Seit nahezu fünf Jahrzehnten steht er auf der Bühne und ist immer noch voller Ideen. Im Februar feierte der Folkrocker Stoppok seinen siebzigsten Geburtstag. Im Gespräch mit dem folker blickt der Musiker zurück auf seine ereignisreiche Karriere und erzählt, weshalb das Songschreiben für ihn immer leichter wird.
Interview: Erik Prochnow
„Seinen Lebensunterhalt mit etwas zu verdienen, das man von tiefstem Herzen liebt, ist pures Glück.“
Wie fühlt man sich mit siebzig? Oder spielt das Alter für dich keine große Rolle?
Das Alter spielt natürlich eine Rolle. Aber anders als viele denken. Ich laufe vor dem Alter nicht weg. Ich bin heilfroh, so alt zu sein. Gerade als Musiker habe ich die besten Zeiten erfahren und erlebe sie immer noch. Das ist alles auf meiner Habenseite des Lebens.
Eigentlich wolltest du Krankenpfleger werden. Nun stehst du seit fast fünfzig Jahren auf der Bühne. Was ist das Fazit deiner Musikerkarriere?
Seinen Lebensunterhalt mit etwas zu verdienen, das man von tiefstem Herzen liebt, ist pures Glück. Ich bin kreativ und bei keinem meiner unzähligen Konzerte kam je Routine auf. Ich bin noch nie auf die Bühne gegangen und habe gesagt: „Jetzt wollen wir mal wieder“. Das würde ich jedem wünschen.
Aber das kommt nicht automatisch. Was muss man dafür aus deiner Sicht mitbringen?
Ich glaube, es hat bei mir damit zu tun, dass ich aus einfachen Verhältnissen komme. Meine Mutter hat mich und meinen älteren Bruder alleine großgezogen, und wir hatten nie viel Geld. Dennoch schaffte sie es nach dem Tod meines Vaters – da war ich zwölf Jahre alt – mir eine Gitarre zu schenken. Von da an allerdings musste ich mir alles Weitere wie etwa eine E-Gitarre neben der Schule selbst erarbeiten. Ich musste früh lernen, selbständig für mich zu sorgen. Das prägt. Wo andere in Panik geraten, etwa Existenzängste haben, weil das Geld alle ist, bleibe ich ruhig und überlege, was ich tun kann. Aber einen wirklichen Tipp kann ich nicht geben, weil die Zeit für mich gespielt hat.
Kannst du das erläutern?
Vor allem in den Siebziger- und Achtzigerjahren hatten wir die Möglichkeiten, uns auszuprobieren. Ich habe so viele schlechte Konzerte gespielt, etwa weil ich zu viel getrunken hatte oder nicht vorbereitet war. Aber ich konnte mir das leisten, weil die Clubs mich wieder engagiert haben. Vielleicht sind ein paar Leute beim nächsten Mal nicht gekommen, aber das hat keinen interessiert. Heute wäre das nicht mehr möglich. Wenn du ein schlechtes Konzert spielst, filmt das jemand, stellt das ins Netz, und man wird nicht mehr gebucht. Unter diesem Druck ist es schwierig, seine Unabhängigkeit zu bewahren. Für mich war das immer wichtig.
Inwiefern?
Mit neunzehn bin ich für rund drei Jahre durch Europa gezogen und habe Straßenmusik gemacht. Da habe ich gelernt, dass ich auf der Straße immer mein Geld verdienen kann und nicht irgendwelchen Vorgaben anderer hinterherrennen muss. So habe ich die ersten Angebote von Plattenfirmen Anfang der Achtziger nicht angenommen, wenn ich ein ungutes Gefühl hatte, auch wenn ich das Geld dringend gebraucht hätte. Für mich ist es wichtig, selbst zu bestimmen, wann ich Zugeständnisse mache und wann nicht, und bestimmte Dinge muss man in diesem Geschäft machen. Ich habe mir diese Unabhängigkeit immer bewahrt. Aber unter der permanenten Beobachtung der sozialen Medien ist es für die jungen Künstler heute sehr schwer, diese Leidenschaft zu entwickeln.
Du konntest dabei aber auch immer auf Hilfe im letzten Moment vertrauen?
Das stimmt, und ich glaube, dass das Vertrauen darauf mit dem Gefühl zu tun hat, für sich selbst verantwortlich zu sein. Ich habe viele Situationen erlebt, in denen ich dachte: „Das war es, jetzt geht nichts mehr.“ Wenn ich mich dann entspannte und auf den Moment einließ, ging immer eine neue Tür auf, kam ein Anruf mit einem neuen Angebot oder dem Auftrag, eine Filmmusik zu schreiben. Das zieht sich durch mein ganzes Leben.
Wie wichtig sind dabei für dich Beziehungen?
