Serie: Fünf Jahrzehnte deutsches Folkrevival (4)

Fünfzig Jahre Bardentreffen in Nürnberg – Rainer Pirzkall im Gespräch

26. Juni 2026

Lesezeit: 5 Minute(n)

Sie waren alle dort: Alan Stivell, Achim Reichel, Guðrið Hansdóttir, die Leningrad Cowboys, Chumbawamba, Heinz Rudolf Kunze, Wolf Biermann. Das Nürnberger Bardentreffen ist eines der größten Open-Air-Festivals Europas und feiert jetzt sein fünfzigjähriges Jubiläum. Aus der Idee, den vierhundertsten Todestag von Hans Sachs 1976 mit einem besonderen Event zu würdigen, wurde ein international bekanntes Musikfestival. Seit 2014 ist Rainer Pirzkall künstlerischer Leiter des Festivals, das bis heute „umsonst und draußen“ stattfindet. Der folker hat ihn zum Interview gebeten.
Interview: Petra Rieß
Fünfzig Jahre Songpoesie aus aller Welt

Mit 50 Jahren Bardentreffen und dem 450. Todestag des Meistersingers Hans Sachs feiert Nürnberg im Sommer 2026 zwei Jubiläen, die Vergangenheit und Gegenwart der Liedkunst miteinander verbinden. Vom 30. Juli bis 2. August stehen internationale Songpoetinnen und Lieddichtkünstler der Gegenwart im Fokus. Das Programm spannt dabei den gewohnt weiten Bogen von Global Pop über Folk bis hin zu Musikkabarett. Auf den acht Bühnen des offiziellen Programms werden unter anderem zu erleben sein: Sarah Lesch, Deitsch, Maxi Pongratz, Stoppok & Artgenossen, Lavinia Mancusi, Frigg, Svavar Knútur, Ganstagrass, Mari Froes oder Eläkeläiset. Dazu kommt jede Menge Straßenmusik sowie gemeinschaftliche Singaktionen zum Auftakt. Das Gesamtprogramm mit rund hundert offiziellen Programmpunkten wird am 19. Juni auf der Bardentreffen-Website veröffentlicht. Zudem wird es eine umfangreiche Programmheft-Sonderedition geben mit Beiträgen und Impressionen aus fünfzig Jahren Festivalgeschichte. Alle Infos unter www.bardentreffen.nuernberg.de.

Rainer Pirzkall

Foto: Maria Beyer

„Wenn Du heutzutage ein Festival in dieser Dimension in der Innenstadt starten wolltest, würdest Du wahrscheinlich so leicht keine Genehmigung mehr bekommen.“

Es ist schon ein erstaunliches Stück Geschichte … 1976 war schon der Bayerische Rundfunk mit an Bord, und Thomas Gottschalk moderierte die ersten Konzerte. Welche Erinnerungen hast du denn an dein erstes Bardentreffen?

Ich habe nur noch vage Bilder im Kopf, dass ich mit meinem Bruder im Burggraben stand, alles war voller Menschen, und auf der Bühne wurde afrikanische Musik gespielt. Das ist meine erste Erinnerung. Es ist auf jeden Fall lange her, und ich war damals noch ein kleiner Steppke.

Aus dem kleinen Steppke wurde ein Musiker und Kulturmanager. Du hast vor zwölf Jahren das Ruder von Charly Fischer übernommen. Was war seine Bedeutung für das Bardentreffen und für dich?

Charly Fischer hat als Festivalleiter das Bardentreffen fast drei Jahrzehnte nachhaltig gestaltet, weiterentwickelt und geprägt. Insofern muss seinem Schaffen für das Festival eine große Bedeutung beigemessen werden. Wir konnten drei Jahre zusammenarbeiten, in denen er mir so manchen Kniff anvertraut hat und ich viel von ihm lernen konnte. Wir treffen uns regelmäßig und sind enge Vertraute geworden – verbunden durch die Liebe zur Musik und zum Bardentreffen.

Dieses Mekka findet in einer Metropole mit einer halben Million Einwohner:innen statt. Gibt es da nie Sicherheitsprobleme?

Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es natürlich nie, aber wir tun viel, um nahe ranzukommen. Wir sind immer im engen Austausch mit Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst und den Sicherheitskräften. Es hat aber auch etwas mit gelebter Tradition zu tun und damit, dass sich die Stadtgesellschaft an dieses Festival und die Menschenmengen gewöhnt hat. Wenn Du heutzutage ein Festival in dieser Dimension in der Innenstadt starten wolltest, würdest Du wahrscheinlich so leicht keine Genehmigung mehr bekommen.

Das Bardentreffen wurde damals zum 400. Todestag von Hans Sachs ins Leben gerufen, und jetzt zum 450. feiert ihr das fünfzigjährige Festivaljubiläum. Was bedeutet denn die Hans-Sachs-Tradition für euch Nürnberger?

