folker präsentiert: Workshops beim Rudolstadt-Festival 2026
Fr., 3.7.2026, Altes Rathaus, 15.00 Uhr
How to folk? – Einstieg in die Welt der Folksession mit dem Ensemble How to Folk?
Sessionworkshop, der Raum gibt für Unsicherheiten und musikalisches Handwerkszeug für das gemeinsame Musizieren – für Einsteiger*innen und alle, die sich (noch) nicht trauen.
So., 5.7.2026, Bibliothek, 13.00 Uhr
Mit der Tradition ringen. mit Peggy Luck
Einiges im Folk ist nicht vorteilhaft gealtert. Rassismuskritische, queer*feministische, kolonialismuskritische Perspektiven sind nötig, um die alten Formen mit neuer Relevanz zu füllen. In diesem Workshop wird geübt, Tradition zu zerlegen und neu zusammenzusetzen, um sich wieder in ihr heimisch zu fühlen.
Klassische Situation: Ich sitze im Nachbarschaftszentrum „Mittendrin“ in Leipzig-Leutzsch und wundere mich. Gerade habe ich eine Gitarre mitgebracht und angeboten, einen Volkslied-Singtreff mit älteren Menschen – oder allen Menschen die Lust haben – zu veranstalten. Mir gegenüber sitzt eine Praktikantin, vielleicht siebzehn oder zwanzig Jahre alt, etwas punkig und mit einigen Dreadlocks, und ist skeptisch. Ein ähnliches Angebot habe es in einem der anderen Zentren des Trägervereins mal gegeben, erzählt sie, von einer älteren Person, und immer wenn sie dort dabei gewesen sei, habe sie sich gegruselt, weil das alles so nationalistisch und verstaubt und rechtslastig geklungen habe. Vermutlich mache ich ein nachdenkliches Geräusch, bevor ich sie frage, was genau denn in diesen Kreisen gesungen worden wäre. Sie druckst rum, das wisse sie jetzt auch nicht mehr so genau, irgendwas mit Heimat und Brüdern. Sie zückt ihr Handy und tippt etwas ein, scrollt, schaut hoch, und schaut wieder runter. „‚Kein schöner Land‘“?, versuche ich hilfreich zu sein. „Oder so was wie ‚Nehmt Abschied, Brüder‘?“ Sie weiß es nicht. Ich lasse es auf sich beruhen.
Text: Peggy Luck
Tradition – in Deutschland ein Eiertanz, und das ist nicht frühlingshaft oder österlich gemeint. Vorurteile, Unkenntnis, Desinteresse, Scham – das ist die Melange die mir häufig entgegenschlägt, wenn ich mich als Anhängerin der Folkmusik oute, die wir hierzulande nicht „Volksmusik“ nennen, um weder Silbereisen noch Hakenkreuz heraufzubeschwören.
Was also tun? Lange habe ich nachgedacht, geforscht, mit Menschen gesprochen, mir die Folkszene der Siebziger und Achtziger angesehen sowie die jüngere Welle, die sich – hoffentlich – gerade andeutet. Die Lösung, die ich sehe, der Ansatz, den ich mit mir trage, lautet: mit der Tradition ringen.
Nehmen wir an, wir werden in eine Familie geboren, in der, sagenwirmal, nicht alles Gold ist, was glänzt. Der Onkel säuft, die Oma zieht beim Kartenspiel jeden über den Tisch, die Mutter ist außer Landes geflohen und hat das Kind am Bahnhof vergessen, der Vater arbeitet bei RWE – irgendwas ist ja immer. Und jetzt sind wir Teil dieser Familie und tragen das Erbe – in uns, aber auch materiell außenherum. Da gibt es einen Dachboden auszuräumen und vielleicht auch noch einen Keller. Alte Bilder von vergangenen Staaten, kaum noch lesbare Urkunden, Devotionalien anderer Systeme, Erinnerungen an kalte und heiße Kriege. Und dann müssen wir sortieren: Woran wollen wir uns erinnern? Was wollen wir mit uns tragen? Was ist wertvoll und sagt uns, wer wir sind? Was ist berechtigtes Vergessen? Wie können wir heilen von den Wunden der Vergangenheit, ohne unsere Wurzeln abzuschneiden?
