A’Salfo alias Salif Traoré ist Bandleader und bekanntestes Mitglied von Magic System. Das ivorische Quartett aus Abidjan wurde vor dreißig Jahren gegründet, als gemeinsames Projekt mit den Freunden Goudé, Manadja und Tino. Der Musikstil heißt Zouglou und verbindet traditionelle ivorische Rhythmen mit modernen Einflüssen. Im Jahr 2000 beginnen die vier Sänger mit 1er Gaou ihre internationale Karriere, 2014 wurden sie mit dem Song „Magic In The Air“ auch in Deutschland bekannt: Die Single bekam den „dreifachen Diamanten“ für 150 Millionen Streams.
Magic System produzierten Hits mit zahlreichen Stars aus aller Welt (unter anderem Khaled, Tiken Jah Fakoly, Alpha Blondy, Shaggy, Soolking). Seit 2024 touren sie durch die Welt, nahmen an den Olympischen Spielen in Paris in den Fanzonen teil. Im Januar 2026 kam ihr neues Album Dôni Dôni heraus. Das Gespräch mit A’Salfo fand im Rahmen der achtzehnten Ausgabe des von der Band organisierten Festival des Musiques Urbaines d’Anoumabo (FEMUA) statt, das ab dem 28. April 2026 in Abidjan stattfand und am 3. Mai 2026 seinen offiziellen Abschluss in Dimbokro feierte.
Interview: Martina Zimmermann
Dieses Jahr gibt es bei Magic System viele Neuigkeiten: Die Band geht 2027 auf Europatournee, ist bereits seit zwei Jahren unterwegs und hat ein neues Album veröffentlicht. Kommt ihr auch nach Deutschland? Dort dauerte es ja etwas länger, bis Magic System bekannt wurde.
Ja, das stimmt, es brauchte tatsächlich etwas mehr Zeit. Das letzte Mal, dass wir in Deutschland gespielt haben, war in Dortmund, und das ist schon eine Weile her. Wir wissen noch nicht, ob es diesmal wieder klappt. Wir feiern unsere dreißigjährige Karriere mit einem reichen Repertoire, von „1er Gaou“ über „Magic In The Air“ bis „Bouger Bouger“ – mit allen bekannten Hits also. Wir hatten dreißig Jahre lang eine echte Verbindung mit dem Publikum, das heute mehrere Generationen vereint. Es waren dreißig Jahre voller Emotionen, des Teilens, der Gemeinschaft mit Menschen, die uns treu geblieben sind. Magic System ist im kollektiven Gedächtnis die Band, die bei jeder Feier dabei ist – ob an Geburtstagen, Hochzeiten oder Taufen. Auch wenn wir nicht physisch anwesend sind: Musikalisch sind und waren wir immer dabei. Das wollen wir nach dreißig Jahren auch in europäischen Konzertsälen feiern – das ist für uns ein Glück.
Es gab viele Zusammenarbeiten mit anderen Stars in dieser Zeit, wird es das auch in Zukunft weiter geben?
Musik ist Fusion. Musik ist eine Begegnung verschiedener Kulturen. Wir haben mit Künstlern wie 113, Leslie, Shaggy oder Soprano zusammengearbeitet, mit vielen Menschen. Unsere Musik führte zu Begegnungen mit verschiedenen Stilen urbaner Musik. Das sieht man heute auf dem FEMUA-Festival, zu dem wir jedes Jahr ein Gastland einladen – in diesem Jahr war es Gabun. Wir nutzen alle Verbindungen, die wir geknüpft haben.
Trotzdem sind Magic System von Anfang an dem eigenen Stil treu geblieben, wie in „Magic In The Air“ könnte man sagen: vom Stadtteil „Anoumabo bis ganz nach oben“ (Zitat aus „Magic in the Air“).
Genau, wir sind unserem Zouglou treu geblieben. Das ist auch eine Art, unser Land Côte d’Ivoire mit seiner Musik bekannt zu machen. Der Beweis ist das zuletzt erschienene Album – immer noch reine Zouglou-Tradition.
„Wir nutzen alle Verbindungen, die wir geknüpft haben.“
Zouglou war aber am Anfang die Musik rebellierender Studierender, keine Partymusik wie die von Magic System.
Die Studierenden haben Zouglou zu einer Musik ihrer Forderungen gemacht. Das haben auch wir beibehalten – aber uns ging es um gesellschaftliche Forderungen. Die Studierenden sprachen von ihrem Campus, ihrer Mensa, ihren Bibliotheken. Wir sprachen über die Probleme im Alltag der Ivorer und Ivorerinnen, über die Themen der Gesellschaft. Und sind dabei geblieben. So wurde unsere Musik zur Musik des Volkes, ohne regionale oder ethnische Identität. Sie bringt das Land zusammen, weil sie in allen Sprachen gesungen wird und überall Zustimmung findet.
Und jetzt das neue Album. Kann man einen kleinen Blick in die Werkstatt werfen? Alle vier Bandmitglieder singen, es gibt also dieses Chorprinzip. Aber wie schafft ihr es nach so vielen Hits, weitere zu erschaffen?
