an der Tagesordnung, was sie aber nicht davon abhielt, nach Größerem zu streben: Ein Festival wäre doch eine feine Sache!

Liederjan beim WDR-Folkfestival Ende der 1970er

Filmstill, Archiv Bernhard Hanneken

„Die jährlichen Festivals wurden als Meilensteine in der Entwicklung der alternativen Kulturszene angesehen.“

Das hatte sich schon Jahre zuvor der jugendbewegte Siegfried Maeker gedacht, der sich später vor allem durch sein unermüdliches Engagement für die Musik der deutschen Roma und Sinti unschätzbare Meriten erwarb: Er hatte bereits im Herbst 1962 – also zwei Jahre vor Waldeck! – in Bonn-Bad Godesberg ein Folkfestival organisiert. 1968 startete Willy Schwenken in Osnabrück das Interfolk-Festival; 1969 entstand die Harlekinade in Ludwigshafen, 1972 das Eurofolkfestival in Ingelheim, das in den 1970er-Jahren so etwas wie der Kristallisationspunkt westdeutscher Folkfestivalkultur war. 1973 folgten Erlangen, Braunschweig sowie Folk in den Bergen im sauerländischen Lennestadt; auch Witten oder Bonn leisteten sich Folkfestivals (die Liste ist sehr unvollständig). 1976 versammelten sich in Nürnberg erstmals die zeitgenössischen Liedersänger zum Bardentreffen (siehe auch Interview dazu ab Seite 40); im gleichen Jahr stieg der WDR in den Trend ein: Jan Reichow, Leiter der Hörfunkabteilung Volksmusik, konzipierte mit Fernseh-Jugendfunk-Redakteur Dieter Kremin eine eintägige Veranstaltung, die live in Funk und Fernsehen übertragen wurde. Das WDR-Folkfestival, 1997 in WDR-Weltmusikfestival umbenannt, gab es bis in das Jahr 2000.

Eine so lange Lebensdauer war kaum einem anderen Festival beschieden. Diese waren einige Jahre erfolgreich, bis persönliche oder finanzielle Entwicklungen die Macher aufgeben ließ: Folkfestivalorganisation war kein Job, von dem man leben konnte. Zudem stellte manche Stadtverwaltung irgendwann die Unterstützung ein. Was aber beispielsweise in Ingelheim dazu führte, dass die Folkies die Sache selbst in die Hand nahmen: Sie fanden die Atmosphäre rund um die Burganlage einfach zu idyllisch und kamen trotzdem. 1986 schien alles vorbei, doch man berappelte sich, und so fand Anfang Juni 2026 das 54. Eurofolkfestival in der Stadt nahe Mainz statt.

Programmheftcover des Festivals deutsches Volkslied 1977

Archiv Bernhard Hanneken.jpg

Eine Veranstaltung sei hier noch erwähnt, die inhaltlich eine große Bedeutung hatte: Für das Festival deutsches Volkslied 1977 versammelte das Deutsche Volksliedarchiv (fast) alle Aktiven aus der Bundesrepublik Deutschland und der Schweiz für eine Art Bestandsaufnahme der (west)deutschen Folkszene. Das Festival war allerdings ein Unikat und taugte schon deswegen nicht dazu, die Bedeutung zu erlangen, die in England beispielsweise das Cambridge Folk Festival, Tønder in Dänemark, Dranouter in Belgien, Falun in Schweden oder die Lenzburg in der Schweiz hatten. Was auch kein anderes Festival in der BRD schaffte. Woran lag’s? Die Entfernung mag eine Ursache gewesen sein – als Ende der 1970er-Jahre Helmut Debus aus Brake bei Bremen sowie Linnenzworch aus Winterbach bei Stuttgart in Bonn auftraten, war das für den einen der südlichste und für die anderen der nördlichste Spielort ihrer Karriere. Da fuhr der Folkfreund aus Hamburg doch lieber nach Dänemark und der aus Bayern in die Schweiz, als quer durch die deutsche Republik zu gurken. Zumal auch mancher Folkfan urdeutsch dachte: Die einzig wahre Folkmusik wird woanders gespielt; bei uns gibt es nur einen Aufguss. Vielleicht fehlte aber auch dem einen oder anderen Veranstalter die Vision, der Ehrgeiz, die Struktur, das Personal, die finanziellen Mittel (oder gleich alles), groß zu denken, um das lokale Festival auf eine internationale Ebene zu hieven.

Bis Mitte der 1980er-Jahre lösten sich jedenfalls viele Folkclubs auf, Musiker und Musikerinnen wandten sich „richtigen“ Brotberufen zu, und damit ging auch die Zeit der größeren Folkfestivals zu Ende.

3
Autor:

Bernhard Hanneken war von 1979-1983 sowie 1988-1995 Chefredakteur des folker-Vorgängers Folk-Michel. Seit 1979 veranstaltet er Folkkonzerte und -festivals und ist seit 1991 künstlerischer Leiter des Rudolstadt-Festivals.

Wie geht es weiter?

In Heft #3.26 beschäftigen wir uns im Rahmen der Serie anlässlich des fünfzigsten Jahrestages der ersten DDR-Folkwerkstatt im Oktober 1976 in Leipzig mit der Geburtsstunde und Entwicklung der ersten Jahre der ostdeutschen Folkszene.

Aufmacher:
Hein & Oss Kröher beim Eurofolkfestival Ingelheim 1974

Foto: Viktor Brüchert (mit freundlicher Genehmigung von Uli Holzhausen)

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Werbung

L