Tanzen verbindet

Die junge Folktanzszene in Berlin

24. Juni 2026

Lesezeit: 5 Minute(n)

Berlin ist längst nicht mehr nur ein Ort für Clubkultur und elektronische Musik. Parallel dazu hat sich eine vielfältige, internationale Tanzszene entwickelt, die sich rund um soziale Tänze organisiert. Lindy Hop, Balboa, Two Step, Line Dance, Ceilidh, Balfolk oder auch jiddische Tänze stehen exemplarisch für eine Bewegung, die auf Gemeinschaft, Improvisation und gelebte Tradition setzt. Wer sich durch Kalender wie Swing in Berlin klickt, merkt schnell, wie dicht das Angebot ist. Fast jeden Abend finden Kurse, Social Dances oder Konzerte statt.
Text: Eléna Samulowski

Was diese Szene besonders macht, ist ihre generationsübergreifende Natur. Hier tanzen Alt und Jung selbstverständlich zusammen. Alter spielt keine Rolle, entscheidend ist die gemeinsame Bewegung zur Musik. Jüngere lernen von erfahreneren Tänzerinnen und Tänzern, während Ältere neue Impulse, Energie und Perspektiven von der jüngeren Generation aufnehmen. Tänze werden weitergegeben, nicht als starres Regelwerk, sondern als lebendige Praxis, die sich ständig verändert.

Im Zentrum dieser Szene steht der Swing. Lindy Hop gilt als einer der bekanntesten Stile. Entstanden in den späten 1920er-Jahren in Harlem, verbindet er afroamerikanische Tanztraditionen mit Jazzmusik und lebt bis heute von Improvisation und Kommunikation zwischen den Tanzpartnern. In Berlin zeigt sich das besonders deutlich in Schulen und Formaten wie Swing Patrol Berlin, die ihre Kurse über die ganze Stadt verteilen. Unterricht findet unter anderem in Prenzlauer Berg, Wedding, Friedrichshain, Kreuzberg und Neukölln statt. Besonders prägend ist auch die Kulturbrauerei, wo regelmäßig Kurse und Social Dances stattfinden.

Neben festen Kursen gehört auch das Tanzen im öffentlichen Raum dazu. Im Sommer etwa verwandelt sich der Monbijoupark an der Museumsinsel jeden Freitag in eine offene Tanzfläche mit Einsteigerkurs und anschließendem Social Dance unter freiem Himmel.

Eng verwandt, aber deutlich reduzierter in seiner Form ist der Balboa. Dieser Tanz entstand an der amerikanischen Westküste und wird meist in enger Tanzhaltung getanzt. Seine Stärke liegt in der subtilen Kommunikation und der Fähigkeit, auch bei sehr schneller Musik entspannt zu bleiben und dabei nicht viel Raum auf der Tanzfläche einzunehmen. In Berlin hat sich dafür eine eigene Szene entwickelt, die sich häufig bei spezialisierten Events trifft. Plattformen wie Balswing organisieren regelmäßige Abende mit Kursen und anschließenden Partys. Veranstaltungsorte wechseln dabei, häufig finden Events in Studios und Tanzräumen in Friedrichshain oder Kreuzberg statt. Größere Veranstaltungen nutzen zudem etablierte Locations wie das Säälchen oder den Festsaal im Bildungs- und Kulturzentrum Peter Edel. Gemeinsam bilden Lindy Hop und Balboa das Herz einer Swingkultur. Dazu gehören auch ungewöhnliche Tanzflächen wie ein Hausboot am Märkischen Ufer, wo regelmäßig Kurse und Social Dancing direkt auf dem Wasser stattfinden.

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Foto: Martynas Kundrotas

„Folktänze verbinden nicht nur Menschen im Moment, sondern auch über Zeit hinweg.“

Parallel dazu entwickelt sich langsam auch der Two Step in Berlin. Im Vergleich zu den etablierten Swingtänzen steckt er noch in den Anfängen. Erste echte Berührungspunkte entstehen vor allem durch Livemusikformate, insbesondere durch Bands, die mit ihrem Honky Tonk Soundräume schaffen, in denen dieser Tanz praktiziert werden kann. Oft werden vor den Konzerten kurze Einstiegskurse angeboten, die den Zugang erleichtern und direkt in den Abend übergehen.

Noch ist der Two Step kein fester Bestandteil der Berliner Tanzlandschaft, doch genau darin liegt sein Potential. Innerhalb der Szene wächst der Wunsch, diesen Tanz stärker zu integrieren und ihm langfristig einen festen Platz zu geben. In diesem Zusammenhang entstehen auch erste Ideen, das Spektrum zu erweitern, etwa durch Formate wie Square Dance zu Old-Time-Musik.

