Ansa Sauermann

Den Finger in die Wunden legen

25. September 2026

Lesezeit: 4 Minute(n)

Der ostdeutsche Singer-Songwriter hat ein aufrüttelndes Album eingespielt, mit dem er gegen die Spaltung der Gesellschaft ansingt.

Text: Erik Prochnow

Es musste einfach alles raus. „Da hat sich über die Jahre seit der Pandemie eine Menge Wut, Empörung und Enttäuschung aufgestaut und in meinen Songs Bahn gebrochen“, sagt Ansa Sauermann. Auf seinem im Frühjahr erschienenen vierten Album Gehts noch tauschte der 37-Jährige nicht nur die Akustik- gegen die Elektrogitarre. Im Gegensatz zu seinem ruhigeren und melancholischeren Vorgänger Du kriegst was du brauchst lässt er es diesmal richtig krachen.

In den elf treibenden Rocksongs, die an seine anfänglichen Einflüsse der Toten Hosen oder der Ramones erinnern, singt sich der seit 2008 in Wien lebende Künstler seinen Frust von der Seele. Über das wachsende Misstrauen gegenüber dem Staat, das Erstarken der AfD, die große Kluft in der Gesellschaft zwischen Links und Rechts oder Reich und Arm, die Ablehnung von Qualitätsjournalismus, den zunehmenden Populismus und den Verlust einer Gesprächskultur – kein Thema lässt er aus.

„Es ist sicherlich mein politischstes Album“, sagt Sauermann, der seine Wurzeln immer noch in Dresden sieht, wo auch seine Band lebt. Er will kein moralischer Lehrmeister sein, aber er will den Finger in die Wunden legen. Zudem hat er das Gefühl, dass ihm seine Wahlheimat einen objektiveren Blick auf Deutschland ermöglicht. Denn die allgemeinen gesellschaftlichen Herausforderungen sieht er nicht als ein rein ostdeutsches Problem mit ihrer DDR-Vergangenheit und der nie aufgearbeiteten Naziherrschaft im Kommunismus. „Für mich geht es um etwas Größeres, etwas Existenzielleres“, so der Musiker. „Der gesunde Menschenverstand geht immer mehr verloren, und die Aufmerksamkeitsspanne schrumpft auf drei Sekunden.“ Die Fronten verhärtete sich dadurch immer mehr, gemeinsame Lösungen für die drängenden Probleme seien nicht mehr möglich. So könnte eine Gesellschaft aber auf Dauer nicht funktionieren.

Ansa Sauermann

Foto: Promo

Aus seiner Sicht hätten eine Reihe von Krisen wie die Pandemie, der Krieg in der Ukraine oder der Klimawandel dazu geführt, dass die Menschen sich gegen den Staat wenden oder in Verschwörungstheorien verlieren. In seinem Song „Schlaf gut“ fordert er daher Linke wie Rechte auf, endlich aufzuwachen. Für Sauermann beschränkt sich das nicht allein auf die Politik. „Für mich geht es besonders auch um die Menschenwürde, etwa den Umgang mit Frauen oder Homosexualität.“ Mit dem fiktiven Charakter Tim Telegram kritisiert er zum Beispiel ironisch das undemokratische Verhalten in den sozialen Medien, populistische Statements ungefragt zu verbreiten. In der ersten Single „Frühstück bis Zehn“ äußert er zudem seinen Frust darüber, dass man sich anstrengen könne wie man wolle und dann doch Steine in den Weg gelegt bekomme. In „Es tut mir leid“ wiederum behandelt er die weit verbreitete Schwierigkeit, Fehler einzugestehen. Und natürlich geht es in seinen Songs auch immer wieder um Liebe – vor allem dann scheint seine bislang bekannte sanfte Art des Liedermachers durch.

Sauermann ist mit der Tochter des bekannten Liedermachers Pippo Pollina, Madlaina Pollina, verheiratet, die selbst mit ihrem Duo Steiner & Madlaina erfolgreich ist. Auf seinem Album finden sich gleich zwei Gesangsduette mit ihr. So feiern die beiden Musiker in dem hervorragenden Rocksong „Schlüssel zur Stadt“ ihre Liebe in Wien. Nur zwei Lieder später kritisieren sie dann in „Liebeslieder“ (braucht man nicht), dass die Musik in einer kapitalistischen Welt oft als brotlose Kunst angesehen wird. „Für mich ist das Album deshalb auch sehr persönlich“, resümiert Sauermann. Es sei geradezu ein Abgrenzungs- und Befreiungsversuch, um sich von all dem zu distanzieren, was er in Ostdeutschland und derzeit in der Welt erlebe.

Ansa Sauermann

Foto: Olaf Weiss Photography

Zum ersten Mal hat er ein gesamtes Album in seinem Heimstudio bis ins Detail vorproduziert, bevor er es mit seiner Band verfeinerte und dann in den Berliner Panorama Studios von Alex Sprave live einspielte. Doch die Songs befinden sich im ständigen Wandel. So wird er ab November auf ausgedehnte Solotour gehen und nicht nur ältere Songs spielen, sondern gerade die aktuellen, schlagzeuglastigen Stücke in neuem Gewand präsentieren. Auch wenn er gerne solo unterwegs ist, drängt ihn dazu auch die schwierige Situation der Musikbranche. „Vor Corona konnte ich noch Deals abschließen, in denen ich siebzig Prozent von den Einnahmen plus 1.500 Euro Fixgehalt bekam. Wenn ich jetzt fünfzig Prozent ohne Fixgehalt bekomme, ist das normal, und ich muss weiterhin alles bezahlen“, sagt Ansa Sauermann.

Um zu zeigen, dass er sich seine Gesellschaftskritik sehr zu Herzen nimmt, pflegt der Musiker in den sozialen Medien mit seinen Fans einen offenen und direkten Umgang. So postete er unumwunden, dass sie doch sein Album verbreiten und auch unter der Woche kleinere Konzertacts wie ihn unterstützen sollten, wenn sie weiterhin handgemachte Musik hören wollen.

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Aufmacher:
Ansa Sauermann

Foto: Susanne Hassler-Smith

Link:
Aktuelles Album:

Gehts noch (AdP Records, 2026)

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