New Roots

Wie die junge Musikgeneration die Folkszene belebt

29. Juni 2026

Lesezeit: 5 Minute(n)

Die „junge deutsche Folkszene“ ist kein klar umrissener Ort, keine festgelegte Stilrichtung und schon gar kein homogener Kreis. Sie ist eher ein lebendiges Geflecht aus Sessions, Tanzabenden, kleinen Festivals, Workshops, vielen internationalen Einflüssen und einer wachsenden Zahl junger Menschen, die sich auf ganz unterschiedliche Weise einer Musik annähern, die oft vorschnell als „alt“ abgestempelt wird. Doch wer genauer hinschaut, erkennt: Hier passiert etwas. Und es lohnt sich, darüber zu sprechen.
Text: Alex Peters, Eléna Samulowski

„Folkmusik hat die besondere Fähigkeit, Menschen unmittelbar einzubinden.“

Für viele von uns beginnt der Zugang zur Folkmusik nicht mit einem großen kulturhistorischen Interesse, sondern mit einem Moment – einem Abend, einer Session, einem Tanz, einem Konzert. Vielleicht war es eine Begegnung mit Musiker:innen, deren Spielfreude schlichtweg ansteckend wirkte, oder das erste Mal, dass man selbst Teil des musikalischen Geschehens wurde – ohne große Hürden, ohne Perfektionsdruck. Folkmusik hat die besondere Fähigkeit, Menschen unmittelbar einzubinden. Sie funktioniert ohne viele Worte, schafft Verbindung über Rhythmus, Wiederholung und gemeinsames Erleben. Genau darin liegt eine ihrer größten Stärken: Folk ist zugänglich, gemeinschaftlich und offen.

Tanz beim Nord Folk Festival 2025

Foto: Shendl Copitman

Gleichzeitig erleben viele junge Musiker:innen in Deutschland eine gewisse Diskrepanz. Während die Szene international oft eine enorme Dichte, Energie, Lebendigkeit und ein hohes musikalisches Niveau aufweist, ist es hierzulande nicht immer leicht, Anschluss zu finden. Das betrifft sowohl die Zahl aktiver Spieler:innen als auch die Möglichkeiten, sich künstlerisch weiterzuentwickeln. Daraus entsteht bei vielen der Wunsch, mehr Räume zu schaffen: für Austausch, für gemeinsames Lernen, für Reisen, für Inspiration. Die Idee, gezielt Förderstrukturen aufzubauen, um jungen Menschen Begegnungen mit der Szene vor Ort und in anderen Ländern zu ermöglichen, kann dabei ein konkreter Ansatz sein, um musikalische Perspektiven zu erweitern und neue Impulse anzuregen.

Tanz beim Jamstival 2026

Foto: Nikolas Baumgartner

Ein ebenso wichtiger Zugang entsteht über Bewegung. Formate wie Balfolk, Volkstanz, Square Dance, Two Step oder andere Tänze zeigen, wie niedrigschwellig Folk sein kann. Hier geht es nicht um Vorwissen oder Perfektion, sondern um Begegnung und gemeinsames Erleben. Gerade für ein junges Publikum kann das ein entscheidender Türöffner sein. Wer einmal erlebt hat, wie schnell sich fremde Menschen auf der Tanzfläche begegnen und miteinander in der Musik aufgehen, versteht, welches Potential* in dieser Verbindung liegt. Selbst moderne Phänomene – etwa viral gehende Tanztrends – zeigen, dass traditionelle Formen in neuen Kontexten plötzlich wieder enorme Reichweiten erzielen können.

Dabei stellt sich innerhalb der Szene auch eine grundlegende Frage: Wie gehen wir mit dieser Musik und dem kulturellen Erbe um? Ist sie ein Kulturgut, das allen gehört – und deshalb nicht kommerziell nutzbar gemacht werden sollte? Oder ist es legitim, Wege zu finden, um damit auch wirtschaftlich zu arbeiten und Strukturen zu professionalisieren? Diese Diskussion ist nicht neu, gewinnt aber in der jungen Szene eine neue Dringlichkeit. Viele bewegen sich bewusst in einem Spannungsfeld zwischen Idealismus und Pragmatismus: zwischen dem Wunsch, die Musik als gemeinschaftliches Gut zu bewahren, und der Notwendigkeit, nachhaltige Strukturen aufzubauen, die Engagement langfristig ermöglichen.