Ich hatte in meinem Leben drei wesentliche Beziehungen, und die waren für mich immer das Wichtigste. Auch wenn es rund um die Bühne viele Gelegenheiten gab, habe ich nie schnelle Affären angefangen. Wir Musiker erschaffen eine gewisse Atmosphäre, die bestimmte Fans anzieht. Diese Situationen sollte man nie ausnutzen. Selbst wenn es freiwillig geschähe oder die Fans erwachsen sein sollten, ist das für mich Machtmissbrauch.
Stimmt es, dass man dir an der Essener Folkwangschule nahegelegt hat, die Finger von der Musik zu lassen?
Das stimmt, und es war sogar noch viel krasser. Als ich mit sechzehn die Realschule absolviert hatte, überlegte ich mit meiner Mutter, was ich machen wollte. Ich konnte inzwischen sehr gut Gitarre spielen, vor allem schnelles Ragtime-Fingerpicking. Hatte bereits mit dreizehn eine eigene Deutschrockband gegründet und bin dann im Folkclub Witten zur Folkmusik gekommen. Ich fand es faszinierend, dass Leute einfach nur mit einer Gitarre vor einem Publikum spielten und Geschichten erzählten. Das war mein erstes wirkliches Liveerlebnis. Da hatte ich die Idee, auf die Folkwangschule zu gehen. Mir war klar, dass damals an Hochschulen nur Klassik angesagt war, und ich war auch bereit, sie zu lernen. Ich dachte, ich spiele einfach mal vor, was ich kann, und dann sieht der Professor, dass ich musikalisch bin. Aber bereits als ich meine Stahlsaitengitarre rausholte, hat er die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Ich habe mich aber nicht beirren lassen und ihm meine Sachen vorgespielt. Er hat es dann schnell abgebrochen und gemeint, es sei das Allerletzte, was ich da spiele, und ich sei völlig unmusikalisch. Mit sechzehn Jahren war das schon eine heftige Klatsche.
Und wie bist du damit umgegangen?
Ich habe mich an die Ruhr gesetzt und gedacht, das kann einfach nicht sein, dass ich unmusikalisch bin. Ich liebe die Musik, ich spiele bereits in Bands. Das ist ein Idiot. Es dauerte eine halbe Stunde, dann hatte ich das abgehakt. Eine große Genugtuung war dann Jahre später für mich, dass ich mit den Besten der Folkwangschule in einer Jazzband spielte. Und obwohl ich keine Noten lesen kann, habe ich viel schneller auch die kompliziertesten Jazzstücke rausgehört.
Und als Reaktion auf diese Abfuhr bist du dann als Straßenmusiker durch Europa gezogen?
Ich wäre, wie gesagt, dann gerne Krankenpfleger geworden und habe auch eine Zeit in dem Job gearbeitet. Aber ich habe gemerkt, dass mich das System mit Sicherheit fertigmachen würde. Da habe ich mit einem Freund einen alten Bus gekauft, den wir umbauten, und dann sind wir an die Côte d’Azur losgezogen. Noch heute ist das kaum zu glauben, dass meine Mutter mich mit neunzehn einfach hat gehen lassen, ohne eine Vorstellung davon, was ich da mache. Aber sie hat mir vertraut und mich immer moralisch unterstützt. Dieses Vertrauen hat eine unglaubliche Kraft, und das kann man jungen Leute heute so nicht mehr vermitteln.
Einfach loszuziehen setzt aber auch Abenteuerlust voraus?
Sicherlich. Meinem Freund war es zum Beispiel zu stressig und er ist bald wieder ausgestiegen. Ich habe dann einen Engländer kennengelernt, der gut Banjo spielen konnte, und mit dem bin ich dann weitergezogen. Dazu kamen dann immer wieder andere Leute. Man kann sagen, es war eine Drei-bis-Vier-Jahresparty. Ein unglaubliches Freiheitsgefühl. Es gab aber auch damals natürlich Regeln und Vorschriften, die versuchten uns auszubremsen. So sind wir in der Schweiz wegen Bettelei verhaftet worden, weil Straßenmusik dort nicht einfach erlaubt war. Aber das hat uns nie entmutigt.
Gab es einen Ort, der dich auf der Reise sehr geprägt hat?
Das war definitiv Collioure an der französischen Mittelmeerküste, nicht weit von der spanischen Grenze. Es war ein magischer Ort. Dort trafen jeden Tag neue Musiker ein – Spanier, Iren, Franzosen. Man saß am Strand und hat gemeinsam gespielt. Dort habe ich meinen ersten deutschsprachigen Song geschrieben und viele neue Stücke gelernt. So zum Beispiel den „Song For Kathy“, ein Ragtime-Stück von Marcel Dadi. Ich kann es noch heute spielen.
Warum hast du dich nicht in Frankreich niedergelassen?
Einerseits bin ich nicht sehr fremdsprachenbegabt. Andererseits ging dort meine erste große Liebe nach rund zwei Jahren in die Brüche und ich war etwas verloren. Außerdem hat es mich genervt, dass andere, die nicht annähernd unser Niveau auf der Straße hatten, in irgendwelchen Stadthallen für viel Eintrittsgeld spielten, während wir auf Spenden angewiesen waren. Da habe ich gemerkt, dass ich mich in meinem Leben nicht unter Wert verkaufen will. Dennoch war die Zeit auf der Straße eine wunderbare Schule, besonders für meine heutigen Liveauftritte.