Das Erbe annehmen
Im Workshop „Mit der Tradition ringen“ fragte ich, welche Möglichkeiten es gibt, mit ungeliebten Volksliedern umzugehen, und schrieb die Buchstaben „W“, „T“ und „R“ an die Tafel. Zwei Ansätze kommen leicht zusammen: „W“ wie „WEGWERFEN!“, und „T“ wie „TROTZDEM SINGEN!“, weil nicht zu singen (oder nur Lieder in anderen Sprachen) ja einfach keine Lösung ist. Der Königsweg ist für mich allerdings „R“ – „RECYCELN“. „REFORMIEREN“. „RINGEN“.
Als ich die weitgehend junge Workshopgruppe fragte, wann ihnen ein Lied verstaubt und unsingbar vorkommt, war die Bandbreite der Kritik größer als ich dachte. Patriarchale Muster, sexuell übergriffige oder misogyne Inhalte, koloniale Klischees – damit hatte ich gerechnet. Aber das Problem des Volkslieds als sehr altes Kulturgut geht tiefer – auch Verständnisfragen und Wörter, die heute niemand mehr benutzt, erschweren den Zugang zu dem, was einst vermeintlich oder wahrhaftig dem „Volk“ gehörte. Zuletzt wurden auch religiöse Einwände erhoben. Klar, nicht für jeden ist es etwas, sich „in Gottes Namen“ niederzulegen zur Nacht.
Dann lud ich ein, sich in Kleingruppen ein konkretes Lied vorzunehmen, an dem man sich besonders stört – und mit ihm zu ringen. Und das ganz physisch-materiell: Auf ein Flipchartpapier eine oder mehrere Strophen schreiben und erst mal mit viel Schwung und Zerstörungslust alles durchstreichen, was heute zu Recht keinen Bestand mehr hat. Auch die Schere darf angesetzt werden. Kathartische Wirkung kann sich entfalten. Schließlich diskutierten die Kleingruppen, welche Formulierung in den Lücken nachwachsen will. Da gab es „Zigeuner“-Lieder, die plötzlich zu Liedern über Freiheit und Ferien wurden, Weihnachtslieder, bei denen diskutiert wurde, was es denn – ohne Gott – heißt, dass das Licht wiedergeboren wird, und Lieder, deren Geschichte in der letzten Strophe plötzlich eine völlig andere Wendung nahm.
Ich selbst hatte mir in dem zweistündigen Workshop Goethes „Heidenröslein“ vorgenommen, dessen übergriffige Metaphorik – selbst wenn man es nicht als Missbrauchslied hört – in Zeiten der ökologischen Krise völlig deplatziert ist. Es gibt von Goethe selbst allerdings auch ein Gedicht, in dem der Knabe das Röslein mit allen Wurzeln ausgräbt und im Garten einpflanzt, wo es weiterzweigt und -blüht, anstatt (ab)gebrochen zu werden („Gefunden“). Diese Version auf Beethovens Melodie zu pfropfen war ein bisschen Arbeit, aber eine hervorragende Erfahrung, nach der ich das gute Gefühl hatte, meinem Kulturerbe und den Erfordernissen der Zeit gleichermaßen gerecht zu werden. Ein Erbe annehmen heißt ja nicht: Alles davon behalten müssen. „Prüft alles und behaltet das Gute!“, die kirchliche Jahreslosung 2025.
Nun legt euch denn, ihr Schwestern
Wenn eine niedergerungene Zeile schöner ist als das Original, bin ich glücklich. So geht es mir mit „so legt euch denn, ihr schwestern / in eure warmen nester / kalt ist der abendhauch“. Nicht nur brauchen wir noch sehr, sehr viel mehr Geschwister aller Art in Volksliedumdichtungen, bis ein Gleichgewicht hergestellt ist. Auch der Kontrast „warmes Nest – kalter Abendhauch“ wertet die Stelle meines Erachtens zusätzlich auf, und das ganz unaufgeregt und elegant.
Vielleicht sollten wir mit Profolk mal einen Volkslied-Erneuerungswettbewerb ausschreiben? Ich weiß nichts darüber, wie man das mit den Matten sonst so macht, aber Traditionsringen ist, glaube ich, grundsätzlich eine kollektive Aufgabe, ein Mannschafts- …, äh: Gemeinschaftssport.
Peggy Luck macht Kultur zwischen Tradition und Transformation und ist seit 2023 Vorsitzende von Profolk. Ansonsten schreibt Peggy Lieder, folker-Beiträge, lädt zum Tanz oder zum Glitzern ein, dichtet, staunt, dichtet um und gräbt Dinge gern mit der Wurzel aus.






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