Die Folkszene in Österreich

Eine Momentaufnahme aus einem sehr persönlichen Blickwinkel

24. Juni 2026

Lesezeit: 6 Minute(n)

folker präsentiert: Rudolstadt-Festival 2026
Text: Simon Wascher

Wo endet traditionelles Lied, beginnt Folk, wo endet Pop? Am Schrammel.Klang.Festival* im Juli etwa singen und spielen immer wieder Ernst Molden – „Liedermacher und Dichter“ (Selbstbezeichnung) –, der Nino aus Wien – „Liedermacher und Literat“ (Wikipedia) –, Agnes Palmisano – „Die Königin des Wiener Dudlers“ (Wiener Konzerthaus) –, Kollegium Kalksburg – Proponenten des „Neuen Wienerlieds“ (Wikipedia), ein Ensemble, das sich vor allem durch Texte in lokaler Umgangssprache und Dialekt sowie durch akustisches Musizieren auszeichnet –, Karl Stirner – Komponist und Musiker –, die Tanzgeiger – Walzer/Polka/Boarisch-Partie, gegründet vom Geiger und Musikwissenschafter Rudi Pietsch –, die Hermann Fritz Banda, Rudi Koschelu – „Musiker, Sänger, Komponist“ (Wikipedia) –, die Strottern, die Neuen Wiener Concert Schrammeln und die vielen anderen, deren Namen wichtig zu erwähnen wären, die diesen Text aber in ein Verzeichnis verwandeln würden, sie spielen alle nebeneinander und miteinander, so wie auch übers Jahr beim Hengl-Haselbrunner in Wien.

Es gibt eine lange Tradition, das Repertoire amerikanischer Singer/Songwriter zu importieren, zu transformieren, im eigenen Dialekt zu rezipieren und zu singen, etwa durch die Kunstfigur des Dr. Kurt Ostbahn – Willi Resetarits aus dem burgenländisch-kroatischen Dorf Stinatz, verstorben 2022 und sicher noch lange betrauert. Die Abgrenzung zwischen Wiener Lied und Bluesballade verschwimmt dabei genauso wie die Grenze zwischen Gstanzl und Rap – „da Dog is a Hund“, so Attwenger, die in den 1980er-Jahren als Teil der Linzer Stadtwerkstatt gemeinsam mit Hermann Fritz, Gotthard Wagner und anderen begannen, im Unterleiberl die deutschnational durchseuchte Volksmusikpflege im Unterleiberl aufzumischen, und die heute auch als die Goas beim Musikalischen Adventkalender im Wiener Weinhaus Sittl ausverkauft sind, obwohl man sie doch mit ihrem heutigen Sound als Attwenger eher dem Dub oder Techno zurechnen könnte.
Die Bezeichnungen der Liedtraditionen wie Wiener Lied, Gstanzl und Gstanzlsingen spiegeln eher die Genreerwartungen des Publikums wider als die Musik. Auch Roland Neuwirths Extremschrammeln bilden diese grenzenlose Praxis des Übergangs ab, die mit den Erwartungen Katz und Maus spielt.

„Die Abgrenzung zwischen Wiener Lied und Bluesballade verschwimmt genauso wie die Grenze zwischen Gstanzl und Rap.“

Die oft ausgezeichnet ausgebildeten Musikerinnen und Musiker wirken dabei vielfach genreübergreifend. An einem Abend Tanzgeiger, am nächsten Black Market Tune oder Tanzhausgeiger oder Landstreich oder Hermann Fritz Banda. Dadurch kennen sich die Szenen auch gut. Irgendwie sind es doch immer wieder dieselben Leute, oft auch im Publikum. Man fährt nach Litschau zu Schrammel.Klang und von dort nach Johnsbach zur Musikwoche von Hermann und Ingeborg Härtel von den Citoller Tanzgeigern, trinkt ein paar Wochen später Weißen Spritzer beim Hengl bei den 16er Buam, nimmt mit der Bodhrán in Lockenhaus am Trad Music Workshop teil und ist Stammgast beim Folktanz im Achillion oder beim organic dancefloor bei Frau Mayer mit „Jam Sessions, Living Music, Food & Drink“. Manche fahren auch nach Genetinnes, Korrö, Vialfrè, Warschau, Hösseringen, Regen, Marsinne.

In Wien gibt es immer montags einen privat organisierten Semesterkurs Folkensemble – das Folk Fiddle Ensemble Wien –, es gibt ein Masterstudium Ethnomusikologie, es gibt das Fach Weltmusik an der Musikschule Simmering (Dudelsack, Folkklarinette, Maultrommel, Jodeln, Instrumentenbau mit Naturmaterialien, Saxofon …), Unterricht für Saz, Chöre von bulgarisch traditionell bis Volkslied, Studiengänge für Songwriting und so weiter und so fort.

Die Tanzgeiger

Foto: Stephan Mussil

„Die Bezeichnungen der Liedtraditionen spiegeln eher die Genreerwartungen des Publikums wider als die Musik.“

Zugleich gibt es in Österreich schon seit vielen Jahren kein Folkfestival im engeren Sinn mehr, nacheinander sind sie alle eingegangen oder haben ihre „musikalischen Bandbreite stetig erweitert. Als Folkfestival erdacht, zum Musikfestival geworden“, so steht es in der Selbstdarstellung des Wackelsteinfestivals, so ist es auch beim Internationalen Musikfest in Waidhofen an der Thaya, das immer noch – seit 45 Jahren – vom Folk-Club Waidhofen veranstaltet wird. Die schwedische Band Hoven Droven mit Kjell-Erik Eriksson spielte vor Jahren ein Konzert im bekannten Venue Szene Wien vor fünf Leuten im ansonsten leeren Saal, um anschließend in Slowenien sechs ausverkaufte Konzerte zu geben.