Auffällig ist auch, dass sich die politische Haltung innerhalb der Folkszene gewandelt hat – oder zumindest neu verhandelt wird. Während frühere Revivals oft stark mit politischen Bewegungen verknüpft waren, zeigt sich die junge Szene heute weiter verstreut, manchmal auch vorsichtiger in ihrer Positionierung. Gleichzeitig bleibt Folk für viele ein Raum, in dem Werte wie Gemeinschaft, Offenheit und kultureller Austausch selbstverständlich gelebt werden. Vielleicht liegt gerade darin eine leise, aber wirkungsvolle Form von Haltung.

Was jedoch oft fehlt, ist Sichtbarkeit. Viele junge Initiativen, Sessions und Festivals existieren und schaffen Großartiges, aber sie bleiben häufig unter dem Radar. Dabei ist Präsenz ein entscheidender Faktor, wenn es darum geht, neue Menschen zu erreichen und das Bild von Folk in der Öffentlichkeit zu verändern. Weg von der Vorstellung einer verstaubten, rückwärtsgewandten Musik hin zur lebendigen, dynamischen, sich ständig weiterentwickelnden Szene, die sie eigentlich ist. Sichtbar zu werden bedeutet dabei nicht zwangsläufig, sich kommerziellen Logiken zu unterwerfen, sondern zunächst einmal, sich gegenseitig wahrzunehmen, zu vernetzen und gemeinsam stärker aufzutreten. Innerhalb der Folkmusik existiert eine Vielzahl kleiner, oft voneinander unabhängiger Szenen, die sich teilweise kaum kennen oder miteinander vernetzt sind. Dabei lohnt sich ein genauerer Blick.

Session beim Jamstival 2026

Foto: Nikolas Baumgartner

Ziel dieses Themenschwerpunktes ist es, die Menschen zu zeigen, die die junge Szene bilden, sie befeuern, formen oder sie selbst gerade neu erleben. Auch ist er für uns ein Plädoyer für mehr Zusammenarbeit. Zwischen verschiedenen Stilrichtungen, zwischen Musiker:innen und Tänzer:innen, zwischen lokalen Szenen und internationalen Einflüssen. Die „junge deutsche Folkszene“ ist dann am sichtbarsten, wenn sie sich nicht als Nische versteht, sondern als offenes Netzwerk. Als Raum, in dem Unterschiedlichkeit nicht trennt, sondern bereichert.

Am Ende bleibt die Erkenntnis: Diese Musik lebt – durch die Menschen, die sie spielen, tanzen, weitergeben und neu interpretieren. Sie verändert sich, sie wandert, sie verbindet. Und sie hat das Potenzial, noch viel mehr zu sein. Was es dafür braucht? Mut zur Sichtbarkeit, Lust und Neugierde am Austausch, offene Räume sowie offene Ohren und Menschen, die einfach anfangen. Also los: Rein in die Sessions, rauf auf die Tanzböden, raus in die Welt – und folkt, was das Zeug hält!

* Der folker orientiert sich normalerweise an der Duden-Empfehlung „Potenzial“. Die „alte“ Schreibweise mit „t“ ist aber ebenfalls „richtig“. Da sich das sprachlich verwandte „Potenz“ gleichzeitig in phallischer Verbindung zum Patriachat interpretieren lässt, hat sich die Gastredaktion in Abgrenzung davon für die Schreibweise „Potential“ und den Anstoß zu einer gesellschaftlichen Veränderung ausgesprochen.
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Autoren:

Foto: Ryan Oslance

Eléna Samulowski ist Kulturwissenschaftlerin, Musikerin und Tänzerin mit Schwerpunkt auf Old-Time Music und Folk. Sie spielt Banjo, unterrichtet Flatfooting und ist regelmäßig auf internationalen Folkcamps und Festivals unterwegs. Ihre momentanen musikalischen Projekte sind Wings on Strings und Cuttin’ at the point. Ebenfalls aktiv ist sie beim Hannover Hoedown.

Foto: Shendl Copitman

Alex Peters studierte Kulturwissenschaften und Kulturvermittlung in Hildesheim und beschäftigt sich intensiv mit traditioneller europäischer Folkmusik. Als Musiker und Menschenzusammenbringer ist er bei Folk My Life, Duo Suchanek & Peters sowie beim Nord Folk Festival und dem Folk Jamstival Hamburg aktiv.

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