Es ist schön, dass Du das ansprichst, weil ich glaube, dass viele Hans Sachs und seine Verbindung mit dem Bardentreffen und der Geschichte des Meistergesangs gar nicht mehr auf dem Schirm haben. Deswegen freuen wir uns, dies zum Jubiläum wieder in den Fokus zu rücken und die Geschichte dahinter zu erklären. Hans Sachs ist ein absolut spannender Charakter. Seine Zeit war das sechzehnte Jahrhundert, es war die Zeit Albrecht Dürers, des ohne Zweifel berühmtesten Bürgers Nürnbergs. Hans Sachs ist zwar nicht ganz so bekannt wie der Maler, aber er hat in der Literatur einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Es sind rund 6.000 Werke von ihm verzeichnet! Darunter Meisterlieder, Gedichte, Schwänke oder Fastnachtsspiele. Und er hat es vor allem geschafft, dass die Literatur für das Volk interessant wurde. Der Meistergesang befasste sich vorwiegend mit religiösen und moralischen Themen. Hans Sachs zeichnete sich dadurch aus, dass er auch humoristische und alltagsnahe Stoffe aufgriff und damit einem breiteren Publikum zugänglich wurde. Er war volksnah und auch ein großer Fan von Martin Luther und der Reformation.

Wieland Barthelmeß, Uve Hagen Schulz und Christian Eckardt (stehend), beim Bardentreffen 1978

Foto: Stadt Nürnberg

Damals, 1976, gab es in Deutschland noch nicht allzu viele Open-Air-Festivals. Seither ist viel Wasser die Pegnitz hinabgeflossen. Wie hat sich das Festival verändert?

Das Festival hat sich enorm entwickelt – in mehreren Dimensionen. Am offensichtlichsten ist wohl die Vielzahl von Besuchern. Bei der allerersten Ausgabe waren es rund 20.000 Gäste, die an den ersten Bühnen und Spielorten standen. Bühnen kann man das eigentlich gar nicht nennen, das waren eher Holzbretterplattformen. Man stellte sich halt als Liedermacher – meistens waren es damals Liedermacher und keine Liedermacherinnen – mit seiner Klampfe auf die Bühne und trällerte los. Auch damals schon an verschiedenen Orten der Innenstadt. Dieses Konzept ist gleichgeblieben. Das gilt auch für den freien Eintritt – auch das ist bis heute so. Mittlerweile erwarten wir jedoch gut 200.000 Menschen. Über die Jahre hat sich eine professionelle Festivalorganisation entwickelt, die den aktuellen Standards entspricht. Insgesamt gibt es circa hundert kuratierte Konzerte auf acht großen Bühnen und Seitenbühnen, mit moderner Technik und Infrastruktur. Dazu kommen noch die vielen Straßenmusikerinnen und Straßenmusiker, die diesen ungezwungenen Charakter mit reinbringen und bestimmt fünfzig Prozent dieses Festivalfeelings ausmachen.

Die kann man auch gar nicht so leicht kontrollieren, oder?

Wir veröffentlichen Spielregeln für die Straßenmusik. Das ist eine geliebte und gelebte Tradition geworden. Man kann sich durch die Straßen und Gassen treiben lassen, und alles läuft friedvoll. Es gibt zum Beispiel die Regel, dass man nicht länger als eineinhalb Stunden am gleichen Ort stehen und spielen soll, um auch anderen einen Auftritt zu ermöglichen. Es hat sich in der Szene mittlerweile herumgesprochen, dass das Bardentreffen ein kleines Mekka für Straßenmusik geworden ist.

Aleksander Kulisiewicz beim Bardentreffen 1981

Foto: Stadt Nürnberg

Und er war ein Handwerker, kein Bürgerlicher …

Exakt! Er war Schuhmachermeister. Singen und Schreiben war quasi sein Nebenberuf. Die Tradition des Meistergesangs war eng mit Handwerksinnungen verknüpft, sehr viele Handwerker haben die Kunst des Meistergesangs praktiziert. Nicht um damit Geld zu verdienen, sondern einfach, um die Kultur in den Alltag mit hineinzubringen. Was für ein tolles Ansinnen! Auch aus heutiger Sicht ist das einfach nur begrüßenswert.

Das Bardentreffen würde Hans Sachs vermutlich gut gefallen. Ihr habt euch für das Jubiläum ein besonderes Event am Hauptmarkt mit dem Hans-Sachs-Chor ausgedacht.

Ja, dieser Nürnberger Chor darf nicht fehlen! Der Hans-Sachs-Chor wird zum Auftakt ein Programm bieten, das eine Brücke zwischen der Musik der Renaissance und der Popularmusik von heute schlägt. Und im Anschluss daran wird es ein großes Crowdsinging geben. Das Publikum kann mit der Band Sing dela Sing bekannte Popsongs der letzten fünf Jahrzehnte singen – von den Beatles bis Oasis –, und die Texte dazu gibt es auf einer großen LED-Wand an der Hauptbühne. Nürnberg ist die Stadt der Meistersinger, und wir wollen zeigen: Wir sind alle Meistersinger! Wer gemeinsam singt, der harmoniert miteinander und hat ein friedvolleres Leben.

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