Eine weitere Facette bildet Balfolk, eine europäische Folktanzbewegung, die in den letzten Jahren auch in Berlin gewachsen ist. Hier treffen sich Menschen zu sogenannten Bällen, bei denen Tänze wie Mazurka, Schottisch, Bourrée oder Polska getanzt werden. Die Musik wird häufig live gespielt und verbindet traditionelle Melodien mit modernen Einflüssen. Balfolkveranstaltungen finden meist in Kulturzentren oder an alternativen Orten statt und zeichnen sich durch eine offene, oft intime Atmosphäre aus. Auch hier begegnen sich verschiedene Generationen auf Augenhöhe. Wissen wird weitergegeben, aber nie abgeschlossen, sondern im gemeinsamen Tanzen immer wieder neu interpretiert.

Noch stärker auf kollektive Bewegung ausgelegt sind Line Dance und Ceilidhs. Line Dance wird in Berlin über eigene Communitys organisiert, die regelmäßige Treffen in Tanzschulen und Vereinsräumen anbieten. Die Orte variieren, liegen aber häufig in Bezirken wie Charlottenburg oder Lichtenberg und sind bewusst niedrigschwellig zugänglich. Ceilidhs gehen noch einen Schritt weiter und stellen das gemeinsame Erlebnis in den Mittelpunkt. Besonders etabliert ist hier die Veranstaltungsreihe im Kesselhaus in der Kulturbrauerei, wo regelmäßig große Tanzabende mit Livemusik stattfinden. Die Tänze werden vor Ort erklärt, sodass auch Menschen ohne Vorkenntnisse sofort teilnehmen können.

Social Dancing auf dem Stadtacker Tempelhofer Feld

Foto: Eléna Samulowski

Eine besondere Rolle innerhalb der Szene spielt auch der jiddische Tanz, der in Berlin eng mit der Klezmermusik verbunden ist. Diese Szene ist klein, aber sehr lebendig und stark gemeinschaftsorientiert. Im Zentrum steht weniger das Erlernen perfekter Schritte als das gemeinsame Tanzen und Erleben von Kultur. Veranstaltungen wie Tants-Hoyz! laden dazu ein, ohne große Vorkenntnisse mitzumachen. Wie bei vielen anderen Social Dances steht auch hier der partizipative Gedanke im Vordergrund. Tanz wird nicht präsentiert, sondern geteilt – von Generation zu Generation.

Was all diese Stile verbindet, ist ihre Einordnung als sogenannte Folktänze. Es sind Tänze, die sozial, also gemeinschaftlich und für jeden zugänglich gedacht sind. Sie entstehen im Austausch, werden weitergegeben und verändern sich mit jeder Generation. Genau darin zeigt sich ihre besondere Qualität. Sie verbinden nicht nur Menschen im Moment, sondern auch über Zeit hinweg. Gerade darin liegt auch ihre soziale Kraft. Tanzen ermöglicht es, schnell mit neuen Menschen in Kontakt zu kommen, eine Community zu finden und Freundschaften aufzubauen. Durch den ständigen Partnerwechsel, gemeinsame Lernprozesse und regelmäßige Treffen entsteht ein Gefühl von Zugehörigkeit, unabhängig vom Alter. Von Jung bis Alt bewegen sich alle im selben Rhythmus. Während viele urbane Tanzformen stark auf Individualität und Performance ausgerichtet sind, setzen diese Tänze auf Verbindung. Der Fokus liegt auf Interaktion, auf dem Moment und auf dem gemeinsamen Erleben. Dass sie historische Wurzeln haben, macht sie nicht altmodisch, sondern lebendig und anschlussfähig.

Foto-Serie: Michele Cereoni

Berlin bietet dafür ideale Bedingungen. Die Szene ist international, viele Veranstaltungen sind zweisprachig, und die Übergänge zwischen den Stilen sind fließend. Wer mit Lindy Hop beginnt, probiert oft Balboa, später vielleicht Two Step, Balfolk oder Ceilidh. So entsteht ein Netzwerk aus Tanzschulen, temporären Tanzflächen, Parks und Kulturorten, von der Kulturbrauerei über das Kesselhaus bis hin zu offenen Flächen wie dem Monbijoupark oder dem Tempelhofer Feld. Warum diese Tänze heute wieder so viele Menschen anziehen, zeigt sich am besten auf der Tanzfläche. Ein Abend genügt oft. Der Rest ergibt sich von selbst, Schritt für Schritt, von Generation zu Generation.

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