Der Ort Deutzen ist winzig, er gehört zur Gemeinde Neukieritzsch bei Leipzig, aber Götz Widmann, die Monsters of Liedermaching, Funny van Dannen, Dota, Stoppok und weitere Liedermachende des Landes haben alle schon hingefunden, denn hier findet jährlich das adriAkustik statt, ein Festival für Macher, Macherinnen und Fans.
Text: Imke Staats
Das an das Gelände grenzende Gewässer ist folglich auch nicht die namensgebende kroatische Küste, sondern das Speicherbecken Borna – im Volksmund „Adria“ genannt. Die Stimmung während der Festivaltage im August ist bunt und familiär wie am sommerlichen Mittelmeer. Dass der idyllische Kulturpark Deutzen 2013 überhaupt zur Kulisse des Events wurde, ist maßgeblich einem Praktikanten zu verdanken. Martin Veit war 2012 Student der Wirtschaftswissenschaften an der Uni Leipzig und absolvierte ein Praktikum im Eventmanagement des Kulturparks. Als großer Fan deutscher Liedermacherkunst wagte er den Vorstoß, den Bau einer Festivalbühne vorzuschlagen. Überraschend bekam er das „Go“ und begann, das erste adriAkustik zu organisieren. Schon im Mai 2013 fand „sein“ Liedermachertreffen statt.
Fast sechshundert Kilometer westlich, im Wallfahrtsort Kevelaer an der niederländischen Grenze, hatte sich gerade ein Treffpunkt der Szene aufgelöst, nachdem man sich mehr als fünfzehn Jahre lang eher informell auf einem Bauernhof getroffen hatte. Organisiert hatte dieses vor allem Götz Widmann. Eine der Bands beim ersten adriAkustik war Billy Rückwärts, zu dieser Zeit auch Begleitband Widmanns. Der kam zum Konzert vorbei, verliebte sich in den Ort und sah hier eine Nachfolge für Kevelaer. Man kam schnell überein. So wurde Widmann quasi zum Schirmherr der Veranstaltung, und seit 2014 spielt er jedes Jahr selbst dort. Und auch weitere Größen der Szene haben auf einer der adriAkustik-Bühnen gestanden, unter anderem Ton Steine Scherben & Gymmick, Sarah Lesch & Band, Fortuna Ehrenfeld, Gisbert zu Knyphausen, Bastian Bandt, Maike Rosa Vogel und immer wieder Simon & Jan.
Inzwischen gibt es ein buntes Programm an mehreren Schauplätzen und drumherum. Das Gelände verfügt über eine Naturbühne, die Spätibühne, die Kleine Bühne für Lagerfeuerkonzerte, ein Hobbithaus, einen Grillplatz – und natürlich die Badegelegenheit der „Adria“. Es ist ein familienfreundliches Event für ungefähr sechshundert Gäste und dreihundert Beteiligte. Ein Ticket inklusive Camping auf dem Zeltplatz kostet 120 Euro für fünf Tage, es gibt Abstufungen bis zum Tagesticket. Von diesen Einnahmen werden auch die Honorare der Auftretenden bezahlt. Was reinkommt, wird geteilt.
Neben den Auftritten bekannter Größen gibt es beim adriAkustik täglich zur Primetime eine Chance für den Nachwuchs auf der großen Bühne – wer sich bewerben will, muss etwas Eigenes auf Deutsch präsentieren und es aushalten, anschließend von „Liedermacherniedermacher“ Walter Stehling (der diese Rolle auch schon in Kevealer einnahm) satirisch demontiert zu werden. Liebevoll natürlich. (Zumindest bis 2025 gehörte das zum Konzept.) Und es gibt die Challenge „Liedermacherliga“, bei der Berufene zeigen, was sie binnen eines Monats zu einem bestimmten Thema getextet und komponiert haben.
„Alle Beteiligten – Besucher:innen, Künstler:innen, Veranstalter:innen – haben das Bedürfnis, aktiv zum Glück der anderen beizutragen. Das adriA kennt keine Festivalhierarchie, die Stars der Liedermacher:innen-Szene sitzen hier am selben Lagerfeuer wie ihre Fans. Und wenn die Gitarre kreist, zählt nur das Lied; niemand fragt danach, wer außerhalb dieser magischen Tage welche Hallen füllt“, sagt Martin Veit. Während die Stimmung auf dem Festival vertraut und friedlich ist, gibt es immer mal wieder Konflikte mit Dorfbewohnern, meistens hinsichtlich Lärmvorwürfen. Aus Veits Warte sei man aber sehr bemüht, die Interessen der Ortsansässigen zu berücksichtigen. Bei der Programmgestaltung sei das gut machbar. Zum Beispiel gebe es auch Kopfhörerkonzerte. Bei spätnächtlichen Lagerfeuerkonzerten könnte es hin und wieder aber auch sehr ausgelassen zugehen.
Hinter den Kulissen hatte man in den letzten Jahren viel mit Wechseln zu tun. Corona verlangte mehr Abstand, daher wurde eine große Bühne bezogen. Dann wurden kleinere Locations zu Bühnen hergerichtet, um eine intimere Atmosphäre zu fördern, und wieder umgenutzt. Zuletzt wurden die Deko verändert und Teile des Moderationskonzepts. So wird man ab 2026 zum Beispiel auf die Niedermacherei verzichten. Durch all diese Herausforderungen wuchs über die Jahre ein stabiles Team, das dazu beiträgt, dass die Veranstaltung von Jahr zu Jahr besser wird.
Da im Zusammenhang von adriAkustik ein eher linksalternatives Spektrum auf ein politisch recht konservatives Milieu trifft, was die ortsansässige Nachbarschaft betrifft, sind hier und da immer wieder Diplomatie und Haltung gefordert. Darüber hinaus ist innerhalb der Szene mit Fokus auf deutschsprachiger Liedkultur ein Genderwandel zu beobachten. Martin Veit sieht es so: „Das adriAkustik will Schutzraum für Liederliebende sein – und beweist, dass es gelingt.“ Denn die starke Präsenz weiblicher Stimmen zeigt, dass Wandel möglich ist: Die Szene deren ‚Heilige‘ lange Hannes Wader, Konstantin Wecker oder Reinhard Mey hießen, lauscht in Deutzen Dota Kehr, Sarah Lesch, Miss Allie, Paula Linke oder Maike Rosa Vogel. Dabei gewinnen alle – vor allem die deutsche Liedkultur.








0 Kommentare