Nun, was beschreibt Österreichs Folkszene wahrhaftiger? Ich denke es sind eben alle diese Gegensätze. Wichtige Faktoren im Hintergrund sind das langsame, aber stetige Schwinden der Kulturförderungen. Viele regional veranstaltende Kulturvereine hungerten nach und nach aus, dominant wurden die – oft politisch konservativen – Volkskulturabteilungen der Bundesländer und deren Landesmusikschulen, die als Arbeitgeber für Musikschaffende am Land oft die letzte Zuflucht sind. Auch die Ausbildung im Kulturmanagement, die auf die förderrichtliniengerechte Absorption von Kulturbudgetmitteln spezialisiert ist, und der Druck, Kulturbudgets juristisch sattelfest, vollständig und ohne Wiederkehr zur Absorption zu bringen, spielen eine große Rolle. Häufig löste korrekte Verwaltung von Kulturbudgets kenntnisreichen Idealismus ab.

Willi Resetarits alias Dr. Kurt Ostbahn

Foto: Lukas Beck

„Wenn man in Österreich von traditioneller Musik leben will, kommt man an Wien nicht vorbei.“

Wenige große Ereignisse und Acts, viele kleine Szenen. Die Genussgeiger, Luki Wieners regelmäßiger Stammtisch von vor allem Geigerinnen und Geigern im Salzkammergut, auf dem neben lokalem Repertoire auch populäre Stücke aus Schweden oder Irland gespielt werden, ist ebenso ein Teil dieser Welt wie das monatliche Tanzhaus Innsbruck mit seiner Vorliebe für Balfolk mit Sonnenschirmen. In Wien gibt es das Akkordeonfestival, den Vienna Blues Spring, Wean Hean, den Kultursommer, das KlezMore Festival, den Musikalischen Adventkalender, in Neudorf bei Ilz das Friling Festival. Es gibt Pfeifertage, Geigentage, Tanzlust, Rudnkirtag … Natürlich gehören dazu auch die Routiniers und die in Cork ausgebildeten Uilleann-Pipes-Virtuosen der Irish-Folk-Szene, die nicht nur am 17. März die Pubs zum Kochen bringen.

Ja, dieser Text ist wienlastig, einfach deshalb, weil ich hier lebe, aber auch weil Österreich wienlastig ist – selbst in seinem verbreiteten Hass auf „de deppatn Weana“. Wien ist die fünftgrößte Stadt der EU, und hier und im Wiener Speckgürtel lebt etwa ein Drittel der österreichischen Bevölkerung.

Wienlastig ist er auch, weil man, wenn man in Österreich von traditioneller Musik leben will, an Wien nicht vorbeikommt. Hier gibt es Auftritte, hier leben jene, die den österreichweit empfangbaren ORF-Radiosender Ö1 mit Inhalten füllen, und hier hat man bessere Chancen, medial wahrgenommen zu werden. Auch ich bin nach Wien gezogen, als sich mein Leben in Richtung professionelle Musik entwickelte.

* Das Schrammel.Klang.Festival feiert 2026 seine zwanzigste Ausgabe, siehe auch hier [Link].

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Author

Simon Wascher ist Musiker, Tänzer, Forscher, Organisator, Musik- und Tanzpädagoge. Mit Volkstanztradition aufgewachsen in Kremsmünster, Oberösterreich, lebt er heute in Wien. Publiziert zu Ethnomusikologie und Ethnochoreologie. Ist Absolvent der Tanzausbildung am Eric Sahlström Institut Tobo. Forscht zu und unterrichtet europäische traditionelle Tanzimprovisation.
Als Musiker aktuell bei Duo Haertel Wascher, Almquartett, Schikaneders Jugend. www.simonwascher.info, www.tradmus.org

Länderschwerpunkt Österreich in Rudolstadt

Von Wienerlied, Austropop und Krowodnrock über Kärntner Chöre, Steirische Harmonika und Dudler bis zur Schrammelmusik oder dem Alpenländischen – Österreich kennt zahlreiche musikalische Spielarten, die regional verankert und zugleich der Welt zugewandt sind, wie sich in der vielfältigen Öffnung von Überliefertem hin zu Jazz, Pop, Elektronik oder Neuer Musik zeigt. Diese große Bandbreite versucht das Rudolstadt-Festival wieder einmal in seinem Länderschwerpunkt in ein kurzes Wochenende zu fassen und hat dazu zahlreiche nennenswerte Acts aus dem Nachbarland eingeladen wie zum Beispiel 5/8erl in Ehr’n, Agnes Palmisano, Baba Yaga, Manu Delago, Ramsch & Rosen, die Tanzhausgeiger oder den Nino aus Wien. Letzterer wird sich neben seinen beiden Konzertauftritten zudem am Festivalsonntag, dem 5. Juli, um 15.00 Uhr die Ehre zu Talk und Musik bei „folker trifft …“ im Schminkkasten geben. Gerne vormerken und vorbeischauen.

 www.rudostadt-festival.de

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Aufmacher:
Roland Neuwirth & Extremschrammeln
Linktipps:
Albumtipps:
  • Attwenger, Wos (Trikont, 2026)
  • Hermann Fritz, Hermann Fritz (Non Food Factory, 2014)
  • Gottfried David Gfrerer, Stainless Steel (Eigenverlag, 1998)
  • Härtel Quintett, Session eins (Non Food Factory, 2022)
  • Duo Haertel Wascher, Heurigentanz (Non Food Factory, 2012)
  • Sandy Lopicic Orkestar, Border Confusion (Network Medien, 2001)
  • Soyka Stirner, Tanz zwei (Non Food Factory, 2015)
  • Karl Stirner, Schichten 2 – Codex Corporis (Non Food Factory, 2021)

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