Es hat etwas mit Alchemie zu tun. Wir wollten alles, was wir bisher gemacht haben, neu durchmischen. Wir wollten Côte d‘Ivoire geben, was sie dort von uns erwarten – den Zouglou der Neunziger- und Nullerjahre. Und wir wollten Frankreich geben, was man dort von uns erwartet – einen rhythmischeren, festlicheren Zouglou. Und dann haben wir uns an die Arbeit gemacht. Gott gibt uns Inspiration. Künstliche Intelligenz hilft uns, hier zu arbeiten und mit anderen Menschen in der Welt. Früher musste man sich ins Flugzeug setzen, das hat viel Zeit gekostet. Heute können wir in Abidjan singen und jemanden in den USA singen lassen. Das hat uns bei den Kollaborationen geholfen. Früher musste man an der Musik in Dubai arbeiten, die Vocals in Paris aufnehmen, weitere Aufnahmen in Anoumabo machen. Nun waren wir vier in Abidjan, sangen hier, brachten alles für den Mix und das Mastering nach Paris. Komponisten in Dubai und andere in den USA leisteten ihren Beitrag. Das alles zusammen ergab das Album Dôni Dôni – der Titel bedeutet so viel wie „Liebe“.
Ihr nutzt schon lange neue technologische Mittel – auch beim Marketing und der Promotion des Albums, es gibt sehr viel Kommunikation in den sozialen Netzwerken.
Früher musste man, um in Frankreich zu promoten, hinfliegen, und hatte dann erst Zugang zu Radiosendern. Heute muss man sich nicht mehr bewegen – man bleibt vor Ort und macht die Promotion. Sogar Interviews werden aus der Ferne gemacht, Fernsehsendungen hier aufgezeichnet und in Frankreich ausgestrahlt – kein Problem. Für uns ist das eine Chance. Dennoch gehören wir zur alten Schule. Früher wollten uns die Leute persönlich sehen, damit wir CDs signieren. Heute, mit Downloads und Streaming, gibt es diesen persönlichen Kontakt leider nicht mehr. Ich hoffe, dass uns die Europatournee wieder mehr mit dem Publikum in Kontakt bringt. Auf dem diesjährigen FEMUA wird dieses Thema übrigens debattiert: Welche Möglichkeiten bietet uns die künstliche Intelligenz? Falsch eingesetzt wird sie zur Gefahr. Gut eingesetzt ist sie eine große Chance.
„In weniger als fünfzig Jahren wird Afrika der mächtigste Kontinent sein.“
Bei der Eröffnungszeremonie des Festivals war ich erstaunt, wie enthusiastisch die meisten Rednerinnen und Redner gegenüber KI waren, während man in Europa eher ängstlich und kritisch ist.
Afrika kann das nicht auf die gleiche Weise sehen wie Europa, denn demografisch gesehen ist Afrika ein sehr junger Kontinent, und jeder weiß, dass sich die jungen Leute KI aneignen. Wir haben also hier den Vorteil, darüber leicht sprechen zu können. In Europa gibt es Debatten.
Wir haben bereits ein eigenes Ministerium für digitale Transformation. In weniger als fünfzig Jahren wird Afrika der mächtigste Kontinent der Welt sein. Wir werden sogar die USA und China überholen dank unserer Demografie. Und wenn wir uns die künstliche Intelligenz heute nicht aneignen, werden wir immer von anderen abhängig sein. Afrika hat verstanden, dass die Jugend in KI ausgebildet werden muss. Wenn wir Ingenieure haben, wenn jedes afrikanische Land sein Silicon Valley hat und wir die Dinge heute in Gang setzen, gibt es keinen Grund, warum wir in fünfzig Jahren nicht allen anderen Kontinenten voraus sind. Ich sage es nochmals: Wenn KI falsch eingesetzt wird, wird sie zur Gefahr, mit Falschinformationen und Bildmanipulationen – also müssen wir einen gesetzlichen Rahmen schaffen. Als die Autos kamen, fanden das diejenigen schlecht, die Kutsche fuhren.
Auf dem FEMUA habe ich in den letzten Jahren einige technologische Innovationen zum ersten Mal gesehen. Hier bin ich zum ersten Mal auf ein E-Bike gestiegen, um auf dem Festivalgelände schneller voranzukommen. Und im letzten Jahr lief hier ein Roboterhund herum.
Für mich gibt es zwei Züge, die wir nicht verpassen dürfen: den Zug von Innovation und Technologie und den Zug der ökologischen Wende. Wir verstehen nicht, warum wir in Afrika die meiste Sonne haben und zu den Letzten gehören, wenn von Solarenergie gesprochen wird. Ich bin ein Verrückter, ein schrecklicher Optimist, für mich ist alles möglich. Ich will, dass Magic System die Band ist, die das erste Konzert mit hundert Prozent Solarenergie gibt. Das soll von Afrika ausgehen, ich will es hier machen.
Es wird also eher ein Konzert von Magic System mit Solarenergie geben als die Gruppe als KI-Hologramme zu Hause?
Ich hoffe sogar, eine ganze Ausgabe des FEMUA mit Solarenergie gestalten zu können. Ich möchte dieses Signal von Abidjan aus senden. Bei einem Magic-System-Hologramm bezweifle ich, dass wir die gleiche Wärme vom Publikum bekommen. Man kann verstorbene Künstler weiterleben lassen. Die Menschen würden sich freuen, Bob Marley wieder in einem Konzert zu sehen oder Michael Jackson. Das ist mit Hologrammen möglich. Aber Magic System ist jetzt noch nicht dran.










0 Kommentare