Ältere Bilder:
„Ich schreibe heute entspannter, unbewusster, weil nach all den Jahren die vielen Erfahrungen herauskommen.“
Blickst du durch deinen Herzinfarkt 2022 anders auf deine Karriere zurück?
Nein. Durch die gesamten Erfahrungen, die ich in meinem Leben gemacht habe, hat mich auch der Herzinfarkt nicht groß umgehauen. Ich kenne viele, die dann einen Psychoknacks bekommen haben und gegenüber ihrem Körper unsicher geworden sind. Das kenne ich nicht. Ich bin einfach froh, dass alles gut gelaufen ist, und ich mache weiter wie bisher.
Deine Alben werden jedoch seitdem immer erfolgreicher. Schreibst du deine Songs seit der Erkrankung bewusster?
Keine Ahnung. Ich glaube, es ist eher das Gegenteil. Ich schreibe entspannter, unbewusster, weil nach all den Jahren die vielen Erfahrungen herauskommen. Früher habe ich mir viel mehr Gedanken über einen Song gemacht. Heute schreibe ich einen Text manchmal nach dem Frühstück in zehn Minuten. Meistens setze ich mich an die Gitarre und klimpere ein bisschen. Wenn dann eine Zeile kommt, fließt es. Ich habe immer wieder neue Ideen, und ich zweifle weniger an mir selbst. Das Schreiben wird selbstverständlicher. Der kreative Prozess bricht überhaupt nicht ab, und das ist das schönste Gefühl.
Deine Texte leben von dem Spiel mit Worten. Hast du dieses Talent schon immer gehabt?
Ein Gefühl für Sprache hatte ich schon immer. Aber ich habe in meinem Leben vielleicht maximal zwanzig Bücher gelesen und konnte daher in Diskussionen oft intellektuell nicht mithalten. Inzwischen merke ich aber, was das für ein Vorteil ist, dieses Wissen nicht zu haben. Es gibt mir vielleicht die Freiheit, einen unverstellteren Blick auf Dinge zu werfen und Geschichten mit vielen Doppeldeutigkeiten zu erzählen. Für mich gehören Musik und Sprache eng zusammen. Das inspiriert sich gegenseitig, aus einer Zeile ergibt sich die Musik. Deshalb wirkt das auch nie gestellt.
Wir leben derzeit in einer sehr unsicheren und chaotischen Zeit. Sollten Musiker sich in ihrer Kunst stärker politisch äußern?
Ich glaube, wenn alle Musiker wirklich immer auf die Missstände hinweisen würden, hätten wir eine Chance. Leider gibt es zu viele schwachsinnige Texte, die vorgaukeln, die Welt sei in Ordnung, was sie aber nicht ist. Ich persönlich muss Lieder hören, die was zu sagen haben und in denen es auch gerade sprachlich eine Spannung gibt. Sonst ist es langweilig und man könnte auch einfach die KI einschalten. Deshalb spiele ich so gerne in Clubs, weil man dort die Leute direkt erreicht. Die Zuhörer dort spüren, dass man ihnen nichts vormacht.
Gibt es noch etwas in deiner Karriere, das du unbedingt erreichen möchtest?
Es gibt ja immer Leute, die mir nicht abkaufen, dass ich kein Problem damit habe, keine große Karriere gemacht zu haben. Aber nach wie vor find ich das furchtbar, wenn man nicht mehr rausgehen kann oder sich selbst überschätzt, weil einem 50.000 Menschen zujubeln. Das muss eine Persönlichkeit erst einmal aushalten. Und die meisten halten es eben nicht aus und werden größenwahnsinnig.
Da gibt es also nichts, das Du bedauerst?
Na ja, ich bedauere natürlich ein bisschen, nicht die Kohle zu machen, die mit der großen Karriere zusammenhängt. Aber ich würde den Preis nicht zahlen wollen. Dennoch wäre es toll, das Geld zu haben, um meine verschiedenen Projekte lockerer, ohne ständiges Überlegen finanzieren zu können. Wenn ich jedoch darüber nachdenke, dann gibt es eine Sache, die mir noch Spaß gemacht hätte und wo ich ein bisschen neidisch werde: Wenn ein Song von mir ein internationaler Hit geworden wäre, wie zum Beispiel „Lemon Tree“ von meinem Freund Peter Freudenthaler von Fools Garden. Den Song hat übrigens bei meinem letzten Südfrankreichbesuch genau in Collioure ein asiatisch anmutender Straßenmusiker fröhlich geträllert.
Aktuelles Album:
26/70- die Songs von Stoppok (Glitterhouse, VÖ: 10.7.2026)
Aufmacherbild:






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